13.10.2020 - 15:47 Uhr
GeorgenbergOberpfalz

Beherbergungsverbot bringt Hoteliers auch im Landkreis Neustadt/WN ans Limit

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Die Tourismusbranche ist durch die Pandemie stark gebeutelt. Das Beherbergungsverbot könnte für viele Häuser das Aus bedeuten. Mitten im Buchungschaos steckt die Familie Holfelder, die in der Grenzregion Hotels und Ferienwohnungen betreibt.

Erhard Holfelder, Seniorchef des Landhotels "Kastanienhof" in Georgenberg, fährt mit der Kutsche aus. Die Tourismusbranche wird sich auch in den kommenden Monaten auf einen harten Kampf einstellen müssen.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Steigende Infektionszahlen rufen die Ministerpräsidenten auf den Plan. Mit dem geplanten Beherbergungsverbots sollen weitere Hotspots vermieden werden. Auch Ministerpräsident Markus Söder fordert, dass Reisende aus Risikogebieten nur mehr mit einem negativen Coronatest, der nicht älter ist als 48 Stunden ist, in bayerischen Hotels und Pensionen übernachten dürfen. Die Tourismusbranche schlägt Alarm. An diesem Mittwoch, 14. Oktober, wird Kanzlerin Angela Merkel mit sämtlichen Ministerpräsidenten über das Thema verhandeln. Oberpfalz-Medien sprach mit Mitgliedern der Familie Holfelder über das Überleben ihrer Betriebe während der Pandemie.

Maria Holfelder vom Landhotel "Kastanienhof" in Hinterbrünst bei Georgenberg hat rund um die Uhr damit zu tun, im bundesweiten Vorschriften-Wirrwarr verunsicherte Gäste aufzuklären: "Wir haben derzeit ein Ehepaar aus Duisburg zu Gast. Die fragten mich, ob sie jetzt heim müssen, weil sie aus einem Risikogebiet kommen." Neben dem Beherbergungsverbot, das zum Beispiel ihren Berliner Gästen einen Coronatest vorschreibt, bevor sie einchecken dürfen, mache sich eine weitere Entwicklung negativ bemerkbar: "Wir haben ja auch viele ausländische Geschäftsreisende. Die dürfen ja kommen. Aber nun gibt es tschechische Firmen, die ihre Leute ins Homeoffice schicken. Die fehlen uns dann auch."

Flexibilität unabdingbar

Grundsätzlich müsse sie mit ihrem Betrieb, der über 68 Betten verfügt, seit März "unglaublich flexibel" auf die sich ständig ändernden Vorschriften und Entwicklungen reagieren, erklärt die Hotelchefin. "Ich erwarte am Wochenende eine Familie aus dem Kreis Cloppenburg. Kriegen die einen Corona-Schnelltest und ist er negativ, dürfen sie kommen. Aber das steht alles in den Sternen. Ich werde bei jeder Buchung gefragt, wie lange man kostenlos stornieren kann. Wenn die Leute nicht bis einen Tag vor Anreise stornieren können, buchen sie erst gar nicht. Was bleibt mir also anderes übrig?" Mittlerweile sei die Unternehmerin um jeden Geschäftsreisenden dankbar. Zuletzt war das Filmteam von Regisseur Marcus H. Rosenmüller zu Gast, das in Pleystein drehte. Ein weiterer Glücksfall sei, dass der Fernleitungsbetreiber OGE (Open Grid Europe) in Waidhaus eine größere Baustelle hatte und sein Personal in der Gegend unterbringen musste.

Fast sämtliche Busgruppen hätten dieses Jahr abgesagt. Auch Privatfeiern wie Hochzeiten musste sie aus dem Terminkalender streichen. "Und ich weiß nicht, wie es nächstes Jahr wird", meint Maria Holfelder. "Es geht alles von jetzt auf gleich. Man kann nichts mehr planen. Vieles zerschlägt sich ganz kurzfristig." Ihre Privatgäste seien überwiegend ältere Menschen. Die würden in Zeiten der Pandemie auf das Reisen vorsichtshalber lieber verzichten. Wie die Lage in ein paar Wochen oder gar Weihnachten und Silvester aussehe, könne niemand voraussagen. Holfelder: "Ich kann nicht sagen, wie viele Leute ich dann an einen Tisch setzen darf. Und bei den Abstandsregelungen sind unsere Kapazitäten natürlich beschränkt." Den Sinn des Beherbergungsverbots verstehe sie nicht: "Wir haben Geschäftsreisende, die verpflegen sich sogar selbst. Wie sollen die da jemanden anstecken?" Im Hinblick auf die Gesprächsrunde der Ministerpräsidenten am Mittwoch würde sich die Hotelchefin als Ergebnis nur eins wünschen: "Wir brauchen unbedingt eine einheitliche Regelung. Das ist das A und O."

