14.10.2019 - 18:57 Uhr
FriedenfelsOberpfalz

Klimawandel und Widersprüche

Der Klimawandel ist ein globales Phänomen und heute von anderer Qualität als bei früheren Veränderungen. Aufklärung brachte Prof. Dr. Josef H. Reichholf. Nicht alle Naturliebhaber konnten sich aber mit all seinen Aussagen anfreunden.

Prall gefüllt war der Saal der Schlossschänke zur Feier des 10-jährigen Bestehens des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB). Der Jubiläumsvortrag von Prof. Dr. Josef H. Reichholf über den Klimawandel interessierte Besucher aus ganz Deutschland.
von Bernhard SchultesProfil

Mit dem Vortrag von Professor Josef H. Reichholf feierte der Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB) am Samstag zehnjähriges Bestehen. Das Vorstandsteam um Vorsitzenden Johannes Bradtka landete mit dem bekannten Evolutionsbiologen, Naturforscher und Bestsellerautor in der Schlossschänke einen Volltreffer. Der Saal platze fast aus allen Nähten. Zweireihig saßen die Besucher aus ganz Deutschland an den Tischen.

Freude bei Bradtka

Johannes Bradtka freute sich über den großen Andrang und die vielen Ehrengäste. Landrat Wolfgang Lippert und der Vorsitzende des Naturparks Steinwald, Freiherr von Gemmingen Hornberg, überbrachten Grußworte und Glückwünsche. Professor Reichholf, durch zahlreiche Bücher, Fachpublikationen und Fernsehauftritte bekannt, nahm kein Blatt vor den Mund. Er kritisierte "Schlagzeilen wie "Rekordtemperaturen von über 40 Grad in Deutschland", die den vielzitierten Klimawandel anfeuerten. An den Orten, wo die Rekordtemperaturen gemessen worden seien, habe es vor 150 Jahren noch gar keine Messstellen gegeben, kritisierte er. 2018 sei ein besonders heißer Sommer gewesen, doch der von 1976 sei noch erheblich trockener gewesen. "Damals war bayernweit das Autowaschen und Gartengießen verboten", wusste der Professor und fuhr fort: "2003 war sogar der heißeste Sommer der letzten 200 Jahre, er wurde als mediterraner Sommer in den Geschichtsbüchern vermerkt. Bei den Temperaturaufzeichnungen ist auch niedergeschrieben, dass bereits 1812 bis jetzt der zweitheißeste Sommer stattgefunden hatte."

Sein Fazit: "Temperaturschwankungen gab es immer, aber Katastrophismus lohnt sich, das weiß man seit biblischen Zeiten." Reichholf erforscht Extreme, versucht dabei aber nicht zu dramatisieren, aber auch nicht zu verharmlosen. Ihm geht es vielmehr um die Frage, ob es nicht früher auch schon einmal ähnlich starke Klimaveränderungen gegeben hat und welche Bedeutung derartige klimatische Veränderungen für uns und für die Natur haben.

Ausführlich setzte sich Reichholf mit den Katastrophen auseinander. Hier sah der Professor bei den Hochwässern keine Zunahme. "Sie sind nicht größer geworden als in früheren Zeiten", wie Hochwassermarken an den Gebäuden zeigten. Dass die Hochwässer stärker geworden seien, nannte der Professor einen subjektiven Eindruck. Früher habe kein Mensch was dafür bekommen, wenn Hochwasser Haus und Hof sowie das Vieh weggeschwemmt hätten. Heute seien viele versichert und somit die Hochwasserschäden erfassbar." Die registrierten Sturmschäden träfen vor allem forstliche Monokulturen und hingen vom Alter der Baumbestände ab. Wirtschaftliche Schäden bezeichnete Reichholf zudem als kein Maß für die Stärke der Umweltkatastrophen. Und auch Dürren waren nach seinen Ausführungen früher häufiger.

