Vor vielen Jahren las der Waldershofer Harald Primitz (52) zufällig von einem Flugzeugabsturz im Steinwald zwischen Hohenhard und Harlachberg. Seine Quelle war das Büchlein „Chronik einer schlimmen Zeit“, das Edmund Schraml 1999 im Selbstverlag herausgegeben hat. Dieser Absturz ließ ihm fortan keine Ruhe mehr, vor allem weil genaue Informationen fehlten und manchmal sogar angezweifelt worden war, dass es diesen Flugzeugabsturz wirklich gegeben habe. „Also begann ich mit den Nachforschungen“, erzählt er.
Das war vor etwa acht Jahren. In dieser Zeit hat er in mühevoller Recherchearbeit mit vielen Helfern nicht nur den Nachweis für dieses Unglück erbracht, sondern auch den Ablauf rekonstruiert. „Soweit es ging“, sagt er. Denn richtige Zeitzeugen gebe es kaum mehr. Harald Primitz fand aber noch einige Leute, die von ihren Vätern und Müttern von der Katastrophe gehört hatten. Die Ergebnisse seiner Recherchen hat er in der neuen Jahresschrift „Wir am Steinwald“ der Gesellschaft Steinwaldia veröffentlicht.
Einer starb im Flugzeug
Der Waldershofer hat rekonstruiert, dass sich das Unglück an einem eiskalten Tag im Winter im Waldabteil Schwarzlohe ereignet haben muss. „Vermutlich im Jahr 1942“, erzählt er. Das Flugzeug sei wohl im Tiefflug aus Richtung Hohenhard gekommen und habe beim Absturz eine Schneise in einen Jungwald gerissen. Primitz mutmaßt weiter, dass die Maschine dabei in viele Einzelteile zerlegt worden sei.
Aufgrund der Erzählungen gilt jetzt als sicher, dass das Flugzeug mit zwei Personen besetzt war. Ein Insasse sei aus der Maschine geschleudert und schwer verletzt zwischen abgebrochenen Fichten eingeklemmt worden, schreibt Primitz. Der zweite Soldat sei im Wrack gestorben. Waldarbeiter, die in der Nähe Holz machten, sägten nach seinen Recherchen den vor Schmerzen schreienden Soldaten frei und brachten ihn zum nächstgelegenen Haus nach Harlachberg, dem heutigen Landgasthof Steinwald. Dort verband man seine Wunden und stoppte die Blutungen. Der herbeigerufene Arzt, Dr. Schirmer aus Ebnath, übernahm später die weitere Versorgung und den Transport ins Krankenhaus Marktredwitz.
Erst zwei Tage später wurde laut Primitz der zweite Soldat, der beim Absturz gestorben war, aus dem Wald geholt. Die Leiche sei bereits so steif gefroren gewesen, „dass Gliedmaßen absägt werden mussten, um den Toten in den Holzsarg legen zu können“. Mit einem Pferdeschlitten sei der Leichnam schließlich aus dem Wald abtransportiert und zum Bahnhof Neusorg gebracht worden, rekonstruiert Primitz die schrecklichen Ereignisse an jenen Wintertagen. Der Waldershofer hat auch herausgefunden, dass der überlebende Soldat einige Jahre nach Kriegsende noch einmal in die Gegend zurückkehrte, um sich bei den Rettern zu bedanken.
Die Nachforschungen waren ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Zahl der Zeitzeugen oder deren direkte Nachfahren, die etwas über den Absturz im Jahr 1942 wissen und erzählen können, wird von Jahr zu Jahr kleiner. Schließlich liegt das Ereignis mittlerweile weit über 80 Jahre zurück. Das zweite Problem war, dass es im Zweiten Weltkrieg noch einen weiteren Flugzeugabsturz im Steinwald gegeben hatte. Primitz stellte fest, dass viele Zeitzeugen in ihren Erzählungen mittlerweile beide Abstürze miteinander vermischen. „Ein Absturz war in der Nähe des Waldhauses, ein anderer im Waldgebiet Schwarzlohe“, weiß der Waldershofer. Hilfreich war für ihn, dass er das Unglück beim Waldhaus bereits vor ein paar Jahren selbst erforscht hatte und ziemlich genau Bescheid weiß, was sich dort zugetragen hatte. „Zum Absturz beim Waldhaus gibt es in verschiedenen Archiven Nachweise, den konnte ich sehr gut rekonstruieren“, so Primitz.
Motor in Moorloch versenkt?
