Himmel, Arsch und Zwirn

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Trachtenfilialist Georg Nübler über bayrisch-derbe Markennamen, wie identitätsstiftende Mode in Krisenzeiten den Zusammenhalt stärkt und warum ihm Hochzeiten in diesem Sommer viel Freude bereitet haben.

Georg Nübler: "Die Menschen haben in den vergangenen Monaten ein besseres Verständnis davon bekommen, wie wichtig Nachhaltigkeit und ein vernünftiger Umgang mit unserem Planeten sind. Dazu gehört ganz besonders die Langlebigkeit von Produkten."
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

"Ich trage jeden Tag Tracht. Ganz klar. Ein schickes Hemd, Trachtensneaker und vor allem natürlich eine Lederhose. Die heute stammt von der Firma ,Himmel, Arsch und Zwirn', ist edel bestickt und hochwertig verarbeitet", wirbt der Besitzer des "Trachtenhofes" in Immenstetten (bei Freudenberg, Kreis Amberg-Sulzbach) gleich für sein Sortiment. Der bayrisch-derbe, vielleicht "a bisserl g'scherte" Markenname seiner Krachledernen geht ihm dabei problemlos über die Lippen.

"Das bringt das Lebensgefühl vieler Menschen ganz gut 'rüber. Unsere Kunden identifizieren sich mit dem bayerischen Lebensgefühl. Wer Mode im Trachtenstil trägt, zeigt, dass er dazugehört", sagt Nübler. "Man ist stolz auf das, was Bayern in der Welt erreicht hat. Und mit der entsprechenden Kleidung bist du Teil dieses Erfolgs. Nehmen Sie den Sieg des FC Bayern in der Champions-League: Hätten wir heuer kein Corona, wäre die Leopoldstraße voll mit jubelnden Menschen in Lederhosen und Dirndln gewesen."

Georg Nübler: "Mit der passenden Tracht ist man nicht nur bei Hochzeiten gut angezogen."
Modetracht aus dem Hause Nübler.

Dieses Jahr freilich ist vieles anders, schwieriger, auch für Trachtenhändler Nübler, der mittlerweile 13 Läden in ganz Bayern betreibt und 75 Mitarbeiter beschäftigt: "Trachtenmode wird zumeist anlassbezogen gekauft. Bei uns sind das häufig große Feste, wie etwa Kirwan, eine Dult oder das Gäubodenfest. Dafür besorgt man sich das passende Outfit. Durch Corona sind die Kirchweihen weggefallen. Dafür wurden in den Sommermonaten private Feiern nachgeholt, wie etwa Hochzeiten. Mit Lederhose und Dirndl kann man auch da immer schneidig und elegant zugleich auftreten."

Die Hochzeitspaare profitierten auf Sicht von der Trachtenmode oft auch finanziell: "Ein Hochzeitsanzug verstaubt im Schrank, die edle Lederhose können Sie dagegen über Jahre und bei vielen Gelegenheiten tragen. Mit der Zeit gewinnt sie sogar noch dazu und legt Patina an." Damit könne ein Trachtenoutfit, insbesondere über einen längeren Zeitraum betrachtet, auch die wirtschaftlich bessere Entscheidung sein, urteilt Kaufmann Nübler.

Georg Nübler: "Ich trage jeden Tag Tracht, ganz klar."

Für ihn seien dies alles Überlegungen, denen in Corona-Zeiten besondere Bedeutung beikomme: "Die Menschen haben in den vergangenen Monaten ein besseres Verständnis davon bekommen, wie wichtig Nachhaltigkeit und ein vernünftiger Umgang mit unserem Planeten sind. Dazu gehört ganz besonders die Langlebigkeit von Produkten." Ein billiger Anzug komme vielleicht aus Bangladesch, wo Menschen unter unwürdigen Bedingungen arbeiteten, um eine Ware herzustellen, die dann schnell abgetragen sei statt das Potenzial habe, lange zu halten. Auf Wunsch lässt sich die Ware auch individualisieren: "Wenn ein Kunde sein altes Charivari an die neue Lederhose genäht haben möchte, ist das für unsere Schneiderin kein Problem."

"Bekleidungsartikel im Trachtenstil legen in der Regel kürzere Transportwege zurück als Standardbekleidung. Unsere Zulieferer lassen typischerweise in Ländern wie Tschechien, Polen oder Ungarn nähen. Die Stoffe selbst stammen häufig aus Italien, das Leder aus der Türkei." Deutschland oder Österreich spielten jedoch keine Rolle mehr als Produktionsstandorte, Nostalgie sei also fehl am Platz.

Dennoch: "Ein Dirndl aus Ungarn hat es ganz offensichtlich nicht so weit zu uns wie eine Jeans aus Bangladesch. Ganz zu schweigen von den besseren Sozialstandards." Doch seien diese Vorteile, gibt Nübler zu, ein Effekt, dem in erster Linie keine moralischen Beweggründe zugrunde lägen, sondern ganz pragmatische: "Mit Trachtenmode bekommen unsere Lieferanten gar nicht die Mengen her, die für Produzenten in Bangladesch interessant sein könnten. Dafür ist die Branche viel zu klein."

Trachtenhof Nübler

Keine Kirchweih, aber Hochzeiten

Nübler spricht immer wieder von "Mode im Trachtenstil", von klassischer Tracht will er sich klar abgrenzen: "Wir wollen nicht in Konkurrenz treten zur wichtigen, aber eben anderen Art von Heimatverständnis, wie es etwa bei Trachtenvereinen zu finden ist. Deren Tracht widerspiegelt die Vergangenheit. Sie ist regional unterschiedlich und in der Regel sehr authentisch. Mode im Trachtenstil zitiert daraus Elemente und fügt Neues hinzu. Dass kann man natürlich ganz unterschiedlich bewerten. Für mich ist Tracht aber nicht eingefroren, sie lebt und entwickelt sich weiter."

Eine identitätsstiftende Klammerfunktion habe eben auch die "Mode im Trachtenstil": "Sie stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl über alle Altersgruppen hinweg - auf einer breiten Basis. Das halte ich nicht nur angesichts von Corona für sehr bedeutsam. Die Botschaft lautet: Wir halten z'samm, wir sind viele - das gibt uns in schwierigen Zeiten ein Gefühl von kollektiver Stärke."

Trachtenhof Nübler Immenstetten
Trachtenhof Nübler
Trachtenhof Nübler
Trachtenhof Nübler

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Parkstein
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