Auch Mais ein Problem

Bei den Reaktionen der Natur zu den Ereignissen sah Reichholf auch positive Reaktionen, wie zum Beispiel im Super-Sommer 2003 bei den Schmetterlingen. Den allgemeinen Artenschwund könne man aber nicht wegleugnen meinte Reichholf und schilderte hier die derzeitigen Probleme: Viele Flächen in Deutschland seien seit den 1980er Jahren überdüngt. "Die Fleischerzeugung in Deutschland setzt mehr CO2 frei als der gesamte Kraftfahrzeugverkehr." Auch den großflächigen Maisanbau schilderte er als ein weiteres Problem. "Die Produktion von Bio-Energie verursachte den bislang größten Schub im Artenschwund in Deutschland."

Als klaren Schuldigen bezeichnete der Professor die EU: "Von den gesamten EU-Förderungsmaßnahmen müssen wir wegkommen. Derselbe Rückgang, wie bei den Insekten und Singvögeln, fand nämlich dadurch bei den Bauern statt. Sie sind in den letzten Jahren wegselektiert worden." Den Rückgang bei der Landwirtschaft als Erfolg der EU-Agrarpolitik verkaufen zu wollen, sei eine politische Unverfrorenheit ersten Ranges, so Reichholf. Vieles sei politisch in der Vergangenheit schief gelaufen, fuhr der Professor fort: "Es lohnt sich aber zu kämpfen für Landschaften und Flächen, die nicht positiv produzieren und zu Tode gepflegt werden müssen. Wir müssen weg von dem verdammten EU-Förderungssystem, hin zu fairen Preisen für gut produzierte Nahrungsmittel, darin sehe ich die Zukunft."

In der Diskussion stimmten zahlreiche Besucher vielen Ausführungen von Professor Reichholf zu. Manche jedoch sahen in seinen Erläuterungen eine Verharmlosung des Klimawandels. Die Vorsitzende des Bund- Naturschutz-Ortsgruppe Weiden, Sonja Schuhmacher, berief sich dabei auf eine Stellungsnahme von Wissenschaftlern zu den Protesten für noch mehr Klimaschutz und zu den Anliegen der derzeit demonstrierenden jungen Menschen.

Der Vorsitzende des Vereins, Johannes Bradtka (rechts) dankte den bekannten Evolutionsbiologen, Naturforscher und Bestsellerautor, Prof. Dr. Josef H. Reichholf (links), für den Jubiläumsvortrag zur Gründungsfeier.
Die Vorsitzende des Bund Naturschutzes, Ortsgruppe Weiden, Sonja Schuhmacher, stimmte in vielen Aussagen zum Artenschutz den Vortrag von Prof. Dr. Josef H. Reichholf zu. Beim Klimawandel jedoch forderte sie ein rascheres Handeln und keine Verharmlosung.
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Kommentare

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Tobias Punzmann

In Kreisen des VLAB mag es sein, dass viele Anwesende den Thesen von Reichholf zustimmen. In Kreisen von Wissenschaftlern würde dies ganz anders aussehen.
Da er ein Laie auf dem Gebiet der Klimaforschung ist, mag man ihm seine auf Achtelwissen basierenden kruden Ideen nachsehen. Aber als Naturwissenschaftler sollt er wenigstens die Grundsätze wissenschaftlicher Arbeit kennen. Seine Methode des Cherry Picking, die hier schön und einfach erklärt ist (https://klima-luegendetektor.de/tag/josef-h-reichholf/), gehört sicher nicht dazu.