Ein wichtiger Mosaikstein war für den Waldershofer der Hinweis, dass ein Motor lange in der Nähe eines Moorlochs im fraglichen Waldgebiet gesehen worden sei. Außerdem hörte er von einem seltsamen Ölfilm, den es dort gegeben haben soll. Primitz, ein gelernter Werkzeugmacher, der bei Scherdel in Waldershof Fertigungsleiter ist, kombinierte und stellte die These auf, dass Kinder den Motor im Moor versenkt haben könnten.
Als segensreicher Helfer erwies sich bei den Nachforschungen Norbert Reger, Vorsitzender der Pullenreuther Gesellschaft Steinwaldia und früherer Steinwald-Förster. Regers Vater hatte zu den Helfern gehört, die seinerzeit den Verletzten gerettet hatten. „Mit Norbert Regers Hilfe, seinem unermesslichen Wissen über den Steinwald und einer alten Forsteinrichtungskarte von 1950“ habe er die vermutliche Absturzstelle gefunden. Primitz besorgte sich einen Metalldetektor und machte sich mit Genehmigung des zuständigen Revierförsters dort auf die Suche nach Metallstücken, die auf den Absturz hinweisen könnten. Zunächst erfolglos.
Doch er ließ nicht locker, trommelte Suchtrupps zusammen und durchkämmte mit ihnen das Gebiet immer und immer wieder. Norbert Reger half mit seinen Enkelkindern Pia und Vitus ebenso bei der Suche wie Primitz' Kollege Franz Bernhard, der während der Coronazeit zum „Sondler“, also zum Sondengänger, geworden war. Auch die eigenen Kinder des Forschers, Ann-Kathrin und Max, streiften mit durch die Wälder. „Das Sondeln- und Schatzsucherfieber hatte uns alle gepackt“, berichtet der Waldershofer. „Leider konnten wir den Motor und damit den Nachweis für einen Teil der Erzählungen nicht finden“, bedauert Primitz.
Bordnetzschaltgerät entdeckt
Doch er fand andere Hinweise auf den Flugzeugabsturz: Glasteile, eine Bürste, ein Duftfläschchen und unzählige kleine Trümmerteile aus Alu-Legierungen. Die beiden wichtigsten Funde waren ein Bordnetzschaltgerät, wie es im Zweiten Weltkrieg für die Verständigung in deutschen Flugzeugen verwendet worden war, und ein Hutabzeichen der deutschen Luftwaffe. „Damit ist der Nachweis erbracht, dass hier ein deutsches Flugzeug abgestürzt ist“, berichtet Primitz. Er vermutet, dass Holzhauer die großen Blechteile mit nach Hause genommen hatten, um damit Brennholz abzudecken.
Eine Menge anderer Fragen bleiben jedoch noch offen. Warum wurde das Flugzeug seinerzeit nicht geborgen wie das beim Waldhaus? Wo kam das Flugzeug her? Wo wollte es hin? Warum ist dieser Flug in den einschlägigen Akten nicht aufgeführt? Wurde die Maschine vielleicht gestohlen und Soldaten wollten damit desertieren? Warum waren die Soldaten im Tiefflug unterwegs? Gab es vielleicht sogar eine geheime Ladung?
Vorfall bleibt mysteriös
Primitz hat sich irgendwie damit abgefunden, dass er viele dieser Fragen nie mehr klären kann – es sei denn, Leser des Berichts können neue Informationen zum mysteriösen Absturz beisteuern. Und falls nicht, dann passe dies irgendwie auch zur mystischen und geheimnisvollen Moorlandschaft im Steinwald, findet Primitz.
Obwohl er das Thema noch nicht ganz abgehakt hat, gibt es bereits ein neues Thema, mit dem er sich beschäftigt: alte Skisprungschanzen im Steinwald. „Es gab hier einige“, erzählt der Hobbyforscher. Der Sport sei auch im Steinwald ungemein populär gewesen. Am schönsten wäre für ihn, wenn er alte Fotos von den Sprunganlagen auftreiben könnte, um dies zu beweisen.
"Wir im Steinwald"
- Jahresschrift der Gesellschaft Steinwaldia Pullenreuth
- Erscheint immer zum Jahresende im Verlag E. Bodner Speinshart
- Die Ausgabe 2024 ist bereits das 32. Heft
- Autoren beschäftigen sich mit Heimatgeschichte, Natur, Geologie, Kultur und Denkmalpflege im Steinwald
- Erhältlich direkt bei der Gesellschaft Steinwaldia sowie in jeder gut sortierten Buchhandlung

























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