07.09.2018 - 16:51 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Schnitzeljagd durch neun Länder

3 Wochen, 7000 Kilometer, 2 Kontinente, 9 Länder: von Frankreich bis nach Jordanien - das ist die Europe-Orient-Rallye. 29 Teams stürzen sich auf dieses Rennen. Mit dabei sind die Grafenwöhrer Maximilian Böhm (31) und Andreas Joltea (33).

von Stefan NeidlProfil

Kurios war bereits der Start - da die Behörden im ursprünglich vorgesehenen Straßburg Bedenken wegen Reiseroute, Nationalität der Teilnehmer und möglichen Konflikten hatten, musste der Start kurzfristig in das 35 Kilometer entfernte Bischwiller verlegt werden. Maximilian Böhms und Andreas Jolteas Team, die "Wandering Otters", zu dem auch Stefan und Alexander Merk, Torben Heyen und Jakob Jung gehörten, hatten bereits im Vorfeld der Tour einige Aufgaben zu erfüllen.

Schon die Autos, mit denen die Männer die Länder erkundeten, ließen Abenteuer erwarten: ein 3er- und zwei 5er-BMWs, gekauft für maximal 1111 Euro, alle Baujahr 1998 oder älter und ohne Navigationsgerät - so lauten die Regeln der Rallye. Die Bewertung dieser spielte für die Endwertung eine größere Rolle als die benötigte Zeit.

Dann ging es los: Bei Freistett überquerten die "Otters" zunächst den Rhein nach Deutschland und hatten schon die erste Aufgabe zu erfüllen: Sie sollten eine Stadt in Schwaben finden, die mit einem G beginnt und endet, eine Brauerei hat, und dort pro Auto einen Sixpack Bier kaufen. Dieser durfte aber nicht getrunken werden, sondern musste während der Etappen gegen einheimisches Bier der jeweiligen Länder getauscht werden. Nach kurzem Blick auf die Karte war Günzburg ausgemacht. Dort erhielten sie auch das Roadbook - ein Wegweiser mit Aufgaben, Tipps und Fotos als Navigationshinweise. Der Inhalt des Roadbooks wurde am Ende bewertet.

Kleine Pannen

Aufgrund der sommerlichen Temperaturen freuten sich Böhm und Joltea, dass sie den einzigen Wagen der "Otters" mit funktionierender Klimaanlage hatten - die aber prompt nach den ersten 30 Kilometern ausfiel. Noch am ersten Tag erreichten sie nach dem Grenzübertritt nach Scherding einen Vorort von Wien. Bis dahin wollte ein Teil einer weiteren Aufgabe erfüllt sein - an jedem bisherigen und zukünftigen Grenzübergang musste ein Selfie des gesamten Teams mit Grenzschild gemacht werden.

Von Österreich nach Ungarn, Serbien, Griechenland, Bulgarien und in die Türkei - die Route war den Teams freigestellt, solange die Aufgaben korrekt erfüllt wurden. Die freie Wegwahl sorgte regelmäßig für Chaos - die Teams verfehlten Ausfahrten oder verfuhren sich. Doch stets fanden die "Otters" hilfsbereite Bürger. Kommuniziert wurde dabei mit Hand und Fuß, Google-Translator, oder es wurde auch mal ein befreundeter türkischer Geschäftsmann angerufen, der übersetzen sollte.

Neben den zu erfüllenden Aufgaben der Rallye blieb auch Zeit für eigene Aktivitäten. Beim Sightseeing eines Steinbruchs in Serbien wurden die "Otters" von der Security verfolgt und vertrieben. Und auch von so manch kleinerer Panne blieben die Reisenden nicht verschont: In einem kleinen Ort Bulgariens fing spät abends das erste Auto zum Quietschen an. Ein Anruf bei einem Grafenwöhrer Weltenbummler und Reifenexperten offenbarte nach kurzem Anhören und Beschreiben sofort die Lösung - das Ankerblech war locker. Vor einem Supermarkt fragten die Männer zwei Angestellte um Hilfe. Diese mobilisierten in kürzester Zeit die halbe Stadt, bis sich jemand fand, der das Problem verstand und unter die Karosserie kletterte, um das Blech zu entfernen. Als Dankeschön gab es ein Deutschlandtrikot mit Unterschriften von Böhms und Jolteas Team.

Durch die Strapazen musste die Gruppe auch einige Abstriche bei der Hygiene machen - erst am fünften Tag nach tagelangen Fahrten in sengender Hitze gab es bei Kavala in Griechenland eine erste Gelegenheit für ein Bad im Meer. Beim folgenden Grenzübergang in die Türkei stellte Böhm fest, dass er wohl die Fahrzeugpapiere in der Werkstatt vergessen hatte. Nachdem die "Otters" den Grenzbeamten eineinhalb Stunden bearbeitet hatten, durften sie ohne Papiere einreisen - nur um den Fahrzeugschein kurz darauf in einer Hosentasche zu finden.