16.10.2019
A. Schmigoner

Schuster bleib bei deinen Leisten!
Der Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB) feierte am Samstag sein zehnjähriges Bestehen mit einem ideologischem „Volltreffer“, der allerdings zur Klimadebatte, abgesehen von seiner Privatmeinung, wenig Zählbares beitragen konnte. Bei näherer Prüfung wird der selbst ernannte Klimaexperte Professor Josef H. Reichholf einem wissenschaftlichen Anspruch nicht gerecht.
Reichholf referierte, dass „bei den Temperaturaufzeichnungen auch niedergeschrieben ist, dass bereits 1812 bis jetzt der zweitheißeste Sommer stattgefunden hatte." Das widerspricht den zeitgenössischen Angaben zum Russlandfeldzug von Napoleons Grand Armee, der auch am kalten Sommer 1812 und dem folgenden eisigen Winter gescheitert sein soll. Schon Hans v. Rudloff hat festgestellt, dass für West- und Südeuropa das Jahrzehnt 1812 - 1821 bezogen auf die Sommer das kälteste der letzten 250 Jahre war. Das Jahr 1816 ist in der Klimageschichte schon lange bekannt als das „Jahr ohne Sommer“, ein Jahr, in dem in vielen Teilen der Welt ein ungemütlicher und vor allem sehr kühler Sommer auftrat. Stets hat man den gewaltigen Ausbruch des Tambora-Vulkans (Indonesien) im April 1815 als Ursache vermutet. Neuere Forschungen an Eiskernen belegen allerdings, dass in den Jahren vor wie nach 1816 weltweit eine ganze Reihe schlechter, kalter Sommer auftraten.
Weiter kritisierte Reichholf, dass "Schlagzeilen wie "Rekordtemperaturen von über 40 Grad in Deutschland", die den vielzitierten Klimawandel anfeuerten. An den Orten, wo die Rekordtemperaturen gemessen worden seien, habe es vor 150 Jahren noch gar keine Messstellen gegeben, kritisierte er.
Auch das ist falsch! Von Rudloffs Resultate seines fast zehnjährigen Studiums von europäischen Wettermessungen bis zurück ins Jahr 1670 wurden erst in den letzten Jahren durch weltweite Messungen von Eisbohrkernen eindrucksvoll bestätigt.
Als klaren „Schuldigen“ für das Arten- und Bauernsterben bezeichnete der Professor die Agrarpolitik der EU. Doch wer legt die EU-Agrarpolitik fest? Der agrarpolitische Sprecher und Vorsitzende des Agrarausschusses, Albert Deß (CSU), die größte Fraktion im EU-Parlament, die konservativen Europäischen Volksparteien (EVP) und die liberale Fraktion im EU-Parlament verhindern seit Jahren eine Reform der EU-Agrarpolitik. Man muss diesen Akteuren in der Tat vorwerfen, dass Sie seit Jahrzehnten die industrielle Landwirtschaft begünstigen. Allerdings sind Artensterben, Monokulturen, Überdüngung und Pestizidbelastung keine Erfindung von dem „verdammten EU-Förderungssystem“, sondern werden weltweit als Folge der Industrialisierung der Landwirtschaft bewertet.
Viele Flächen in Deutschland seien seit den 1980er Jahren überdüngt stellt Reichholf zutreffend fest, also zu einem Zeitpunkt, als es noch gar keinen großflächigen Maisanbau und „Produktion von Bio-Energie“ gab. Auch die Aussage “den bislang größten Schub im Artenschwund in Deutschland verursachte die Produktion von Bio-Energie“, ist nicht haltbar. Hauptgründe für das Artensterben sind die intensive Landwirtschaft, die Zerstörung der natürlichen Lebensräume, der ungezügelte Pestizideinsatz, das Wachstum der Städte und auch der Klimawandel, sagen die Wissenschaftler. Laut dem Bericht des Weltbiodiversitätsrat (IPBES) drohen zahlreiche Pflanzen- und Tierarten für immer zu verschwinden. 150 Experten aus 50 Ländern haben für den Bericht drei Jahre lang zusammengearbeitet. 132 Mitgliedsstaaten, darunter die USA, Russland und China, haben den Bericht beschlossen.
Tenor des Abends: Temperaturschwankungen hat es schon immer gegeben, alles nicht so schlimm, wir können weitermachen wie bisher! Prof. Reichholf traf damit zwar auf Zustimmung einiger, anwesender Klimaskeptiker, aber insgesamt ein fachlich wenig überzeugender Vortrag des VLAB-Ehrenpräsidenten.
Auch VLAB-Vorsitzender und Förster Johannes Bradtka sollte seine berufliche Tätigkeit hinsichtlich des Artenschwundes kritisch hinterfragen. Bayern hat mit 1,3 % den geringsten Anteil an naturnahen Wäldern unter allen Bundesländern.
Ernst wenn der Klimawandel die Fichtenbestände des Fichtelgebirges vernichtet hat, wird der VLAB feststellen, dass es die Landschaft, die man vorgab zu schützen, nicht mehr gibt!

