25.09.2018 - 18:28 Uhr
KemnathOberpfalz

Alfred Koch: 40 Jahre sind genug

Alfred Koch war bewusst, dass sein Rückzug von der Spitze des Kemnather Siemens-Standorts Gesprächsstoff liefern würde. Doch was die Gerüchteküche dann hervorbrachte, macht den redegewandten Manager immer noch etwas sprachlos.

Alfred Koch verlässt Ende des Monats den Siemens-Konzern.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Nein, Alfred Koch ist nicht schwer krank. Und es gibt auch keine Konflikte mit dem Gesetz oder wahlweise mit der Siemens-Healthineers-Führung in Erlangen. Das sind nur einige der Erklärungsversuche, die dem 59-jährigen Standort-Leiter zu Ohren kamen, nachdem er am 14. September bekannt gegeben hatte, dass er Ende des Monats die Standortleitung abgibt. Man könnte über die Spekulationen schmunzeln, doch Koch sieht an den Gerüchten auch, dass eine gewisse Unsicherheit bezüglich des Standorts Kemnath besteht. Dabei gebe es dafür überhaupt keinen Anlass, versichert Koch im Interview mit Oberpfalz-Medien.

ONETZ: Herr Koch, die Nachricht von ihrem Rückzug hat viele überrascht, vor allem weil sie so kurzfristig kam. Wo liegen die Gründe für diesen Schritt?

Alfred Koch: Bei Healthineers gibt es organisatorische Veränderungen, die ich bis zur Umsetzung begleitet habe. In diesem Zuge habe ich mir die Frage gestellt: Wo stehe ich, was will ich noch? Ich glaube den richtigen Zeitpunkt gefunden zu haben, mich neu zu orientieren. Der Übergang ist für mehr als drei Monate geplant. Um eine Hängepartie zu vermeiden, haben wir uns entschieden, vergleichsweise kurzfristig zu informieren.

ONETZ: Der Schritt war also freiwillig?

Alfred Koch: Natürlich war die Entscheidung freiwillig, aber auch im gegenseitigen Einvernehmen. Wichtig war für mich, dass durch den Wechsel zum jetzigen Zeitpunkt der Standort mit Michael Braunreuther wieder einen Leiter aus der Region bekommt.

ONETZ: Sie sprachen von organisatorischen Veränderungen bei Healthineers. Dazu kam der Börsengang. Was bedeutet das für den Standort?

Alfred Koch: Healthineers hat sich umstrukturiert, unsere Dachorganisation aufgelöst und die Kompetenzen in sogenannten Technologiecentern aufgestellt. Kemnath verantwortet das Technologiefeld Mechatronik für die gesamte Medizintechnik, ein Erfolg für den wir hart gearbeitet haben. Die konkreten Aufgabenbereiche ändern sich jedoch nicht wesentlich.

ONETZ: Der Standort und seine 1200 Arbeitsplätze sind also sicher?

Alfred Koch: Aus heutiger Sicht erkenne ich keine Gefahr. Natürlich kann ich das nur für die nächsten Jahre sagen. Aktuell befindet sich der Standort auf Wachstumskurs, es wurde viel investiert, weitere Investitionen sind vorbereitet. Zudem haben wir einen ganz wesentlichen Erfolgsfaktor: unsere Mitarbeiter, viele junge Talente. Das ist die beste Grundlage für die Zukunft, deshalb ist mir nicht bange.

ONETZ: Was ist mit den Arbeitsplätzen?

Alfred Koch: Ein Stellenabbau ist aktuell weder notwendig noch angedacht. Im Gegenteil suchen wir Experten für neue Technologien. Natürlich gibt es immer wieder Anpassungen. Auf absehbare Zeit wird es aus meiner Sicht aber keinen größeren Stellenabbau oder Entlassungen geben.

ONETZ: Was sagen Sie zu Ihrem Nachfolger Michael Braunreuther?

Alfred Koch: Wie gesagt, für meine Entscheidung war es wichtig, dass mein Nachfolger seine Wurzeln hier am Standort hat. Michael Braunreuther hat mit mir hier in Kemnath zusammengearbeitet, er kennt den Standort, das Geschäft, die Menschen und die Bedeutung für die Region.

ONETZ: In Ihrer Zeit in Verantwortung hat sich der Standort entwickelt. Wo war dabei Ihre Rolle?