Die wagen Wegbeschreibungen führten auch zu mysteriösen Schnitzeljagden - bei Çanakkale fuhren die "Otters" geschätzte acht Mal an einer geforderten Foto-Location vorbei, ohne diese zu erkennen. In Istanbul gab es dann die erste Aufenthaltspause - zwei Tage Gelegenheit, Stadt und Leute zu erkunden, mit dem Fahrerlager direkt am Taksim-Platz. Böhm kam gleich bei ein paar Raki mit Oppositionspolitikern ins Gespräch. Bis in den frühen Morgen wurde sich über Politik in der Türkei und Deutschland ausgetauscht, nur unterbrochen durch Tänzchen - lockere Diskussionsführung ist üblich in der Türkei.

Pistole im Anschlag

Von der blauen Moschee ging es mit Polizeieskorte weiter in Richtung Osten. Nach ein paar Kilometer Fahrt war für die Rallye vom Sportministerium ein Fußballspiel organisiert worden - sogar mit ehemaligen türkischen Nationalspielern. Alex Merk und Jakob Jung nahmen für die "Otters" teil, und Jung schoss sogar ein Tor. Auf dem Weg nach Ankara wurde das Gelände schwieriger. Auf unbefestigten Straßen ging es vier Stunden durchs Gebirge. Dann wurden die Wagen in Mersin auf die Fähre geladen, und die Männer selbst machten sich mit dem Flugzeug auf nach Tel Aviv. Eine Fahrt durch syrisches Gebiet war zu gefährlich. In Israel wandelte die Gruppe auf biblischen Spuren, suchte die Kampfstätte von David und Goliath auf und erkundete die Burma Road. Gesellig wurde es auf einem Bierfest, das die Europe-Orient-Rallye organisiert hatte. Joltea verlor glatt seinen Geldbeutel und wurde über Facebook von der einheimischen Finderin kontaktiert, Hilfsbereitschaft erfuhren die "Otters" überall.

Tückisch wurde es in Jordanien, dem Ziel der Reise. Auf der Suche nach dem Nachtlager erwischten sie dreimal die falsche Ausfahrt und landeten am Eingang einer Militärbasis. Die Soldaten inspizierten die Wagen mit der Maschinenpistole im Anschlag. Letztendlich wandten sie sich an den Zivilschutz. Dieser empfing sie mit Tee und ließ den Polizeichef kommen, welcher sie prompt angesichts ihrer Situation auslachte. Die "Otters" nahmen es mit Humor und lachten mit.

Die letzte Etappe nach Amman war noch einmal eine Strapaze für Mensch und Material. Wegen des Ramadans war es kaum möglich, vor der Abfahrt Wasser zu kaufen, und die Strecke führte zwei Tage durch eine unbeschilderte Steinwüste. Mit Kompass, Karte und Spuren, von denen nie klar war, ob der, der sie hinterlassen hat, wusste, wo er hinfährt, kämpften sich die Männer in Schrittgeschwindigkeit voran - andernfalls hätten sich die Reifen auf dem spitzen Geröll aufgeschlitzt. Sandstürme, die das Handy aus der Hand rissen, und plötzlicher Regen erschwerten das Vorankommen. Endlich am Ziel angekommen, beschlossen die "Otters", übriggebliebene Ausrüstung und Proviant aller Teams einzusammeln und diese einem Kinderdorf zu geben - eine schöne Geste. Die Wagen wurden vorm Rückflug am Flughafen zurückgelassen. Sie werden zerlegt und verkauft - der Erlös kommt der Stiftung "Gift of Life Amman" zugute.

Für Maximilian Böhm und Andreas Joltea waren diese drei Wochen die intensivste und beste Erfahrung ihres Lebens. Beide betonten, wie schnell das Team zusammengewachsen ist und sich gegenseitig unterstützt hat. Die hohen Temperaturen gingen an die Substanz und ohne sich gegenseitig aufzubauen wäre die Reise wohl schon nach wenigen Tagen zu Ende gewesen, meinte Joltea. Böhm fand besonders bemerkenswert, wie gut sich alle verstanden, obwohl sie sich erst während der Vorbereitung und beim Rennen kennenlernten. Besonders betonte er die Begegnungen mit den vielen verschiedenen Menschen unterwegs. Den falschen Eindruck, den man oft von fremden Ländern erhält, musste er mehrfach auf seiner Reise korrigieren. Er hofft, dass die "Wandering Otters" und alle Teilnehmer der Rallye einen kleinen Anteil zur Völkerverständigung und zu mehr Frieden beigetragen haben. www.onetz.de/bildergalerie

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.