07.09.2018 - 18:33 Uhr
FreihungOberpfalz

Auschwitz geht unter die Haut

Land und Leute kennenlernen - für das Europäische Jugendprojekt Oberpfalz ist das keine graue Theorie. Die Gruppe mit Wurzeln in Freihung (Amberg-Sulzbach) macht dies von Angesicht zu Angesicht. Zuletzt in Polen mit einer Projektwoche.

Erste Station in der Projektwoche war der Besuch einer Ausstellung zum Kreisauer Kreis. Im Vordergrund zu sehen ist Projektleiter Hartmut Schendzielorz.

In Breslau traf die deutsche Delegation auf die zwei polnischen Projektpartner aus Krakau und Stettin. Gemeinsam ging es weiter zur internationalen Jugendbegegnungsstätte in Kreisau. Vereinsvorsitzender Hartmut Schendzielorz (Freihung) eröffnete dort die Projektwoche mit den beiden Deutsch-Lehrern Marta Hebda (Partnerschule Krakau) und Dariusz Krywult (Partnerschule Stettin). Der ehemalige Gutshof Kreisau ist auch deshalb bekannt, weil sich hier am 12. November 1989 der damalige polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl zu einer Versöhnungsmesse trafen.

Nur passiver Widerstand

In der Nähe gelegen ist das Berghaus, die Wirkungsstätte des sogenannten Kreisauer Kreises. Dieser beriet über die Nachkriegsordnung, leistete passiven Widerstand gegen der Faschismus und wurde nach dem missglückten Hitlerattentat am 20. Juli 1944 aufgedeckt.

Tags darauf ging es mit der Gruppenaufgabe "Spaghetti-Turm" darum, das Gehörte und das Gesehene zu vertiefen. Dabei bekam jede Gruppe als Baumaterial Spaghetti, Klebeband, einen Marshmallow und eine Schnur. Ziel war es, einen möglichst hohen Turm mit dem Marshmallow an der Spitze zu konstruieren. Die Teilnehmer hatten sichtlich Spaß und auch die Verständigung im internationalen Team war kein Problem. In einem anschließenden Workshop mit internationalen Gruppen zum Thema Kreisauer Kreis befassten sich die Jugendlichen mit Schicksalen der Mitglieder und präsentierten diese dann allen in deutscher und polnischer Sprache.

Nächstes Ziel der Projektgruppe war Oswiecim (Auschwitz). Unterwegs besuchte sie das Museum Lambinowice (Lamsdorf) - eines der größten Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht. Bis zu 400 000 Menschen sollen hier gewesen sein, 42 000 davon kamen ums Leben. Nach dem Krieg wurden dort Deutsche interniert. Überwiegend Zivilisten, die nach West-Deutschland ausgesiedelt werden sollten, oder aus ihrer Heimat vertrieben wurden. An den Mahnmalen der jeweiligen Einzellager gedachten die jungen Leute der Opfer aus Deutschland, Frankreich und Polen.

In Sankt Annaberg beeindruckten das gigantische Freilicht-Theater - einst von Nationalsozialisten erbaut - und die Basilika. Der Annaberg hat seit jeher große Bedeutung für Deutsche und Polen als Wallfahrtsort und war zwischen Deutschland und Polen im 19. Jahrhundert politisch umkämpft.

Prominente Gäste

Den nächsten Tag eröffnete ein Workshop zur Vorbereitung auf den Besuch der Gedenkstätte KZ Au-schwitz-Birkenau I (Stammlager). Das Stammlager des Konzentrationslagers Auschwitz war als Internierungslager für polnische Juden eingerichtet worden. Hier wurden im Lauf der Zeit ein ehemaliger Munitionsbunker zum Krematorium umgebaut und Räume als Gaskammer eingerichtet. Außerdem wurde dort die Vernichtung mit dem Insektizid Zyklon B erstmals erprobt.

