13.03.2020 - 16:49 Uhr
Fronhof bei AltendorfOberpfalz

Eichhörnchen auf der Intensivstation

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Zwei ganze Tage liegt der kleine Patient im Koma. Doch Eichhörnchen "Hascherl" ist zäh. Das schwer verletzte Unfallopfer hat Glück im Unglück: Gabi Tischler aus Fronhof bei Altendorf entpuppt sich als perfekte Pflegerin.

Immer öfter verlässt Eichhörnchen "Hascherl" inzwischen die Kuscheldecke, wo es nach den schweren Verletzungen zwei Tage lang so gut wie reglos verbracht hatte.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Es ist ein Samstag Ende Oktober, als ein Auto auf der Fronhofer Brücke (Gemeinde Altendorf) mit einem Eichhörnchen kollidiert. Als Gabi Tischler dort vorbeikommt, trifft sie auf eine verzweifelte Fahrerin, die ratlos auf das verletzte Tierchen in der Blutlache starrt. "Es hat sich nicht mehr bewegt, war aber noch warm", schildert Tischler den Zustand des Unfallopfers. "Mein Mann ist Jäger", bietet die 58-Jährige mit Blick auf eine "Erlösung" des scheinbar aussichtslosen Falls an und packt den kleinen Nager ohne viel Hoffnung in den Kofferraum.

Daheim landet der reglose Patient dann aber zunächst in einem Bettchen in der Hundebox, die normalerweise der Familie Tischler zum Transport ihrer Dackel dient. "Ein Auge war ganz blutig", erinnert sich die Retterin gut vier Monate später. Doch davon lässt sie sich damals nicht beirren und packt ihre Hausapotheke aus. Warum sollte die Homöopathie nicht auch einem Eichhörnchen helfen? Ein Kügelchen Arnika oder Aconitum gegen den Schock, aufgelöst in Wasser, würde nicht schaden. Außerdem recherchiert sie im Internet, wie man so einen kleinen Patienten aufpäppeln kann. Nicht zuletzt kann sie auch auf Erfahrungen bei der Aufzucht von frisch geschlüpften Dackel-Welpen zurückgreifen.

Honigwasser und Katzenmilch

Gabi Tischler füllt Spritzen mit Honigwasser und flößt dem "armen Hascherl" etwas kalorienreiche Flüssigkeit ein. Das Schlucken scheint zu klappen, doch mehr als einen Fuß kann das kleine Tier nicht bewegen. Seine Pflegerin lässt trotzdem nicht locker, steigt am Montag nach dem Unfall um auf Katzenmilch. "Da ist es gleich auf die Spritze losgegangen, als es mich kommen hörte", beschreibt sie die ersten Anzeichen einer Besserung, "wahrscheinlich hatte es Hunger."

Als der kleine Patient dann einen halben Apfel verputzt, ist das Thema "Erlösung" erst einmal passé. Mit eine Augen- und Nasensalbe und einem Wattestäbchen behandelt Gabi Tischler das inzwischen fast weiß eingetrübte Auge des Eichhörnchens, sie serviert geknackte Nüsse und besorgt einen Stall. Irgendwann schafft es das tierische Sorgenkind, seine Decke hinter sich zu lassen und schleckt selbstständig die Katzenmilch aus einem Schälchen. Da hat es längst einen Namen: "Vom ersten Tag an war es das Hascherl."

Massage für die Füßchen

Schnell wird der neue Mitbewohner in Fronhof stubenrein und verrichtet - ähnlich wie vor ihm die Dackel-Welpen - sein Geschäft auf einer Inkontinenz-Unterlage in einer Ecke des Stalls. Doch die Lebensretterin will ihren Schützling auch wieder mobil machen: "Ich hab' seine Füßchen mit einer Salbe massiert" berichtet sie. Auch um Krankengymnastik kümmert sich die Beschützerin. Sie montiert Bretter und Äste im Stall, lockt mit Lieblingsspeise "Haselnuss" eine Etage höher und motiviert so zum Muskeltraining.

