Auf 235 Seiten hält Monsignore Karl Wohlgut in dem Buch "Zerbrochenes Glück in Gott vollendet" die Kriegserlebnisse seines Vaters Georg Wohlgut fest. Am Mittwoch stellte er es Bürgermeister Edgar Knobloch im Rathaus vor. Der Grund, warum Wohlgut diese schrecklichen Erlebnisse anhand von 135 Feldpostbriefen niedergeschrieben hat, liegt für ihn nahe: "Für die nächste Generation werden der Erste und der Zweite Weltkrieg ferne Ereignisse sein. Sie können sich nichts darunter vorstellen."
Georg Wohlgut wurde 1942 zum Militärdienst eingezogen und einer Bäckerkompanie zugeteilt, die der 371. Infanteriedivision unterstellt ist und nach der Katastrophe von Stalingrad in der Normandie/Frankreich neu aufgestellt wurde. In der Toskana musste die Einheit die Front gegen das Vordringen der westlichen Alliierten verstärken und mit Bombenangriffen Bekanntschaft machen. Im Januar 1944 folgte der Einsatz gegen die Partisanengruppen in Kroatien, wo man mit grauenhaften Erlebnissen konfrontiert wurde. Die 371. Infanteriedivision wurde in die Ukraine, in den Südabschnitt der Ostfront westlich von Kiew, verlegt. Was dann kam, waren die Schrecken des Zweiten Weltkrieges.
In Gedanken bei Familie
"Den ganzen Tag steckt man im Dreck bis zu den Knöcheln. Die Schuhe werden kaum noch trocken", geht aus einem Feldpostbrief von Georg Wohlgut hervor. Er fürchtete, dass seine Zehen erfroren sein könnten. Die Fahrzeuge kommen nicht mehr durch, nur noch Pferdefuhrwerke, schreibt er weiter. In Gedanken ist Georg Wohlgut stets bei seiner Familie, um die er sich Sorgen macht. Alle Tage betrachtet er die Fotos von seinen Buben. An der Erstkommunion seines Sohnes Karl möchte er auf Urlaub zu Hause sein. Sein Alltag als Bäckersoldat war eintönig; voll und ganz von der Arbeit geprägt: Zwölf Stunden Backen und Holzmachen. Zumindest hatte Wohlgut immer noch seine Geige dabei. Diese gab er nun einem Kameraden mit, der in Urlaub fuhr; er solle sie im Sudetenland bei der Post aufgeben.
Mitte Februar setzten die Sowjets zum Angriff an. Wohlguts Kompanie lag südlich von Schitomir, "ein verdammter Zipfel, wenn sie uns nur nicht einkesseln". Ein Verband mit Panzern war durchgebrochen, die aber alle abgeschossen wurden. Die Russen wurden abgeführt. Die Frauen und Kinder schrien, jammerten und weinten. Georg Wohlgut ging es ans Herz. Anfang März setzte die sowjetische Offensive ein, und die Bäckerkompanie musste flüchten, doch "der Iwan war schon an der Haustüre". Wohlguts Klamotten verbrannten. Er verlor seine Einheit, aber mit viel Glück fand er sie wieder.
Schließlich geriet der Heeresverband in die Kesselschlacht von Kamenez-Podolsk, wo zwischen der Bahnlinie Lemberg-Winniza-Odessa und dem Dnjestr mehr als 200 000 deutsche Soldaten eingeschlossen waren. Alle Soldaten waren mit ihren Handfeuerwaffen Einzelkämpfer. Georg Wohlgut hatte alles verloren. Nachts warfen deutsche Flugzeuge Waffen, Munition und Medikamente ab, aber keine Lebensmittel. Plündernd und wie Räuber und Diebe sollten sich die Soldaten selbst versorgen. Jeden Tag wurden 30 bis 40 Kilometer durch Dreck und Morast marschiert, 400 Kilometer zu Fuß durch die westliche Ukraine bei Regen und Schnee. Anfang April erreichte Wohlguts Einheit als eine der letzten jene Gegend südlich von Lemberg, wo die 1. und 4. Panzerarmee die Einkesselung zerschlagen hatten.
Gegenseitiges Beten
Da fragt man sich, wie Georg Wohlgut diese Strapazen ausgehalten hat. Mit grenzenlosem Gottvertrauen und der Überzeugung, wieder heimzukommen. Wenn er einmal Freizeit hatte, setzte er sich auf eine Wiese, die ihn an den "Katzenwinkel" in Grafenwöhr erinnerte und tauschte mit dem Herrgott seine Gedanken aus. Er bat darum, seine Heimatstadt möge doch nicht des Lagers wegen einem Bombenangriff zum Opfer fallen. Auch in der Familie wurde viel für den Vater gebetet. Das gegenseitige Beten gab ungeheuere Kraft. In den Briefen tauchten immer wieder Fragen auf, wie: "Wie wird das alles zu Ende gehen? Was wird noch alles auf uns zukommen?" - Reden konnte er darüber mit niemandem.
Im Sommer 1944 ging es mit der Flucht weiter. Die Russen rückten weiter vor an die Weichsel. Im Januar 1945 durchbrachen die Sowjets die Baranow-Front, der Weg nach Berlin war frei. Die 371. Infanteriedivision verteidigte längere Zeit die Festung Ratibor und zog sich dann in Richtung Tschechoslowakei zurück. In einem Gefangenenlager im Ural musste Georg Wohlgut auch im Winter zum Holzfällen, war mehrere Monate im Lazarett und wurde im Oktober 1947 entlassen. Daheim erschrak die Familie zunächst über den "alten Mann", der eigentlich erst 45 Jahre alt war. An Allerheiligen nahm er zum letzten Mal seine geliebte Geige in die Hand und spielte das "Wolgalied": "Es steht ein Soldat am Wolgastrand, hält Wache für sein Vaterland". Dann gab er die Violine seinem Sohn Karl. Zweieinhalb Wochen später verstarb Georg Wohlgut.
"Das Buch ist ein beeindruckendes, aber auch bedrückendes Werk", gesteht Bürgermeister Edgar Knobloch. Die Schrecken des Krieges werden dadurch deutlich. Knobloch versprach, dass das Werk im Rathaus gut aufgehoben ist. Für die Öffentlichkeit ist es zunächst nicht bestimmt.















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