08.05.2019 - 10:21 Uhr
Etsdorf bei FreudenbergOberpfalz

Ein Stern für Europa in Etsdorf

Offene Grenzen, Währungseinheit und Gesetze für Gurken - Europas Gesichter sind genauso vielfältig wie seine Bewohner. Zwei davon setzen in Etsdorf nun kurz vor der Europawahl ein künstlerisches Statement zum Konstrukt unseres Kontinents.

Christian Schnurer schreitet zur Tat: Seine Kunstinstallation "Lone Star" ist auf dem zukünftigen Bauplatz der Glyptothek zu sehen.
von PKMOProfil

Es weht ein eisiger Wind 22 Tage vor der Europawahl auf einem Feld das einmal eine geschichtsträchtige Rolle übernehmen soll: Auf dem geplanten Bauplatz der Glyptothek Etsdorf (Gemeinde Freudenberg) hisst der Künstler Christian Schnurer die erste Flagge seines europaweiten Kunstprojekts "Lone Star". Wie wild flattert die Flagge mit dem einzelnen Europa-Stern im Wind. Wie sinnbildlich für ein von Krisen gebeuteltes Europa, das sich in diesen Tagen beweisen muss und sich am 26. Mai dem Urteil seiner Bewohner stellt.

Keimzelle der Kultur

Künstler Christian Schnurer bei den letzten Vorbereitungen an seiner Flagge

Schnurer mit seiner Kunstinstallation "Lone Star" und der Künstler Hans Lankes mit seiner Statement-Serie "Europa to go" bereichern bis September das Tempelmuseum in Etsdorf mit ihren Ausstellungsstücken. Nun wurden die beiden Ausstellungen offiziell eröffnet. "Es freut mich besonders, dass hier in Etsdorf eine Keimzelle der Kultur entstanden ist", sagte Bürgermeister Alwin Märkl in seiner Rede. Auch der Etsdorfer Initiator der Glyptothek-Idee, Wilhelm Koch, freute sich über die erneute Zusammenarbeit mit den beiden Künstlern: "Wir wollen hier einen Ort für Kunstschaffende herstellen und ihn im Sinne der Demokratie weiterentwickeln."

Obwohl sie aus verschiedenen Kunstrichtungen kommen, haben Schnurer und Lankes einen gemeinsames Sorgenkind: Europa. In jüngster Vergangenheit von Interessenkonflikten und Austrittswünschen der beteiligten Länder gebeutelt, versuchen sich die Künstler für den Erhalt und die Stärkung der europäischen Gemeinschaft einzusetzen. "Lone Star", das ist ein diplomatisches Kunstreiseprojekt, bei dem Christian Schnurer die Europaflagge in ihre Einzelteile zerlegt und damit quer durch den gesamten Kontinent, vor allem an Europas Grenzen, reist. "Mit meiner Arbeit möchte ich die Hoffnung auf Europa wiederherstellen. In anderen Ländern ist das Bewusstsein für den Rückhalt aus der europäischen Gemeinschaft stärker ausgeprägt als bei uns. Europa muss gerettet werden", sagt der Künstler.

Die nächste Station seiner Reise liegt weit im Osten Europas: Die ukrainische Stadt Mariupol. Am 19. September wird Schnurer dort eine weitere Flagge am Asowschen Meer platzieren. Das Projekt in Mariupol ist Teil des deutsch-ukrainischen Kunst- und Literatur-Symposiums, "Eine Brücke aus Papier", und wird unterstützt vom Auswärtigen Amt und dem Goethe-Institut. Neben dem "Lone Star" gibt es im Tempelmuseum auch einen Teil seines Projekts "Rescue Europe", in Form einer Seenot-Rettungskapsel, zu sehen. Darin läuft ein Film einer Kunstinstallation am Wolfgangsee: Viele Rettungswesten treiben als Einheit auf dem See und erinnern nicht zufällig an die Flüchtlingsproblematik, die noch immer ein großes Thema in Europa ist und einschneidende Veränderungen mit sich gebracht hat.

"Europa to go"

Künstler Hans Lankes stellt im Tempelmuseum Etsdorf noch bis September seine Statement-Serie "Europa to go" aus.

Hans Lankes schlägt mit seinen Werken einen direkteren Ton an: "Steht es auf Facebook, auf Twitter oder ist es wahr?", heißt es auf einem der 54 Motive, die auf Holzplatten gedruckt sind. Der Titel seiner Reihe, "Europa to go", symbolisiert die Mentalität einer Mitnahmegesellschaft: "Für viele sind die offenen Grenzen und alle Vorteile dieser Einheit doch selbstverständlich. Ignoranz ist das Problem", so Lankes. "Die Gegner sind oft am lautesten. Ich möchte die Menschen für das Positive an Europa mobilisieren. Europa ist ein zerbrechliches Konstrukt, dessen Wert uns gar nicht bewusst ist." Auf den Bildern, die jeweils aus Illustrationen mit Text bestehen und in schwarz-weiß gehalten sind, geht es um viele wichtige Themen: Digitalisierung, Landwirtschaft, Geld, Wut, Populismus. Lankes Reihe ist mit dieser Ausstellung nicht beendet: "Ich finde ständig weitere Anregungen, wie viele Bilder noch dazukommen ist offen. Bei Europa geht es nicht nur um gerade oder krumme Gurken. Europa ist ein Lebensgefühl, ein Schatz, den wir bewahren müssen." Bei dem Veränderungspotenzial der Kunst relativiert Lankes: "Nur schöne Bilder zu malen, bringt uns nicht weiter. Aber man kann einen Impuls setzen."

Nach einem intensiven Austausch mit den Künstlern im Tempelmuseum, ging es schließlich zum künftigen Bauplatz der Glyptothek. Christian Schnurer hat an den voraussichtlichen Eckpunkten des Gebäudes vier Pfosten aufgestellt. Während er gegen den Wind ankämpft, hisst er an einem nun seine erste Flagge. Die Glyptothek in Etsdorf soll einmal zum europäischen Kulturgut beitragen und einen Begegnungspunkt bieten. Wilhelm Koch freut sich besonders über den neuzeitlichen Entwurf mit historischen Zügen von Architekt Peter Haimerl: "Wir in der Oberpfalz zehren oft von den Bauwerken vergangener Tage. Von Kirchen oder Brücken. Mit der Glyptothek wollen wir etwas Neues schaffen, das auch in Jahren ein Wahrzeichen darstellt. Sie könnte zum neuen Hotspot der Region werden."

Was bedeutet Europa?

Auf dem zukünftigen Bauplatz der Glyptothek Etsdorf weht nun der "Lone Star" von Christian Schnurer.

Während der goldene Stern auf dem blauen Grund in Etsdorf vor sich hinweht, wird bis zur Europawahl in Gremien und an Stammtischen weiter eifrig über Europa diskutiert. Kurz vor der Wahl stellen die beiden Ausstellungen im Zentrum des Kontinents ganz berechtigt die Frage: "Was bedeutet Europa für mich?" Die Antworten lassen sie dabei offen und geben ganz gezielt Raum, worum es wirklich geht: jene Menschen, die in Europa leben (wollen).

(von links) Künstler Christian Schnurer ("Lone Star"), Wilhelm Koch, Künstler Hans Lankes ("Europa to go") und Bürgermeister Alwin Märkl freuen sich über die gelungenen Projekte bei der Eröffnung der beiden Ausstellungen.

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