Neben dem Hauptlager entstanden ein Jahr später Auschwitz-Birkenau II als Vernichtungslager sowie Au-schwitz-Birkenau III (Monowitz) als Arbeitslager für die I. G. Farben, das damals größte Chemieunternehmen der Welt. Es stellte unter anderem das Zyklon B für die Nationalsozialisten her. Dem Besuch in Auschwitz schlossen sich auch die Schirmherren der Projektwoche, Axel Bartelt, Regierungspräsident der Oberpfalz, und Elzbieta Sobotka, Generalkonsulin a. D., an. Der direkte Kontakt zu den Jugendlichen war beiden wichtig. Diese empfanden es ihrerseits als große Ehre, dass der Regierungspräsident und die Ex-Generalkonsulin an der Projektwoche teilnahmen.

Ein weiterer Workshop drehte sich um die Biografie von Zofia Posmysz. Sie war inhaftiert im Stammlager und überlebte,weil sie in der Lagerküche arbeitete. Neben einem Medaillon, das ihr geschenkt wurde und Kraft spendete, trugen glückliche Umstände zu ihrem Überleben bei. Die Projektgruppe besuchte auch das Vernichtungslager Auschwitz II. Nach einer langen, aber bewegenden und interessanten Führung fand die traditionelle Gedenkfeier des Jugendprojekts auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau statt.

Letzte Station war Krakau mit dem Museum der polnischen Heimatarmee. Diese war im von Deutschland besetzten Polen während des Kriegs die größte militärische Widerstandsorganisation mit bis zu 350 000 Soldaten: Freiwillige, die sich die Befreiung Polens zum Ziel gesetzt hatten, und Teil des polnischen Untergrundstaates waren. Damit unterstanden sie der polnischen Exilregierung in London. Nach dem Einmarsch der Roten Armee setzte die Heimatarmee inoffiziell ihren Widerstand fort, nun gegen das kommunistische Regime. Über 20 000 Soldaten der Heimatarmee wurden von den kommunistischen Machthabern ermordet.

Abschied mit Tränen

Am Abreisetag verabschiedeten sich die polnischen Teilnehmer aus Krakau unter Tränen am Bahnhof Auschwitz. Wenig später folgte die Trennung von den Stettinern in Breslau. Auch diese fiel den Jugendlichen nicht leicht: In einer Woche gemeinsamer Unternehmungen waren Freundschaften entstanden.

Diese internationale Jugendbegegnung wird jedes Jahr unter der Regie von Hartmut Schendzielorz und seinem Team organisiert. Das Projekt versteht sich als Brückenbauer zwischen den europäischen Nationen. Die Begegnung mit gleichaltrigen Jugendlichen aus einem anderen Land, sei es aus Frankreich oder Polen, ist eine wertvolle Erfahrung. Dabei werden Vorurteile abgebaut, eine freundschaftliche Atmosphäre entsteht. Auf die Frage, ob polnische Jugendliche anders seien, antwortete eine deutsche Teilnehmerin: "Nein, die sind genauso wie wir. Sie sprechen zwar eine andere Sprache, aber das ist schon alles. Sie hören die gleiche Musik wie wir, sie haben die gleichen Interessen und Hobbies."

Info:

Zum Abschluss der internationalen Projektwoche des Vereins Europäisches Jugendprojekt Oberpfalz besucht eine Delegation am Donnerstag, 13. September, Regierungspräsident Axel Bartelt in Regensburg. Mit dabei sind die Projektleitung sowie einige jugendliche Teilnehmer. Sie übergeben Fotobücher der Projektwoche an Elzbieta Sobótka, Generalkonsulin von Polen a. D., Axel Bartelt sowie Markus Nägel, den Bezirksgeschäftsführer des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge, als Zeichen des Danks für die gewährte Unterstützung.

Eine Pause: Das Gesehenen mussten die jungen Menschen in Auschwitz-Birkenau erst einmal verarbeiten.

Jugendliche aus Deutschland, Polen und Frankreich gedenken in Lamsdorf am Friedhof der Kriegsopfer.

Die Schirmherren: Elzbieta Sobotka und Axel Bartelt.

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