24.06.2019 - 12:15 Uhr
Oberpfalz

Keine Angst vorm Babyblues

Wenn das Glücksgefühl nach der Geburt ausbleibt

Wenn das Glücksgefühl nach der Geburt ausbleibt
von Redaktion OnetzProfil

Freud und Leid begleiten jeden Menschen. Manchmal kommt es dabei vor, dass ein glückliches Ereignis – wie zum Beispiel die Geburt des eigenen Kindes – Frauen in eine tiefe Stimmungskrise stürzen lässt. Negative Gefühle und Gedanken für sich zu behalten, ist nicht die Lösung. Denn Depressionen lassen sich behandeln.

Depressive Verstimmungen nach der Entbindung sind keine Seltenheit. Ärzte unterscheiden zwischen postpartalem (aus dem Lateinischen post = nach und partus = Entbindung) Stimmungstief, auch Babyblues oder Heultage genannt, postpartaler Depression und postpartaler Psychose. Das Problem bei diesen psychischen Erkrankungen ist: Viele Frauen verschweigen ihre Gefühlslage. Sie befürchten, als Mutter zu versagen und in ihrem Umfeld auf Unverständnis zu stoßen. Postpartale Stimmungsschwankungen sind noch immer ein gesellschaftliches Tabuthema. Schweigen aus Scham, Schuldgefühlen oder Angst erschweren jedoch die Diagnose und die erfolgreiche Behandlung.

Der Babyblues

Laut der Stiftung Deutscher Depressionshilfe haben 50 bis 80 Prozent aller Wöchnerinnen mit einem Babyblues zu kämpfen. Diese milde Form der psychischen Erkrankung tritt in den ersten Tagen oder Wochen nach der Geburt auf. Die Betroffenen fühlen sich schlapp, sind leicht reizbar und tendieren zu starken und schnellen Stimmungsschwankungen. Oft brechen die Frauen grundlos in Tränen aus, weshalb diese Phase auch „Heultage“ heißt. Weitere Symptome sind:

- leichte depressive Verstimmungen

- Schlafprobleme

- Zukunftsängste

- Irritation

- Konzentrationsprobleme

- Traurigkeit

Ein Babyblues wird von manchen Experten als normale Reaktion auf die neue Lebenssituation gewertet. Der schlagartige Abfall des Hormonspiegels von östrogen und Progesteron könnte eine Erklärung für die emotionale Labilität sein – östrogene sind für einen stabilen Gemütszustand zuständig. In der Regel klingt das Stimmungstief nach ein paar Tagen ab. Eine Behandlung ist nicht notwendig. Hält der depressive Zustand allerdings länger an, sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden.

Die postpartale Depression

Dann könnte nämlich eine postpartale Depression – auch postnatale (von natus = geboren) Depression, PPD oder Wochenbettdepression genannt – vorliegen. Jede zehnte bis vierte junge Mutter leidet nach der Entbindung darunter. Die PPD kann innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Geburt auftreten. Während sie bei einigen Müttern direkt an den Babyblues anschließt, genießen andere anfangs ihre Mutterrolle. Die Symptome der Wochenbettdepression treten erst auf, wenn die Wochenbettphase vorbei ist. Die Symptome ähneln denen des Babyblues, sind allerdings stärker ausgeprägt:

- gedrückte Stimmung

- Desinteresse

- Schlafstörungen, erhöhte Müdigkeit, Erschöpfung

- sexuelle Unlust

- Appetitverlust oder Frustessen

- Überforderung

- Antriebslosigkeit

- Angst- und Panikattacken

- ambivalente Gefühle dem Säugling gegenüber – von Sorge bis Fremdartigkeit

- Gefühle der Schuld und Wertlosigkeit

Im schlimmsten Fall kommt es zu Suizidgedanken und -handlungen der Mutter, die sich auch gegen das Kind richten können – der sogenannte Infantizid. Auch rund vier Prozent der Väter zeigen Anzeichen einer Depression nach das Geburt, entweder aufgrund der Depressionen der Partnerin oder als Folge des erhöhten gesellschaftlichen Erwartungsdrucks.

Die postpartale Psyche

Die schwerwiegendste Ausprägung einer postpartalen psychischen Erkrankung ist die postpartale Psychose oder auch Wochenbettpsychose. Sie beginnt meistens abrupt in den ersten zwei Wochen nach der Entbindung, kann sich aber auch noch bis zur sechsten Woche ausprägen. Die Mutter hat Halluzinationen und Wahnvorstellungen, fühlt sich von realen oder imaginären Personen verfolgt, verhält sich entweder ruhelos oder ist absolut antriebs- und teilnahmslos. Allerdings ist diese Form der psychischen Erkrankung selten. Nur eine bis drei von 1000 Müttern sind betroffen.

Die Ursachen

Warum manche Mütter an Depressionen erkranken und andere nicht, steht aus medizinischer Sicht nicht endgültig fest. Bestimmte Faktoren erhöhen das Risiko für eine PPD. So zum Beispiel, wenn bereits vor der Schwangerschaft psychische Erkrankungen bekannt waren, die Frauen traumatische Ereignisse oder Vernachlässigung in ihrer Kindheit erleben mussten, sie während der Schwangerschaft einer hohen Stressbelastung ausgesetzt waren oder die Geburt nicht wie geplant abgelaufen ist – beispielsweise bei einer Frühgeburt oder einem Notkaiserschnitt. Auch geringe oder keine soziale Unterstützung, Unzufriedenheit mit der Partnerschaft, finanzielle Probleme oder ein verklärtes Mutterbild können den Krankheitsverlauf beeinflussen.

Die Behandlung

Am wichtigsten ist es, dass die Krankheit schnellstmöglich behandelt wird. Bei einer Untersuchung schließt der Arzt zunächst organische Gründe für die Stimmungskrise, wie eine Funktionsstörung der Schilddrüse, aus. Bei der Diagnose einer PPD unterstützt der sogenannte Edinburgh-Postnatal-Depression-Scale. Dabei handelt es sich um einen Fragebogen zum Gemütszustand des Patienten. Anschließend wird die Behandlungsmethode angepasst. Eine psychotherapeutische Behandlung hilft der Mutter, ihre Krankheit zu verstehen, zu akzeptieren, die Mutter-Kind-Beziehung aufzuarbeiten und zu verbessern. Auch Verwandte und Freunde können bedingt helfen, indem sie Verständnis zeigen und die junge Mutter unterstützen. Nach Bedarf verschreibt der Arzt Antidepressiva. Bei erhöhter Suizidgefahr ist eine stationäre Behandlung in einer Mutter-Kind-Klinik unumgänglich.

Jede Frau sollte sich bewusst sein, dass es sich bei einer Wochenbettdepression nicht um ein persönliches Versagen als Mutter handelt oder ein Anzeichen dafür, dass sie ihr Kind nicht liebt. Die postpartale Depression ist eine Krankheit, die behandelt werden kann. Werden die Symptome richtig erkannt und entsprechende Maßnahmen ergriffen, stehen die Chancen für eine vollständige Heilung gut. Sich einer vertrauten Person zu öffnen, ist der erste Schritt in die richtige Richtung.

Text: Mona-Isabelle Aurand

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