31.10.2019 - 11:31 Uhr
Kastl bei KemnathOberpfalz

Bonifatiusstein macht Archäologen froh

In Kastl gibt es einiges zu entdecken. Archäologe Dr. Hans Losert förderte bei einem Rundgang mit Hans Walter Neues über die Vergangenheit des Ortes zu Tage.

Der Bonifatiusstein in Kastl - Anlass des Besuchs von Dr. Hans Losert und Objekt vieler Spekulationen.
von Carolin BöcklProfil

Er sieht aus wie eine Säule für den Gartenzaun, ist aber eines der ältesten Denkmäler im Landkreis Tirschenreuth: Der sogenannte "Bonifatiusstein" auf dem Friedhof in Kastl. Auf ihm ist unter anderem ein Kreuz mit einem Kreis darum zu sehen. Unscheinbar zwischen zwei Sträuchern steht er neben dem Eingang zur Sakristei und wird oftmals einfach übersehen.

Ein zweiter Stein steht heute in Wolframshof. Zahlreiche Geschichten ranken sich darum. Wie alt er letztendlich ist, kann heute niemand mit Bestimmtheit sagen. In Kastl erzählt man sich, dass Bonifatius an den Orten seiner Mission Steine mit Kreuzen hinterlassen hat.

Ursprünglich Grabstein

Eine Einschätzung zum "Bonifatiusstein" gab nun Dr. Hans Losert bei einem Besuch in Kastl ab. Auf Einladung von Hans Walter befasste sich der Privatdozent für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Bamberg mit dem Stein und der Pfarrkirche. In seinen Augen handelt es sich dabei ursprünglich um einen Grabstein für einen Ministerialen oder einen hohen Geistlichen aus dem 11. oder 12. Jahrhundert, da die Bearbeitung romanischer Art sei. "Deshalb würde ich ihn in die Zeit von 1050 bis 1200 einordnen."

Dass der Stein etwas Besonderes ist, davon ist er überzeugt - handelt es sich doch um einen Hinweis darauf, dass hier schon in der Frühzeit der Ortschaft eine bedeutende Person lebte. Dies lasse auch auf eine herausgehobene Position der damaligen Siedlung schließen.

Auf die Frage hin, wie der Stein in Zusammenhang mit Bonifatius gekommen sein könnte, hat er auch eine Theorie: "Man erkannte schon früher, dass dieser Stein sehr alt ist und da man wusste, dass Bonifatius in Bayern missioniert hat und er auch hier in der Oberpfalz verehrt wurde, kamen gelehrte Personen wohl im 18./19. Jahrhundert zur Einschätzung, dieser Stein stammt vom Bonifatius."

Dass die Steine in Kastl und Wolframshof auch einmal als Portalsteine für eine Wolfgangskapelle dienten, sei durchaus möglich. Diese stand in der nordwestlichen Ecke des Friedhofes an der alten Friedhofmauer, wo heute noch ein kleines Türmchen zu sehen ist. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Kapelle abgerissen, nachdem sie schon viele Jahre nur noch als Aufbewahrungsort für allerlei Gegenstände rund um den Friedhof und der Kirche genutzt worden war. Pfarrer Augustin Klier notierte damals in der Pfarrchronik, dass er sie instand setzen ließ, aber sie dennoch baufällig sei. Wie alt diese Wolfgangskapelle war, kann man heute ebenfalls nicht mehr feststellen. Wahrscheinlich wurde sie in der Zeit errichtet, in der auch die Pfarrkirche letztmalig erweitert wurde.

Begeistert war der Archäologe auch von der Pfarrkirche selbst, an der offensichtlich seit ihrem Bau Mitte des 15. Jahrhunderts nichts Wesentliches verändert wurde. Das wehrhafte Aussehen der Kirche habe seiner Meinung nach auch etwas mit den Hussiten zu tun, die wenige Jahrzehnte vor der letzten Bauphase in der Region waren. Mit dem damaligen Kirchenbau wollten die Erbauer wohl eine Zufluchtsstätte in kriegerischen Zeiten schaffen.

"Räumaktion" überstanden

Ein besonderes Interesse zeigte Losert für die Altäre, die Bilder und die Ausstattung. Dabei stellte er fest, dass die Figuren aus unterschiedlichen Jahrhunderten stammen. So schätzte er zum Beispiel die Figuren der heiligen Katharina und der Maria Königin in den zwei rechten Seitenaltären als spätgotische Arbeiten ein, während zahlreiche andere Figuren aus der Barockzeit stammen.

Da Kastl in der Reformationszeit viele Jahre evangelisch und sogar calvinistisch war, dürften in dieser Zeit wohl viele Figuren und Bilder aus der Kirche entfernt worden sein. Die beiden Figuren haben also entweder die "Räumaktion" überstanden oder wurden erst zu einem späteren Zeitpunkt nach Kastl gebracht, nachdem der katholische Glaube im Dreißigjährigen Krieg wieder eingeführt worden ist.

Die Altäre selbst seien in die Zeit nach 1850 zu datieren, wo sie im gotischen Stil neu geschaffen wurden. Das große Bild links im Altarraum, das Margaretha mit Kreuz, Palmzweig und Drachen zeigt, könne laut Losert möglicherweise ein früheres Altarbild sein. Ebenso sei dies denkbar beim Bildnis von Maria mit den sieben Schmerzen.

Lange diskutierten Losert und Walter über den Standort der heutigen Pfarrkirche. "Ob es sich bei dem Ort um eine frühe Siedlung der Slawen handelt, ist ohne archäologische Untersuchung nicht zu beurteilen", sagte der Archäologe. Er sei aber davon überzeugt, dass Troglau ein slawischer Siedlungsname ist, da der Ort in frühen Urkunden "Dragelof" oder "Tragelov" genannt wird.

Standort bewusst gewählt

Dass die Wahl des Standortes der Kirche ganz bewusst erfolgte, davon zeigte sich Losert überzeugt, nachdem ihn Walter darauf hinwies, dass beim Verlassen der Kirche der Blick genau auf den Rauhen Kulm fällt. "Diese Blickrichtung ist kein Zufall", meinte der Archäologe und verwies auf die Kirche am Barbaraberg. "Diese Kirche liegt vom Kulm aus genau im Süden. Blickt man auf die Landkarte, so dürfte die Kirche in Kastl genau im Osten vom Kulm sein und es würde mich sehr wundern, wenn sich die Achsen der Kirchen nicht am Kulm im rechten Winkel treffen würden." Diese Ausrichtung von Bauwerken auf markante Landschaftsmarken sei früher üblich gewesen, um die Himmelsrichtungen und den Stand der Sonne genau feststellen zu können.

Nach fast zwei Stunden Besichtigung war der Archäologe begeistert davon, was aus alter Zeit in Kastl noch erhalten geblieben ist. "Wenn es mein Terminkalender zulässt, komme ich gern wieder nach Kastl. Spätestens, wenn ich am Kulm wieder mit Ausgrabungen beschäftigt bin."

Mit Hans Walter (rechts) erkundete Archäologe Dr. Hans Losert von der Universität Bamberg die Pfarrkirche in Kastl.
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