Tests aus eigener Tasche zahlen

Nur wenige Meter entfernt betreibt Ute Holfelder, Schwägerin von Maria Holfelder, eine Ferienpension. Auch sie hat in der Krise etliche Stornierungen verkraften müssen: "Wir sind schon sehr betroffen. Die Gäste aus Berlin kommen nicht. Jetzt aktuell fehlen uns die Casino-Angestellten. Das King's Casino in Rozvadov hat mindestens bis 25. Oktober geschlossen." In manchen Gebieten müssten die Coronatests aus eigener Tasche bezahlt werden. "Wenn es dann eine ganze Familie betrifft, dann rentiert sich das nicht vor einem Urlaub", erklärt Ute Holfelder. Noch im August seien die Buchungszahlen recht ordentlich gewesen. "Aber seit Anfang September gehen sie wieder stark zurück, weil die Infektionszahlen steigen."

Evi Rauh, Tochter von Maria Holfelder, leitet das Hotel "Number One" in Waidhaus. Die junge Unternehmerin hat beschlossen, das Haus mit insgesamt 40 Betten an den Wochenenden vorerst zu schließen. "Unter der Woche habe ich Geschäftsreisende. Da gibt es relativ wenig Probleme. Aber an den Wochenenden ist nichts los", berichtet sie. Auch ihr Betrieb ist vom Casino im Nachbarland abhängig. "Es ist echt schwierig geworden, bei Buchungsanfragen den Überblick zu behalten." Teilweise sitze sie nur mehr am Computer, um die Herkunft der potenziellen Kunden herauszufinden. "Wenn online gebucht wird, müssen die Leute nicht mal ihre Anschrift angeben. Dann reisen sie an. Sind sie aus einem Risikogebiet und ohne Coronatest, kann ich sie wieder heimschicken. Es ist nur mehr nervig."

Trotzdem bleibt Evi Rauh zuversichtlich: "Es ist nicht so, dass wir in den letzten Jahren nicht gut gewirtschaftet hätten. Jetzt ist nun mal ein Jahr, in dem es nicht so gut läuft." Im vergangenen Jahr hat die junge Frau ein Baby bekommen und vor 14 Tagen geheiratet. "Irgendwie auch schön, dass in der Zeit nicht so viel los war und ich diese Zeit etwas genießen konnte."

Hoteliers zittern bis zum letzten Tag

"Die Gesellschaft wird lernen müssen, mit dem Virus zu leben, um die Wirtschaft zu erhalten", bringt es Erika Holfelder (Schwägerin von Maria Holfelder) vom Hotel "Goldene Zeit" aus Hinterbrünst auf den Punkt. Die Regierung mache es sich sehr leicht, indem sie all die Verantwortung den vielen, kleinen Betrieben der Tourismusbranche überträgt. "Es kann doch nicht sein, dass wir Hoteliers erst mal googeln müssen, aus welchem Landkreis unsere Gäste kommen und ob es sich um ein Risikogebiet handelt." Es sei eine Illusion, dass man mit derlei Maßnahmen erfolgreich durch die Krise komme. Stattdessen müsse man an die Eigenverantwortung der Gäste appellieren. Von Planungssicherheit könne keine Rede mehr sein. Man müsse sich die Anspannung vorstellen, wenn man als Hotelier bis einen Tag vor Anreise zittern muss, ob eine Reisegruppe nun tatsächlich auch einchecken kann. "Man muss damit rechnen, dass am Freitag noch abgesagt wird, wenn der betreffende Landkreis an dem Tag den Schwellenwert überschritten hat."

Die Tourismusbranche wehrt sich gegen das Beherbergungsverbot

Deutschland und die Welt
Hintergrund:

Das Beherbergungsverbot

  • Beherbergungsverbot: für Menschen aus Regionen mit mehr als 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner binnen einer Woche
  • Ausnahme: aktueller Coronatest (nicht älter als 48 Stunden) mit negativem Ergebnis
  • Kritik: deutsches Gastgewerbe will juristisch gegen Einschränkungen vorgehen; deutscher Tourismusverband fordert einheitliche Regeln für Reisen in Deutschland
Ute Holfelder hat mit ihrer Pension wie viele andere Hoteliers mit den Widrigkeiten der Coronakrise zu kämpfen.

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