14.02.2019 - 13:39 Uhr
HohenfelsOberpfalz

Ganz allein im Übungsplatz Hohenfels

Wer mit dabei sein wollte, der musste früh aufstehen, sich warm anziehen und bereit sein, 15 bis 20 Kilometer im Schneegestöber zu marschieren: Ein Erlebnis war für Reservisten und Soldaten ein Wintermarsch durch den Übungsplatz Hohenfels.

Orientierung ist das A und O im Truppenübungsplatz. Auf gut Bayerisch würde man fragen „Wou sama?“. Aufmerksamer Beobachter beim Reservistenmarsch ist hier Major Wolfgang Tauschke (rechts) von der Pateneinheit.
von Paul BöhmProfil

Die Dörfer, durch die die Teilnehmer marschieren, haben alle fremdländische Bezeichnungen. Je nachdem, wo sich das aktuelle Übungsszenario in Hohenfels gerade abspielt, werden die Ortsnamen gewählt. Bei Temperaturen gut unter dem Gefrierpunkt brechen gut 60 Mitglieder der Reservistenkameradschaft Schmidmühlen, aus Poppenricht und Mendorferbuch sowie Soldaten aus der 1. Kompanie des Logistikbataillons 472 aus der Kümmersbrucker Schweppermannkaserne zu einer Tour quer durch den Truppenübungsplatz Hohenfels auf. Möglich wurde dies durch die Genehmigung der amerikanischen Streitkräfte in Hohenfels in der übungsfreien Zeit, betont Organisator Paul Böhm.

Von Schmidmühlen aus waren die Reservisten zunächst mit dem Bus losgefahren, um sich von Absetzpunkten in Hohenburg, Stettkirchen, Adertshausen, Rohrbach, Lauf, Hohenfels und Hörmannsdorf auf den Weg in eine Welt zu machen, die man oft nur vom Hörensagen her kennt: Das Militärgelände ist auch für Reservisten nicht jederzeit zugänglich.

Auf einem Steg über die Lauterach und einen Berg hinauf, durch einen Graben und dichtes Untergehölz - dann sind die Marschgruppen auf sich gestellt. Außer ihnen ist auf dem Militärgelände an diesem Tag sonst niemand unterwegs. Nicht eine Spur ist im Schnee auf der Panzerstraße zu sehen, geschweige denn auf den anderen Wegen. Es hat fast die ganze Nacht geschneit: Da ist es eine Herausforderung, nur mit Hilfe einer Karte und von ein paar Koordinaten zum Ziel zu finden. Einige Stunden brauchen die Gruppen, um die ehemaligen Ortschaften Raversdorf, Schwend und Enslwang als Orientierungshilfen in der Schneelandschaft zu finden.

Fremdländische Szenarien, noch übrig von der letzten Übung im Dezember, begleiten auf der Tour durch das Militärgelände. So staunen einige der Teilnehmer über die kleinen Holzhütten entlang der Dorfstraße. Auch eine Tankstelle gibt es. Und das Straßencafé "Aladin". Hier hätte man aber vermutlich nur eiskalten Cappuccino bekommen. Umso größer ist die Freude, als hinter einer Wald-Ecke plötzlich ein Begleitfahrzeug herannaht, um heißen Tee und Schokoriegel an die Marschteilnehmer zu liefern.

Dem Hohenfelser Wolf sind die Reservisten nicht begegnet – aber dafür entschädigte der Blick auf manche Rotwildgruppe.
Tee und einen Schokoriegel zwischendurch: Das schmeckt auch Hauptmann Michael Laußer aus Poppenricht.

Minarett im Schnee

Weiter geht's. Gleich hinter den Häusern verläuft eine Ölpipeline, dazu gesellen sich einige Autowracks vor einer Werkstätte. In der Auslage warten Zigaretten auf den Käufer, dazu allerlei Schnickschnack, Computer Kochtöpfe und Kinderwägen: Alles Dinge, die in den militärischen Übungen der vergangenen Wochen eine Rolle gespielt haben. Exotisch mutet das Minarett an - im Schnee, mitten in der Oberpfalz. Aber auch das gehört zu möglichst realistischen Trainingsbedingungen für die Soldaten in Hohenfels.

