Nun spielt der Tod zum Tanze auf

Kaltenbrunn und Dürnast stehen am Wochenende im Zeichen der Kirchweih. Beide Gotteshäuser sind dem heiligen Martin geweiht. Doch vom Brauchtum ist so gut wie nichts mehr übrig geblieben.

Markthistoriker Alfons Bösl verwahrt in seinem Heimatmuseum das Tagebuch mit Aufzeichnungen über die Kirwa in den Kriegsjahren 1942 bis 1944. Die Aufzeichnungen stammen wohl von Gottfried Glockner.
von Siegfried BockProfil

Bis Mitte der 60er Jahre wurde im letzten von einstmals 14 Backöfen im Markt Kaltenbrunn nicht nur der Kirwakuchen gebacken. Heute geschieht das nur noch vereinzelt in manchen Familien, den Schmierkuchen holen nun viele beim Bäcker. Auch haben früher die meisten Familien noch ihre Kirwagänse selbst großgezogen.

Im Kaltenbrunner Heimatmuseum gibt es ein Tagebuch, in dem ein eifriger Schreiber seine handgeschriebene Erinnerungen an die Martini-Kirwa während der Kriegsjahre 1942 bis 1944 festgehalten hat. Der Autor war der damalige Lehrer und Ahnenforscher Gottfried Glockner.

15. November 1942: Man merkt doch, dass Kirchweih ist. Kuchen gibt's und teilweise auch Kücheln, wenn auch weniger wie sonst. Auch Fleisch wurde mehr gekauft wie an den gewöhnlichen Sonntagen, zum Teil mit eingesparten Marken, zum anderen Teil (Selbstversorger) durch Vorgriff. Auch Fische gibt's. Es herrscht jene festliche, gemütliche Stimmung, die einmal die Kirchweih mit sich bringt. Es ist halt Kirwa. Freilich, die jungen Leute müssen auf ihr Hauptvergnügen, und das ist nun einmal das Tanzen, verzichten. Wie war das früher so schön: Kirwastände, Karussell, Schießbuden, Milchhefer und Streukretzen; Luftballons wurden hochgelassen, die Kinder hantierten mit ihren "Revolvern", überall pfiff und quatschte es. Kein Haus, in der nicht ein Kirwagast, eine Base oder Vetter, oft gleich mehrere, war - nachmittags um 3 Uhr begann der Tanz. Die Kirwaburschen wurden mit einem großen Maßkrug voraus zum Wirtshaus gespielt, gejauchzt und gesungen wurde, oft musste man beim Tanzen mehr schwitzen als bei irgendeiner anderen Arbeit. Bald wurden "Drei" angeschafft. Es hatte was für sich, wenn sich einer viel Ausbieter spielen lassen konnte. So ging es weiter bis in der Früh. Manche Massen Bier wurden vertilgt. Es gab oft schlechte Mägen und etwas verbogene Gehirne, aber dennoch: Es war schön. Der Krieg hat all dem ein Ende bereitet ... Nun spielt der Tod zum Tanze auf.

Mittags um 11 Uhr ein von der Kreisleitung angesetzter Vortrag betreffend Überwachung fremdvölkischer Arbeitskräfte. Es sprach Gauamtsleiter Weber und ein Herr von der Staatspolizei. Die ersten 20 Mann russischer Offiziere sind heute eingetroffen. Das war die einzige Kirwafreude. Nun kann es weitergehen. Nur beim "Hansmatters" (später "Panzerwirt", Anmerkung der Redaktion) merkte man, dass heute ein anderer Tag ist. Da waren die jungen Leute, auch einige von auswärts. Auch Ziehharmonika wurde gespielt.

16. November 1942: Leichter Schnee. Kirchweihmontag. Vor dem Krieg war schon immer vormittags von 10 bis 12 Uhr Tanz.

Kirchweihsonntag, 14. November 1943: Gerade an solchen Tagen taucht die Erinnerung an das, was früher war, umso stärker auf. Man denkt und plaudert über das Schöne in der Friedenszeit, wenn die Kirchweih so richtig gefeiert wurde. Der Ernst und die Not der Zeit kommen dann so recht zum Bewusstsein. Wohl gibt es auch Gänsebraten, mitunter auch Fisch. Das Fleisch ist aber schon beschränkter; es fehlen meistens die Fleischmarken. Es gibt Familien, die mit einem Pfund Fleisch am Kirchweihsonntag auskommen müssen. Auch das Backen von Kücheln und Kuchen hat sich gegen früher stark eingeschränkt. Zum Küchelnbacken gehört in erster Linie Schmalz und woher wird heute Fett genommen. Freilich gibt es auch solche, die heute noch ausbuttern. Hier kann man dann leichter Kücheln backen. Auch die Kirwakuchen sind weniger zu sehen. Es fehlt vor allem der Sirup und die "Weinbirln". Aus diesem Grunde wurden Kuchen mit Apfelschnitten, Käskuchen usw. gebacken. Einige hatten auch gedörrte Schwarzbeeren auf die Kuchen gelegt. "Sie schmecken so gut wie die Weinbirln", sagen sie. Vereinzelte haben letztere Raritäten aus Frankreich oder Italien bekommen. Schwer liegt im Magen das frühere gute Bier. Ja, wenn man das wieder hätte. Ganz besonders im Winter ist das Dünnbier widerwärtig, wenn man trinkt, friert einen meistens. Kirchweihgäste sind sehr wenig da, Fremde in den Gasthäusern überhaupt nicht.

Kirchweihsonntag, 12.November 1944: Wehmütig denkt das Herz an das Vergangene. Ja, die Kirchweih, das war der Höhepunkt des ganzen Jahres. Ihre Auswirkung überstrahlte das ganze Jahr. Lange vorher schon freute man sich auf sie und lange nachher war sie noch in Erinnerung. Da gab es Kuchen und Kücheln in Hülle und Fülle. An keinem Tag des Jahres war die Bratpfanne so voll. Die Vettern und Basen kamen aus allen Himmelsrichtungen. Auf dem Marktplatz waren die Kirwastände, unzählige leckere Sachen waren aufgeschichtet, Luftballons und Blumentöpfe, hoch schnellt die Schaukel, flitzend drehte sich im Kreise das Karussell. Eine alte, schwache Orgel erzählt schweratmend von Liebe und Leid. All das wurde überboten von dem Geschrei des billigen Jakob.

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