Sie ist begeistert, als der Rekonvaleszent schließlich nach etwa sechs Wochen mit beiden Pfoten Nüsse halten und klettern kann, aber es dauert noch etwas länger bis sie den Eindruck hat, dass die Verletzungen endgültig verheilt sind. "Jeder hat sich immer wieder erkundigt, wie es dem Kleinen geht", erzählt die 58-Jährige, die nicht wenige Fotos von ihrem tierischen Pflegekind verschickt hat und auch die "Unfallfahrerin" auf dem Laufenhält. "Inzwischen ist das Eichkatzerl schon viel lebhafter geworden, wahrscheinlich ist die Winterruhe bald vorbei", freut sie sich über die Fortschritte des kleinen Patienten, von dem sie gar nicht weiß, ob es ein Er oder eine Sie ist.

"Nach dem Klettern zu urteilen, fehlt dem Tierchen nichts mehr, das verletzte Auge scheint auch völlig verheilt", lautet das vorläufige Untersuchungsergebnis. Zeit, an eine Entlassung des kleinen Patienten aus der Krankenstation zu denken. Ein sanfter Übergang in die Freiheit soll es sein. Die Gastgeberin plant eine Zwischenlösung im Außengehege, um zunächst noch zu testen, wie fit das Hascherl für die Freiheit ist. Infrage kommen könnte auch eine Bleibe bei einer Eichhörnchen-Zuchtstation, wo der kleine Nager zumindest nicht einsam ist. "Behalten will ich es nicht, es ist ja eigentlich ein Wildtier", zeigt sie Verständnis und hat doch schon Pläne für einen speziellen Futterkasten: "Ich baue ein Modell aus Pappe, nach diesem Vorbild fertigt dann mein Mann die Futterstation." Der endgültige Abschied vom "Hascherl" wird hart, das ist seiner Lebensretterin klar, "aber vielleicht besucht es mich ja mal wieder im Garten."

Gabi Tischler hatte Mitleid mit dem verletzten Tierchen, besorgte einen gebrauchten Käfig und pflegte den kleinen Patienten mit Hilfe von Tipps aus dem Internet gesund.
Auch diesen Apfel hat das "Hascherl" nicht verschmäht.
Inzwischen knackt das "Hascherl" schon wieder Nüsse. Die sind ein bewährtes Lockmittel, um das noch etwas vorsichtige Eichhörnchen zum Klettern zu verführen.
Die ersten Sprünge meistert "Hascherl" schon wieder ganz gut, Zuschauer hat es dabei nicht so gern.
An Streicheleinheiten ist das Eichhörnchen schon gewöhnt. Gabi Tischler hofft, dass ihr Gast auch nach der Entlassung in die Freiheit noch für Kurzbesuche zurückkehrt.
Bei der Krankengymnastik im Käfig ist "Hascherl" noch etwas pressescheu und wartet lieber ab, bis kein Blitzlicht stört.
Hintergrund:

Notfall-Nummer für verletzte Tiere

Eichhörnchen halten anders als beispielsweise Igel keinen Winterschlaf, sondern lediglich Winterruhe. Spätestens wenn es dunkel wird, kommen die Nagetiere zurück in ihr Nest, den Kobel. Generell schlafen sie im Winter sehr viel und schränken ihre Aktivitäten deutlich ein. Besonders gerne mögen Eichhörnchen Sonnenblumenkerne, Haselnüsse in der Schale, Erd- und Walnüsse, getrocknete Bananen und andere Baumfrüchte. Wer ein verletzte Tier findet, sollte nach Meinung von Experten nicht nur im Sinne des Gesetzes, sondern auch im Sinne der Wildtiere aufmerksam überprüfen, ob es sich tatsächlich um ein hilfsbedürftiges Tier handelt. Denn Wildtiere dürfen gemäß laut Bundesnaturschutzgesetz normalerweise nicht der Natur entnommen werden. Verletzte Tiere können so lange zur Pflege aufgenommen werden, bis sie sich wieder selbstständig in der Natur erhalten können. "Ausgewachsene Hörnchen bitte immer mit einem Tuch oder Handschuh aufnehmen", raten Fachleute bei Eichhörnchen-Hilfe-Vereinen: "Sie können im Schock zubeißen." Eine bundesweite Notfall-Nummer (0700-20 020 012 ) gibt dort Tipps oder vermittelt Auffangstationen.

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