Zwölf Jahre lang war Dr. Roland Vogel der einzige Hausarzt in Kastl. Ab April steht die etwa 1500 Einwohner starke Gemeinde ohne Allgemeinmediziner da. „Und das wird auch erstmal so bleiben, es ist zurzeit einfach wirklich schwierig, Ärzte aufs Land zu holen“, meint Bürgermeister Johann Walter. Für ihn sei das auch verständlich, denn Allgemeinärzte auf dem Land müssten heute Unternehmer, Psychologen und Mediziner gleichzeitig sein. Und das Ganze ohne geregelte Arbeitszeiten, aber dafür mit Bürgerkontakt rund um die Uhr und finanziellem Risiko. „Wir haben alle Möglichkeiten diskutiert, inklusive Telemedizin mit Online-Anamnese und Sprechstunden. Aber das funktioniert auf dem Land einfach nicht“, weiß Walter.
Dr. Vogel war es laut eigener Aussage wichtig, alle Patienten und seine Arzthelferinnen bei anderen Ärzten in der Umgebung unterzubringen. „Ich habe mit 26 Kollegen auf der Suche nach einem Nachfolger telefoniert. Immerhin haben wir die Lösung gefunden, dass alle meine Patienten bei Kollegen aus der Umgebung aufgenommen werden. Auch meine Arzthelferinnen haben neue Arbeitgeber gefunden“, ist Dr. Vogel beruhigt. Walter ist froh über diese Lösung, weist aber darauf hin: „Dr. Vogel hatte auch viele Patienten von außerhalb von Kastl und Kemnath. Wenn ein Patient aus Pressath bei einem Arzt in Kemnath anruft, kann es sein, dass dieser sagt, er solle sich erst einmal in Pressath nach einem Arzt umschauen.“ Für Senioren, die nicht mehr in der Lage sind, selbst zu fahren, sieht der Rathauschef derweil keine unüberwindbaren Hürden. Ältere können weiterhin das Baxi nutzen oder Mitglied bei der Gemeinschaft Generation Hand in Hand werden. „Außerdem gibt es bei uns auf dem Land meistens noch ein funktionierendes Familien- und Sozialgefüge“, ist Walter optimistisch.
Kein gewöhnlicher Arzt
Geboren wurde der heute 74-jährige Arzt in Illesheim in Bayern. Mit nur 13 Jahren rutschte Dr. Vogel nach eigener Aussage in die Alkoholsucht, worüber er 2001 auch ein Buch veröffentlichte. Er studierte Medizin in Marburg und arbeitete zunächst einige Jahre als Assistenzarzt. 1986 erreichte er seinen persönlichen Tiefpunkt, ließ sich scheiden und gab seine Approbation zurück. Danach änderte er sein Leben grundlegend, machte eine Therapie und wurde trocken. Ein Jahr später erhielt er seine Approbation wieder, und ein weiteres Jahr später promovierte er an der Ludwig-Maximilian Universität in München. Nach einiger Zeit verschlug es ihn in die Dominikanische Republik. An der Autonomen Universität Santo Domingo absolvierte er sein Anerkennungsexamen und bekam 2000 den Titel Dr. rec.uasd verliehen. Damit war er zeitweise der einzige europäische Arzt, der in der Dominikanischen Republik praktizieren durfte. „Mich hat es schon immer ins Ausland gezogen. Ich spreche Spanisch wie Deutsch und Englisch“, sagt Dr. Vogel. Ursprünglich war es ein Traum von ihm, auch in der Dominikanischen Republik zu arbeiten. Doch die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten machten ihm damals einen Strich durch die Rechnung.
Vor sechs Jahren hat er sich zumindest einen anderen Traum erfüllt, denn seitdem ist er Schiffsarzt auf der Aida. Deswegen ist es ihm auch so wichtig zu betonen, nicht in Rente zu gehen. Auch als Notarzt und für die Bereitschaft Ammerberg wolle er weiterarbeiten. Als Beruf habe er seine Arbeit laut eigener Aussage ohnehin nie gesehen. „Dafür war es mir immer zu wichtig und hat mir zu viel Spaß gemacht. Es war eine sehr spannende Zeit“, erklärt der 74-Jährige.
Nach einem bewegten Leben in Kemnath gelandet
Ursprünglich kam Dr. Vogel nach einem bewegten Leben im März 2004 nach Kemnath, um eine Stelle im Krankenhaus anzutreten. Über die Krankenhäuser Tirschenreuth, Waldsassen und Vohenstrauß führte ihn sein Weg doch wieder an das Krankenhaus Tirschenreuth wo er bis zu dessen Schließung 2025 als Oberarzt tätig war. Parallel dazu eröffnete er im April 2014 seine Praxis in Kastl und machte sich als Notarzt einen Namen in der Region. „Viele Patienten kannten mich als Notarzt oder aus dem Krankenhaus und wollten mich dann auch als Hausarzt. Aus Kastl sind tatsächlich nur 25 Prozent der Menschen zu mir gekommen“, kennt Dr. Vogel seine Patientenkartei sehr genau. Mit nun bald 75 Jahren stand der Heilkundler vor der Entscheidung, als Allgemeinarzt aufzuhören. „Der Entschluss ist mir nicht leicht gefallen und ich gehe ja auch nicht in Rente“, betont der Wahl-Kemnather. „Ich bedanke mich bei allen Patienten für das Vertrauen und bei allen Kollegen für die vorzügliche Zusammenarbeit. Ein besonderer Dank gilt meiner Lebensgefährtin Regina Völkl für die großartige Unterstützung in allen Belangen und Chefarzt Dr. Jilge vom Kemnather Krankenhaus. Er war immer eine riesige Stütze“, ergänzt Dr. Vogel.
Der Arzt für seine pragmatische Herangehensweise bekannt. „Ich habe einen Menschen nie nur wegen einer Grippe behandelt, sondern immer als Ganzes gesehen“, erklärt der 74-Jährige. Walter lobt Dr. Vogels sehr direkte Art, mit der er den Zustand seiner Patienten nie beschönigte. Der Bürgermeister bezeichnet ihn als „Koryphäe als Notarzt“ und dankt für die sehr gute Zusammenarbeit und alles, was der Mediziner in den vergangenen Jahren für die Gemeinde getan hat.
Neben seiner medizinischen Tätigkeit war der Heilkundler zeitweilig als Versicherungsdirektor tätig. Bis heute hat er eine Lizenz als Berufsskilehrer und Tauchlehrer. Er hat drei schwarze Gürtel in Karate, besitzt eine Segelbootschein und seit 2025 auch einen Motorbootführerschein, ist Zauberer, leidenschaftlicher Motorradfahrer und im Schützenverein. In letzter Zeit habe er aber nicht so viel Zeit für seine Hobbys gehabt. „Außer natürlich für das regelmäßige Fliegen, das muss ich machen, um meine Lizenz zu behalten“, erwähnt Dr. Vogel fast beiläufig. Denn eine Pilotenlizenz hat er natürlich auch. Nach der Schließung seiner Praxis will der Medizinier jetzt seinen Traum von früher nachholen und für einen Monat in die Dominikanische Republik gehen.














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