16.10.2019
Maria Estl

Danke Herr Schmigoner für diese erhellenden, zusätzlichen Informationen zu IPBES. Albert Deß, der frühere EU-Abgeordnete, durfte im Neuen Tag schon so einige Fehlinformationen verbreiten. Ich erinnere mich noch gut an seine Darlegungen zum nicht existierenden globalen Klimawandel, die auf Temperaturaufzeichnungen mittelalterlicher Mönche des Stiftlandes beruhen. Und er meinte sogar, dass mehr CO2 in der Luft das Pflanzenwachstum begünstigt. Diese Fehleinschätzung geistert heute noch in den Kreisen der Klimawandelleugner und Energiewendegegner. Deß ist zum Glück Geschichte, aber die EU Politik geht weiter in die falsche Richtung - auch ein Verdienst der CSU-Vertreter der EVP.

16.10.2019
Maria Estl

Was haben ein Klimaforscher und ein Biologe gemeinsam? Ganz einfach, sie verfügen über fundiertes Wissen in ihren jeweiligen Fachbereichen. Es gibt aber Biologen, die meinen, sie hätten fundiertes Fachwissen zum Klimawandel – ganz ohne Forschung dazu betrieben zu haben.
Stellen wir uns mal vor, ein Wissenschaftler des renommierten Potsdam Institutes für Klimafolgenforschung (PIK) oder des Alfred Wegener Institutes (AWI) würde über Biologie referieren, kaum jemand würde diese Ausführungen überbewerten. Auch nicht die Referenten selbst. Sie würden vielleicht in einer privaten Veranstaltung über ihr Hobby „Biologie“ in Form eines Vortrags informieren, in netter Plauderrunde. Das Gleiche müsste für einen Biologen zum Thema „Menschgemachter Klimawandel“ gelten.
In Friedenfels konnte man am 12.10. Gegenteiliges erleben, dort referierte ein Prof. Reichholf, Biologe, und wollte ernsthaft Fakten zum Klimawandel präsentieren.
Was geschah: Immerhin bot er einige Fakten zum Artensterben und zu den Auswirkungen von Biogaserzeugung auf. Diese garnierte er mit Kritik an der EU Agrarpolitik. Was das Ganze aber fahrlässig, wenn nicht gefährlich macht: Er mischte die Fakten geschickt mit seinen privaten Ansichten, die nicht durch wissenschaftliche Forschung zum Klimawandel erworben wurden, und das alles in bester Tradition eines guten Geschichtenerzählers.
Ernst nehmen kann und sollte man diese unwissenschaftlichen Ausführungen zu Hitzeperioden und anderen Klimaextremen nicht. Sie stellen typisches Greenwashing dar und kommen einer Leugnung des anthropogenen Klimawandels nahe.
Mein Fazit der Info-Veranstaltung: Sie geriet durch die unwissenschaftliche Verharmlosung des anthropogenen Klimawandels zu einer Farce, bestenfalls zu einer Märchenstunde, denn Märchen haben ja bekanntlich nur ein Fünkchen Wahrheit.

15.10.2019