Eine andere Marschgruppe ist entlang der Absprungzone von Deinfeld aus nach Osten unterwegs, um sich einen Weg durch das Waldgebiet über den Drosselberg und den Haidensbucher Forst zu suchen. Diese Gruppe sieht keine Häuser und Dörfer. Aber dafür große Rotwildrudel, die an den Waldrändern nach Futter Ausschau halten.

Die Reservisten orientieren sich in Richtung Haidensbuch. Ihr Ziel aber ist die Halloween-Church von Kirchenödenhart: Dort soll es in der Sakristei Leberkäsesemmeln vom Ochsenwirt aus Schmidmühlen geben. Andere Marschgruppen bahnen sich den Weg nach Westen, von der Forellenbachtalseite aus über Berg und Tal. Der Haunberg, Oberdietldorf und Circletown, wie die Amerikaner die ehemalige Ortschaft Haasla nennen, lassen sie hinter sich, um durch den dichten Wald des Bügelberges entlang des Hauntals vorwärts zu kommen.

Brotzeit am Altar

Auch ihr Ziel ist die Kirche Maria Magdalena von Kirchenödenhart mit Leberkäsesemmeln und Wintertee. Im geschützten Altarraum erfüllen Georg Popp und Heinrich Hintermeier mit Soldaten der Pateneinheit die Verpflegungswünsche. Wer hätte gedacht, einmal am Altar von Maria Magdalena Brotzeit zu machen?

Doch dann drängt die Zeit - und es wird kalt, weil kein Feuer zum Wärmen da ist. Man tauscht noch ein paar Neuigkeiten über den Hohenfelser Wolf aus, die mancher aus seiner Räuberpistole abschießt. Dann geht es weiter, in Richtung Feldlandebahn und Übungsdorf. Alle Marschgruppen haben das Ziel, das Trachtenheim in Schmidmühlen, schon im Blick. Dass auf den letzten Kilometern noch einmal an Elan zugelegt wird, liegt wohl auch daran, dass zum Abschluss ein Spanferkel aus dem Metzgerbackofen und mehr als 100 Knödel warten.

Die Wegweiser für die Marschgruppen durch das Truppenübungsplatzgelände waren die Dörfer, so wie hier die Ortschaft Enlswang
Hintergrund:

"A good story"

Es ist still inmitten der Dorfstelle Kirchenödenhart, nur wenige Kilometer von Schmidmühlen entfernt: Der Ort ist seit dem Spätherbst 1951 verwaist. Nur der Kirchturm steht jetzt wieder stolz, aber doch etwas verloren und einsam, als Wahrzeichen des ehemaligen Kirchdorfes in der Kulturlandschaft von einst.

In einer einmaligen Rettungsaktion haben sich die Verantwortlichen der amerikanischen Streitkräfte im Truppenübungsplatz Hohenfels zusammen mit dem Bundesforst mit Sitz in Schmidmühlen dafür eingesetzt, die ehemalige Filialkirche der Pfarrei Dietldorf, Maria Magdalena in Kirchenödenhart, zu erhalten. Damals, im Jahr 2004, war diese Sicherungsmaßnahme eine „good Story“, eine gute Geschichte, wie die Beteiligten im Verständigungs-übergreifenden Englisch sagten. Wenn die Amerikaner von der Halloween-Church sprechen, bekundet dies Achtung und Respekt vor den Relikten der einstigen Kulturlandschaft inmitten des jetzigen Übungsgeländes.

Mit einer beherzten Rettungsaktion wurden der Turm und das restliche Mauerwerk der Kirche gesichert. Etwa 90 000 Euro haben die US-Streitkräfte damals in den Erhalt dieser Kirche investiert. Der Dachstuhl des Turms wurde erneuert und zum Sommerquartier für die große Hufeisennase ausgebaut – die seltene, hier aber durchaus anzutreffende Fledermausart, die man auch in Hohenburg kennt. Damit es ruhiger wurde im Dorf, wurde sogar die vorbeiführende Straße an den Ortsrand verlegt.

Die Kinder von Kirchenödenhart gingen übrigens damals nach Emhof zur Schule. Zur Kirche ging man nach Dietldorf. Der meisterhafte Altar des jetzt verlassenen Gotteshauses hat in St. Jakobus in Emhof eine neue Heimat gefunden. (bö)

Alle Wege führten an diesem Tag zur Halloween-Church nach Kirchenödenhart. Kirchenpatronin war einst Maria Magdalena, es war eine Nebenkirche der Pfarrei Dietldorf.

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