27.06.2018 - 15:48 Uhr
FloßOberpfalz

Floß kämpft um Asylbewerberfamilie

Anahit engagiert sich beim Katholischen Frauenbund, Artur spielt Fußball bei den Alten Herren. Nun droht ihnen die Abschiebung. Die Flosser wollen das nicht hinnehmen und haben eine Unterschriftenaktion initiert.

Artur Ghazaryan (Dritter von rechts), seine Ehefrau Anahit Baloyan (Fünfte von rechts) sowie die Söhne Mayis und Ruben (vorne) bekommen Unterstützung von allen Seiten. Wir stehen hinter euch“, signalisieren dritte Bürgermeisterin Rita Rosner (von links), Katja Buchner, Pfarrer Wilfried Römischer, Rektor Peter Steigner, zweiter Bürgermeister Oliver Mutterer, Daniel Gonsior und Pfarrer Max Früchtl.
von Michaela Lowak Kontakt Profil

Seit 2014 leben Artur Ghazaryan, seine Frau Anahit Baloyan sowie die Söhne Mayis (11) und Ruben (7) im Markt. Von Anfang an bemühen sie sich, in Floß Fuß zu fassen und die deutsche Sprache zu lernen. Der fußballbegeisterte Artur und die Buben finden schnell Anschluss beim SV Floß. Anahit tritt dem Katholischen Frauenbund bei. Mayis kommt vor zwei Jahren zur Kommunion, jetzt bereitet er sich auf die Firmung vor. "Die Familie gehört zu Floß", sagt der katholische Pfarrer Max Früchtl. "Sie ist hier mehr verwurzelt, als so manch Einheimischer." Doch im Herbst 2017 kommt die Hiobsbotschaft. Der Asylantrag wird nicht anerkannt, obwohl Artur seine Heimat Armenien aus politischen Gründen verlassen musste.

Dabei gelingt es der Familie schon nach zwei Jahren in Deutschland, komplett finanziell unabhängig zu sein. Schnell finden die Eltern Arbeit. Anahit scheut sich nicht, einen Job in der Wäscherei des Seniorenheims anzunehmen, obwohl sie in ihrer Heimat Wirtschaft studiert hat. Artur kann bei Anlagenbau Bock in Gösen anfangen, später arbeitet auch er im Seniorenheim.

Die Regierung der Oberpfalz honoriert dies und genehmigt dem Ehepaar Ghazaryan/Baloyan eine eigene Wohnung. Die Familie darf im Januar 2016 aus der vom Landkreis zur Verfügung gestellten Unterkunft ausziehen und sich selbst eine Bleibe suchen. Unterstützung bekommt sie besonders von dritter Bürgermeisterin und Kreisrätin Rita Rosner. Die CSU-Politikerin unterstützt Anahit und Artur bei vielen bürokratischen Fragen. "Im Laufe der Jahre hat sich auch eine Freundschaft entwickelt. Mein Mann und ich sind sogar Taufpaten für die Kinder", erzählt Rosner.

Artur, Oppositionspolitiker und Angestellter bei einer Kommunalverwaltung, hat einige Monate in Haft verbracht und galt in Armenien als "missliebige Person". "Keine schöne Zeit", erinnert sich der 37-Jährige. Als es der Verwandtschaft gelingt, ihn durch "Schmiergelder" freizukaufen, verlässt er 2013 das Land. Anahit und die Kinder folgen ihm ein Jahr später.

Die Familie klagt gegen die Ablehnung beim Verwaltungsgericht in Regensburg. Eine Anfrage in Armenien soll die Angelegenheit klären, doch bis eine Antwort eintrifft, können Monate, wenn nicht sogar Jahre vergehen. Anahit kann die Ablehnung nicht verstehen: "So eine Geschichte kann man sich doch nicht ausdenken", fragt sie sich verzweifelt.

Anfang des Jahres kommt der nächste Schock: Dem Paar wird von heute auf morgen die Arbeitserlaubnis entzogen. Außerdem sollen sie innerhalb weniger Wochen ihre Wohnung räumen und in eine Gemeinschaftsunterkunft nach Eslarn ziehen. Bislang organisierte die Familie ihr Leben selbst und fiel der Staatskasse kaum zur Last.

Besonders hart würde der Umzug den elfjährigen Mayis treffen, der inzwischen das Gymnasium in Neustadt besucht. Rita Rosner versteht die Welt nicht mehr. "Das sind Menschen und keine Handelsware", ärgert sie sich. "Die Familie hat sich durch eigenen Fleiß die Wohnung und einen Lebensbereich erarbeitet." Nur weil damals die Behörden scheinbar überfordert waren, könne man zwei Jahren später die Leute nicht dafür leiden lassen.





Ausbildung: Altenpflegerin

Mit Hilfe der Landtagsabgeordneten Petra Dettenhöfer (CSU) kann das Damoklesschwert Eslarn abgewendet werden. Anahit könnte zudem im Seniorenheim "Reiserwinkel" sofort eine Ausbildung zur Altenpflegerin anfangen. Der Vertrag liegt bereit, doch die Zentrale Ausländerbehörde (ZAB) in Regensburg lehnt dies ab. "Warum?", fragt sich Rita Rosner. "Können wir es uns leisten, Leute, die freiwillig in der Pflege arbeiten wollen, abzuweisen?" Auch Artur würde sofort gerne wieder ins Berufsleben einsteigen: "Ich will nicht auf der Couch sitzen und nur die Hand aufhalten. Ich will arbeiten", ärgert er sich.

Die Familie bekommt moralische Unterstützung von allen Seiten. Als Rita Rosner eine Unterschriftenaktion vorschlägt, signalisieren viele Flosser ihre Unterstützung. Daniel Gonsior spricht als Freund und Fußballkamerad bei den Alten Herren des SV Floß: "Eine besser integrierte Familie kann man sich nicht wünschen. Die Kinder sprechen perfekt Oberpfälzisch. Sie haben hier in Floß ihre Heimat gefunden und gehören einfach zu uns."

Viele Unterstützer

Seit eineinhalb Wochen liegen in Floß Listen aus. Unterstützung gibt es von allen drei Bürgermeistern, von Rektor Peter Steigner, von Christina Schaller, Vorsitzende des Katholischen Frauenbunds, von Katja Buchner vom Kindergarten-Eltenbeirat, von Pfarrer Max Früchtl, seinem evangelischen Kollegen Pfarrer Wilfried Römischer und vielen mehr.

Einige 100 Menschen haben schon unterschrieben. "Die genaue Zahl lässt sich nicht sagen, weil verschiedene Listen noch im Umlauf sind." Noch bis Mitte Juli will die dritte Bürgermeistern die Aktion laufen lassen. "Wir wollen, dass die Familie Ghazaryan/Baloyan in Floß bleiben und arbeiten darf", lautet ihr sehnlichster Wunsch. Angemerkt

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