23.08.2019 - 16:08 Uhr
KemnathOberpfalz

100 Jahre Hut und Gardine

"Geh' niemals ohne Hut aus, das sieht bestimmt nicht gut aus." Das war der Werbespruch des Hutgeschäfts, das Josef und Anna Högl am 17. April 1919 am Marktplatz 138 in Kemnath eröffneten.

von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Seit der Eröffnung ist die Sonne mehr als 36 600 Mal auf- und wieder untergegangen, über 100 Jahre sind vergangen. Immer noch ziert der Name Högl die Fassade des Hauses mitten in der Kemnather Innenstadt. Aus dem Hutgeschäft ist mittlerweile ein Textilhaus geworden. Mit seiner Frau Regina führt Elmar Högl heute das Unternehmen in dritter Generation. Wenn Regina Högl in ihrem sonnendurchfluteten Laden steht, wirkt sie zufrieden. Beherzt greift sie zu einem Schwung bunter Gardinenmuster an einer Stange und zeigt, was sie im Angebot hat. "Wir führen alles von modern bis vintage. Da ist für jeden was dabei." Mit einem Lächeln auf den Lippen hängt sie die Stoffstücke zurück. Seit 1990 hat das Ehepaar Högl die Geschäftsführung inne. Elmar Högl war zunächst als Zeitsoldat tätig. Doch wie schon seine Eltern und Großeltern vor ihm entschied er sich dafür, in die Textilbranche einzusteigen. Vier Semester verbrachte er an der Textilfachschule im Baden-Württembergischen Nagold. Als Textilbetriebswirt kehrte er in seine Heimatstadt zurück und übernahm schließlich das Textilhaus seiner Eltern. Seine Frau Regina arbeitete zudem in der Krankenpflege und kümmerte sich um die zwei Kinder. Hinten durch das Geschäft betritt Regina Högl das alte Wohnhaus. Über die abgewetzten Holztreppen geht sie in den ersten Stock hinauf. Bei jedem Schritt knarzen die Stufen, die vor ihr schon zwei weitere Högl-Generationen getragen haben. Oben angekommen, öffnet die Geschäftsführerin eine Tür zu einem Raum, in dem ein großer Tisch steht. Unzählige Stoffe verschiedenster Formen, Farben und Größen stapeln sich darum. Durch das Fenster fallen die Sonnenstrahlen direkt auf das Herzstück des Zimmers: die Nähmaschine. "Das ist unser Nähatelier", erklärt Högl. Früher befand sich eine kleine Näherei in den Geschäftsräumen. Diese wurde aber bald zu klein. "Wir haben uns dazu entschieden, das Hinterhaus zu entkernen, damit wir hier mehr Platz haben", sagt sie.Vor allem ältere Menschen seien froh, das Geschäft so direkt erreichen zu können. Neben Gardinen verkaufen die Högls auch Wäsche und Kleidung. Regina Högl: "Wenn ältere Kunden mal nicht zu uns kommen können, dann fahre ich schnell bei ihnen vorbei und bringe ihnen die Sachen zum Probieren."

Kiste mit Erinnerungen

Nur zehn Jahre jünger als das Geschäft selbst ist Seniorchefin Helga Högl. Mit ihrem bereits verstorbenen Mann Max-Josef Högl führte sie den Laden in zweiter Generation. Auch heute noch ist die rüstige 90-Jährige häufig im Geschäft anzutreffen. Sie wohnt über dem Geschäft. Schwiegertochter Regina verschwindet kurz hinten im Laden. Als sie wiederkommt, hat sie eine große schwarze Kiste mit dabei.Als die Senior-Chefin das sieht, lacht sie und sagt: "Ach, unsere Raritäten." Aus der Kiste holt Regina Högl einen abgegriffenen hölzernen Kleiderbügel, auf dem steht: "Josef Högl, Kemnath Stadt, Tel. 57". Regina Högl erzählt begeistert: "Der Großvater von meinem Mann hatte eines der ersten Telefone im Ort. Deshalb ist die Nummer zweistellig." Die letzten beiden Ziffern der heutigen Telefonnummer sind immer noch dieselben wie vor Hundert Jahren. Weil Geschäftsgründer Josef Högl einer der wenigen gewesen sei, der sowohl ein Telefon als auch ein Auto besessen hat, habe er neben dem Geschäft ein Taxiunternehmen betrieben. Zudem fuhr er die umliegenden Dörfer ab, um den Menschen die Waren aus dem Geschäft zu zeigen.

Bürgermeister der Stadt

"Die Großmutter von meinem Mann war eigentlich die Chefin im Laden", sagt Regina Högl. Als Modistin habe sie die Hüte entworfen. Als Frau konnte sie zur damaligen Zeit allerdings nicht selbstständig ein Geschäft eröffnen. Zwar nicht der Chef im eigenen Laden, aber trotzdem sehr erfolgreich war auch Josef Högl. Er war nicht nur Taxi-Unternehmer, sondern auch Bürgermeister der Stadt Kemnath. Elmar ist stolz auf die Leistungen seines Großvaters. Er erzählt: "Mein Großvater war es, der in seiner Zeit als Bürgermeister mit der Baugenossenschaft mehrere Häuser errichten ließ, in denen die Heimatvertriebenen eine Wohnung fanden. In einem dieser Häuser lebten meine Großeltern über 40 Jahre." Regina Högl öffnet eine runde Schachtel. Darin kommt ein original Högl-Zylinder zum Vorschein. "Den haben wir als Leihgabe vom Schuhhaus Schöpf gegenüber bekommen", sagt sie. Dessen Inhaber sind die Nachfolger von Rudolf Ponnath: Mit dem späteren Bürgermeister sei Josef Högl oft nach München zu politischen Veranstaltungen gereist. Der Zylinder habe zu seriöser Kleidung gehört wie heute eine Krawatte zu einem Anzug. Und das Stadtoberhaupt trug zu dem Termin in München eben besagten Hut.Seit alles angefangen hat, sind 100 Jahre vergangen. Elmar und Regina leben ein Stück Familiengeschichte. Das Textilhaus Högl prägt den Kemnather Marktplatz noch immer.

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