23.08.2018 - 14:12 Uhr
Forsthof bei WinklarnOberpfalz

Mit dem Schulbus durch Nordamerika

Ein Jahr lang tourte das Oberpfälzer Ehepaar Praschel mit den zwei Töchtern durch Kanada, Alaska und dann in Richtung Süden bis Mexiko. Mutter Heike beschreibt die turbulenten Monate in einem Buch. Doch das Fernweh ist nicht gestillt.

von Gertraud Portner Kontakt Profil

(ptr) Bei der ersten Reise der Familie Praschel im leuchtend roten Mercedeslaster ging es von 2010 bis 2013 insgesamt 30 Monate rund um die Welt. Ein Jahr später erschien das Buch „Weltenbummler“. Im Juni 2016 ging die Familie wieder auf Tour. In nur neun Wochen wurde ein alter Schulbus zu einem gemütlichen Zuhause umgebaut und damit tuckerten die Vier ein Jahr lang durch die Weiten Nordamerikas.

Wieder dauert es nur ein Jahr und Mutter Heike präsentiert das zweite Buch mit dem Titel: „Mit dem Schulbus in die Wildnis“. Dieses ist seit Anfang August im Handel erhältlich und bietet viele spannende Reisegeschichten und Erlebniserzählungen – nicht nur für Nordamerika-Fans. „Wir sind von Chewelah, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Spokane/Washington State nach Kanada aufgebrochen, Mitte Juni ging es von Castlegar nach Revelstoke, weiter nach Kamloops, von dort über den Cariboo Highway nach Prince George“, erzählt Heike Praschel im Gespräch mit Oberpfalz-Medien, um sogleich mit begeisterter Stimme die weitere Route vorzustellen: „Ganze 1500 Meilen führte uns der Yellow Head und der Cassiar Highway anschließend durch kaum besiedelte Gebiete Nordkanadas bis ins Yukon Territorium und am Alaska Highway weiter nach Watson Lake und Whitehorse.“ Im Juli 2016 erreichte die Familie dann endlich über eine Schotterstraße durch die Berge (den „Top of The World Highway) die Grenze nach Alaska und eine Woche später Fairbanks: „Wir haben uns von dort auf dem legendären Dalton Highway weiter auf den Weg nach Norden gemacht. Erst nach der Überquerung des Arctic Circles im nördlichen Alaska sind wir ab August 2016 wieder in Richtung Süden aufgebrochen.“ Zurück in den Staaten, ging es von Washington State/Kettle Falls weiter nach Idaho, dann Salt Lake City in Utah, nach Nevada durch Las Vegas, über Joshua Tree nach Tecate an die mexikanische Grenze und in Mexiko über Guerrero Negro bis in den Süden nach Loreto.

Der erste Gedanke, der einem dabei in den Sinn kommt, ist: „Was macht eine so lange gemeinsame Reise mit der Familie oder dem Ehepaar?“ Heike Praschel muss nicht überlegen: „Ach, ganz wunderbar. Die viele Zeit, die wir zusammen verbracht haben, hat uns noch näher gebracht uns als Familie gestärkt,“ Natürlich habe es auch stressige Zeiten und Streit gegeben, „aber weniger als Zuhause, da viel Druck von vorneherein wegfällt und man mit viel mehr Ruhe an Situationen rangehen kann“. In Nordamerika mussten die Vier erst lernen, wie das Zusammentreffen mit wilden Tieren verläuft. So hat einmal eine Bärin, die ihre Jungen verteidigen wollte, die Buchautorin quer durch den Wald gejagt. „Das war schon gruselig!“, erinnert sich diese lachend.

