13.04.2020 - 15:46 Uhr
EslarnOberpfalz

Sicherheit geht auch im "Urwald" vor

Kreischende Motorsägen im Naturwaldreservat: Wer eine illegale Abholzaktion vermutet, befindet sich auf dem falschen Ast. Der Borkenkäfer zwingt die Bayerischen Staatsforsten zu dieser ungewöhnlichen Maßnahme – das erste Mal seit 40 Jahren.

Abstand gilt in Coronazeiten auch beim Ortstermin im Wald: Ingo Greim vom Forstbetrieb Flossenbürg (von links) und Forstdirektor Gerhard Hösl lassen sich von Revierleiter Rudolf Stadler die zum Fällen markierten Bäume zeigen. Ab 14. April läuft die Abholzaktion in Sichtweite zum Stückberg-Aussichtsturm an.
von Gertraud Portner Kontakt Profil
Revierleiter Rudolf Stadler an der Übersichtskarte am Ausgangspunkt beim Wildpark Eslarn.
Die mächtigen Fichten können Borkenkäfer und Stürmen nicht mehr lange trotzen. Künftig wird sich hier die Buche durchsetzen.

Stürme, Borkenkäfer und jetzt auch noch Corona: Waldbesitzer und Sägebetriebe bleiben derzeit auf ihrem Holz sitzen. Bei der nach Ostern geplanten Abholz-Aktion im Naturwaldreservat Stückberg – an der Landkreisgrenze von Neustadt/WN und Schwandorf gelegen – spielt dies keine Rolle. Hier bleiben Stämme und Gipfel liegen und verwandeln sich in Totholz. Anders sieht die Sache bei den angrenzenden Privatwaldbesitzern in den Gemeinden Schönsee und Oberviechtach aus. Sie beobachten mit Sorge die dürren Kronen und kahlen Stämme im 1978 angelegten Reservat. Doch Rudolf Stadler, Revierleiter des Forstbetriebs Flossenbürg, wird hier die nächsten Wochen vermehrt kontrollieren.

Mitte April ist Flugsaison für den Borkenkäfer. Der Schädling kann auch gesunde Bäume befallen und ganze Bestände vernichten. Forstexperten beurteilen die Situation – das vierte Jahr in Folge – als dramatisch: Dem Wald fehlt das Wasser und den geschwächten Fichten der Saft. „Wir befinden uns hier auf etwa 800 Meter Höhe. Da ist die Vegetationszeit kürzer und der Käfer eigentlich nicht so aktiv. Doch 2019 war ein sehr trockenes Jahr und er hat flächig zugeschlagen“, sagt Förster Stadler beim Ortstermin. Sein sorgenvoller Blick fängt sich an vielen dürren Ästen: „Wenn es 2020 wieder so wird, gehen wir einer extremen Situation entgegen.“

Lebensraum und Gefahr

„Die abgestorbenen Bäume dienen einerseits vielen Waldbewohnern als Lebensraum, andererseits stellen sie für die Waldbesucher eine nicht unerhebliche Gefahr dar“, erklärt Ingo Greim, stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Flossenbürg der Bayerischen Staatsforsten. Die Beseitigung der Gefahrenquellen am markierten Wanderweg und am Bergweg sei deshalb dringend. Die Aktion erfolgt in Absprache mit dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Weiden/Pressath, weshalb auch Forstdirektor Gerhard Hösl am Pressetermin teilnimmt.