Alfred Koch: Man sagt, dass ich ein Macher bin, weil ich Entscheidungsfreude habe, Umsetzungsgeschwindigkeit bevorzuge und stets versuche, mit einer Vision die Mannschaft zu motivieren. Kollegen haben mir gesagt, ich sei ein Schnellzug, der aufpassen muss, die hinteren Waggons nicht aus dem Auge zu verlieren. Veränderungsgeschwindigkeit, permanente Anpassung waren aber wichtig und werden weiter an Wichtigkeit zunehmen.

ONETZ: Was waren besondere Meilensteine der Veränderung?

Alfred Koch: Der Standort hat einen Schritt zur Schaltzentrale für Industrie 4.0 bei Siemens Healthineers getan. Ich denke an Investitionen, Innovationen, Projekte bei Automatisierung und Digitalisierung. Unser Standort ist nicht umsonst bei vielen Komponenten Marktführer. Wichtig waren mir auch attraktive Arbeitsplätze. Auch beim Umweltschutz waren wir Vorreiter, ich denke an die Hackschnitzelheizung, den Solarparkplatz, das Gesundheitsmanagement. Höchste Anerkennung war die Auszeichnung als „Fabrik des Jahres" 2012.

ONETZ: Man merkt, dass Sie das Thema Industrie 4.0 umtreibt. Wieso kommt der Entwicklung zur Automatisierung und Digitalisierung solche Bedeutung zu?

Alfred Koch: Diese Entwicklung ist unaufhaltbar, sie bietet Chancen, aber ich sehe auch Risiken und ungelöste Fragen. Wie gehen wir damit um, dass immer weniger Menschen für die Wertschöpfung benötigt werden? Dies ist kein Selbstläufer, wir werden hart arbeiten müssen, um den Wandel zu meistern. Die Entwicklung schreitet schneller voran, als manche wahr haben wollen. Es geht um die Zukunftsfähigkeit der Region.

ONETZ: Engagieren Sie sich deshalb bei der Ausbildung in der Region?

Alfred Koch: Viele Unternehmen bilden noch wie vor 10 oder 20 Jahren aus. Technologie und Anforderungen ändern sich aber rapid. Ich weiß, dass ich unbequem bin, aber wir brauchen mehr Dynamik und Flexibilität und ich glaube nicht, dass jedes Unternehmen das alleine leisten kann.

ONETZ: Viel ist zuletzt über den Gewerbesteuer-Coup der Stadt Kemnath gesprochen worden.Wie war nun Ihre Rolle bei dieser Steuersenkung?

Alfred Koch: Entschieden haben Bürgermeister und Stadtrat. Mein Beitrag war eher ein moderierender oder motivierender. Ich halte diese Entscheidung aber für weise. Sie wird sich für Kemnath und den Landkreis als Glücksgriff erweisen. Allerdings ist auch noch viel zu tun. Das beginnt dabei, dass man die Vorteile des Standortes besser herausstellt. Es gibt genug Probleme in den Ballungszentren, teure Flächen, hohe Lebenshaltungskosten. Hier kann man ansetzen.

ONETZ: Wie leicht fällt nun der Abschied und was kommt nach Siemens?

Alfred Koch: Glauben Sie mir, die Entscheidung fiel mir sehr, sehr schwer. Diese Aufgabe war nicht nur ein Job, sondern eine Passion. Ich bin stolz auf das Erreichte. Deshalb fällt es mir alles andere als leicht, das Unternehmen zu verlassen. In den vergangenen 20 Jahren hatte ich aber wahrlich keinen Job, der sich in fünf Tagen die Woche und 40 Stunden erledigen hätte lassen. Ich trage mich schon länger mit dem Gedanken, kürzer zu treten, etwas anderes zu tun, eine Herausforderung anderer Art anzunehmen. Das eine oder andere wird sich ergeben, ich warte es jetzt mal ab, was kommt. 30 Stunden pro Woche sollten aber künftig reichen, um meinem eigenen Leben mehr Fokus zu geben.

Hintergrund:

41 Jahre war Alfred Koch bei Siemens tätig. Nach der gewerblichen Ausbildung in Kemnath folgten Aufgaben unter anderem in Erlangen und Kemnath. Vor 20 Jahren war Koch dann an der Neuaufstellung der Siemens Medizintechnik beteiligt, in Kemnath übernahm er erste Geschäftsverantwortung für ein Produktsegment. Im Jahr 2000 startete Koch Aktivitäten in China, um dort schließlich den ersten Standort mitzugründen. 2011 übernahm der heute 59-Jährige auch die Leitung der Mechatronik-Standorte Kemnath, Shanghai und Goa. Seither ist er auch für den gesamten Standort Kemnath verantwortlich. (wüw)

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