Auch dadurch, dass die Mädchen im Gegensatz zur ersten Reise um einiges selbstständiger geworden sind und sie oft genug alleine auf Entdeckungsreise gehen wollten, hat sich der Spiel-Umkreis um das fahrende Zuhause stark vergrößert, was im Zusammenhang mit den Wildtieren nicht immer ganz einfach war. So sind die Mädchen zum Beispiel alleine auf einen Puma und einen Vielfraß getroffen oder haben in Mexiko eine Schwarze Witwe aus dem Sand gegraben. Zum Glück sei nie etwas passiert. Es gibt viele beeindruckende Situationen, die im Buch nachzulesen sind. Die Familie durfte einen Musher aus Whitehorse mehrere Tage lang begleiten, die knapp 50 Huskys mit versorgen und sogar mit einem Gespann aus 18 Hunden fahren. Die Oberpfälzer haben Bären Lachse fangen sehen, haben Elche getroffen, mit Indianern getanzt und sogar einen Grauwal bei der Geburt beobachtet. „Und fast jeden Tag, hat uns die unglaubliche Natur den Atem geraubt“, ergänzt Heike Paschel.

Pannen in der Einsamkeit

Auch der alte Schulbus ist für Überraschungen gut. Schon am ersten Parkplatz in Kanada sind die Bremsen fest und die Bremstrommel heiß. „Tom kann alles reparieren“ lautet der Eintrag in das Tagebuch. Das gilt auch für die nächste Panne: „Wir verlieren Diesel, ein kleiner Schlauch vor der Einspritzpumpe ist undicht, Jim, der uns helfen will, bringt einen Ersatzschlauch.“ Es gibt noch viele Mechanikerstunden, denn nicht nur die Wasserpumpe ist defekt. Mit dem Messer schneidet Tom das Profil der Reifen nach, damit der Bus gut über die zum Teil schon verschneiten Pässe in die USA kommt. Emma muss in Fairbanks zum Zahnarzt und auch die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten bekommt die Familie hautnah mit: Die Töchter haben Angst wegen der Mauer, die er um Mexiko bauen möchte.

Wieder zurück

Wir verlassen das Buch und wollen wissen, wie es den Praschels jetzt geht. Seit Mai 2017 sind die Vier wieder zurück in Forsthof bei Winklarn (Landkreis Schwandorf), einem kleinen Dorf mit gerade mal zwölf Häusern. „Direkt am Waldrand können wir auch hier in Deutschland ein wenig Einsamkeit genießen“, sagt Heike Praschel. Auch wenn die Ankunft diesmal wesentlich leichter gefallen war als nach der ersten Reise, vermissen sie doch sehr die Weite Nordamerikas, die so ungewohnte Wildnis und die atemberaubende Tierwelt.

Und doch hat sich auch Deutschland für sie verändert: „Durch die vielen schwierigen und auch gefährlichen Situationen die wir gemeinsam als Familie meistern konnten, haben wir einen wunderbaren Zusammenhalt entwickelt, der uns alle auch im Alltag ganz besonders stärkt.“ Und Mama Heike ergänzt: „Wir haben die Begeisterung für die kleinen Dinge wieder gefunden und schaffen es immer öfter, uns nicht im tagtäglichen Trott zu verlieren.“ Die Familie habe gelernt – nachdem sie mit nur einem Koffer Gepäck pro Person völlig neu begonnen hat – sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. So haben die Kinder einen großen Teil ihres Spielzeuges auf dem Flohmarkt verkauft und die Eltern sind tagtäglich damit beschäftigt, den Hausstand zu reduzieren. „Wir genießen den ungewohnten Luxus wie fließend warmes Wasser, oder den umzäunten Garten für die Hunde und die Ruhe des sesshaften Lebens“, meint Heike Praschel. Doch nebenbei ist die Familie mit dem Ausbau eines neuen Reisegefährts beschäftigt, einem Mercedes 9/11, Baujahr 1977. Seit das Hochbett der Mädchen fertig ist, sind beide in den Lkw gezogen, „denn dort fühlt man sich mehr wie Zuhause.“ Natürlich gibt es auch neue Reisepläne mit dem „Bluebird Theo“. Doch das Ziel ist eine Rückkehr nach Nordamerika – vielleicht schon nächstes Jahr.

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