Drei Forstwirte des Forstbetriebs rücken ab 14. April mit Motorsäge, Schlepper und Seilwinde an, um die teils mächtigen Fichten im steilen und felsigen Gelände in Sichtweite des Stückberg-Aussichtsturms zu fällen. „Eine gefährliche Arbeit, die aber unbedingt notwendig ist“, betont Greim. Die Entscheidung sei nicht leicht gefallen, denn es handle sich um ein Waldgebiet, das weitgehend unbeeinflusst vom Menschen bleiben sollte – quasi wie ein Urwald. „Es ist der Bayerische Nationalpark im Kleinen“, sagt Greim und schwärmt vom hohen Anteil abgestorbener, noch stehender oder bereits umgestürzter alter Fichten, Tannen und Buchen. Diese würden wertvollen Brutraum und Lebensgrundlage für viele selten gewordene Vögel, Pilze, Käfer und andere Insekten, insbesondere Schmetterlinge, bilden. Auch wenn Wanderer die markierten Wege nicht verlassen dürfen, stellen abgestorbene Bäume am Rand eine Gefahr dar. „Das Bild am Stückberg-Gipfel wird sich dramatisch verändern. Es entsteht mehr Licht, wo bisher geschlossener Wald war“, gibt Rudolf Stadler zu bedenken. Denn am Abschnitt vom Forstweg bis zum Aussichtsturm werden immerhin rund 200 Festmeter gefällt. Bis zu 50 Meter Abstand zum Weg hat der Förster die betroffenen Fichten mit einem roten Punkt markiert: „Es ist die erste große Maßnahme seit 40 Jahren. Normalerweise machen wir jährlich nur eine kleine Verkehrssicherung.“ Und Greim ergänzt mit Blick auf die Naturverjüngung: „Künftig wird sich hier die Buche und Tanne durchsetzen und die Fichte irgendwann ganz verschwinden.“

Künftig wird sich hier die Buche und Tanne durchsetzen und die Fichte irgendwann ganz verschwinden.

Ingo Greim, stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Flossenbürg

Ingo Greim, stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Flossenbürg

Privatwald schützen

"Stehendes Totholz ist schöner als liegendes", meint Forstdirektor Gerhard Hösl. Er spricht den ursprünglichen Gedanken der natürlichen Dynamik an. Auch wolle man beobachten, wie sich der Wald ohne menschlichen Eingriff zu einem lebendigen Ökosystem entwickelt. "Das gefällte Holz verbleibt natürlich an Ort und Stelle", stellt Hösl klar. Nur in einem engen Streifen am Rande des Reservats (etwa 500 Meter) werden bei frischem Borkenkäferbefall die Stämme auch abtransportiert. Damit soll verhindert werden, dass der Borkenkäfer private Flächen im Südosten gefährdet. Förster Rudolf Stadler betreut das Naturwaldreservat im Staatsforst seit über 30 Jahren. Er wird die nächsten Wochen die Augen offen halten und appelliert auch an die angrenzenden Waldbesitzer, auf einen möglichen Käferbefall an den Fichten zu achten.

Hintergrund:

Naturwaldreservat

Das Naturwaldreservat Stückberg erstreckt sich über 46 Hektar und wurde im Jahr 1978 als eines der ersten Reservate in Bayern ausgewiesen. Das im Staatswald gelegene Reservat wird durch den Forstbetrieb Flossenbürg der Bayerischen Staatsforsten betreut. Regelmäßige Untersuchungen der Flora und Fauna und Forschungen zur Waldentwicklung erfolgen durch die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft Freising. Der 2018 sanierte Stückberg-Aussichtsturm bietet eine gigantische Rundum-Fernsicht. Am Fuße des Berges - an der Straße zwischen Schönsee und Eslarn - liegt ein Wildpark. Hier startet der Wanderweg durch das felsige Reservat bis zum Aussichtsturm. (ptr)

Ein „Urwald“ mit starken Bäumen und viel Totholz. Auch die rund 200 Festmeter Fichtenstämme, die diese Woche gefällt werden, bleiben liegen.
Das Naturwaldreservat am Stückberg liegt zwischen den Gemeinden Eslarn, Schönsee und Oberviechtach. Der Wanderweg zum Aussichtsturm startet am Wildpark. Er wird ab sofort für etliche Tage gesperrt.
Der morsche Baumstamm hat sich schon fast zersetzt und wird Teil des natürlichen Nährstoffkreislaufs. Im Hintergrund der Stückberg-Aussichtsturm.
Nur wenige Meter abseits des Weges präsentiert sich das Reservat sehr naturbelassen. Das freut Ingo Greim (rechts) und Gerhard Hösl.
Info-Tafel zur Geologie des Stückbergs am Rande des Wanderweges.

 

 

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