22.02.2019 - 20:16 Uhr
KemnathOberpfalz

Burgenbau als Kopfarbeit

Seit 30 Jahren sichert der Heimat- und Kulturverein die Reste der Waldecker Burgruine. Wie sie vor 450 Jahren einmal ausgesehen hat, weiß nun Bernhard Weigl genau. Mit seinem 3-D-Modell ist sogar ein virtueller Rundgang möglich.

Ein Blick auf die Südseite der digital rekonstruierten Waldecker Festung zeigt, wie imposant die Anlage vor 450 Jahren gewesen sein muss. Eine Besonderheit ist das Schlossgebäude nicht nur wegen seiner Ausmaße, sondern auch wegen seines Pultdachs.
von Hubert Lukas Kontakt Profil

Zwei Jahre hat Bernhard Weigl an der Burg „gebaut“. Herausgekommen ist eine digitale Rekonstruktion der Anlage um das Jahr 1660. „Hierfür lagen die meisten Quellen vor“, erklärt der Manteler. „Außerdem machte die Festung zu dieser Zeit am meisten her.“ Vor allem das Hauptgebäude mit seinem 21 Meter hohen Giebel „war ein Riesending, das vom Hof aus monumental gewirkt haben muss.“

Dieses ist auch in einer elfminütiger Animation zu sehen, die er ebenfalls für den Heimat- und Kulturverein (HuK) erstellt hat. Dessen Vorsitzender Georg Wagner war dazu vor drei Jahren an der 49-Jährigen herangetreten, nachdem er unter anderem die Burg Parkstein und die Weidener Stadtbefestigung wieder digital hat auferstehen lassen. Seine Motivation: „Man muss Geschichte visuell erlebbar machen.“ Es bringe nicht viel, nur durch eine Burg zu gehen und sich bestenfalls was anzuhören.

Nach eingehender Prüfung historischer Unterlagen machte sich Weigl an die Arbeit. Das Besondere an Waldeck sei, dass es nicht nur die Ruine, sondern eine komplette Ruinenlandschaft eines kleinen Marktes mit etwa 60 Häusern gebe. Von der Siedlung sei zwar nach dem Brand 1794 nichts mehr übrig geblieben, Waldeck danach etwa einen Dreiviertelkilometer weiter nördlich wieder aufgebaut worden, doch die damalige Verbindung von Festung und Ort sei faszinierend. „Das ist fast wie ein kleines Pompeji.“

Da etwaige Reste des ursprünglichen Marktes unter der Erde liegen, griff der Heimatforscher hier für seine Rekonstruktion notgedrungen auf einen Stich zurück, der zumindest in etwa die Anordnung der Häuser zeigt. Für die Festung selbst standen ihm mehr und bessere Quellen – hauptsächlich aus Staatsarchiven – zur Verfügung. So konnte er sich unter anderem auf Gesamtpläne aus den Jahren 1658 und 1666 sowie Einzelpläne von 1617 stützen. Vieles habe er aus einer vom Landesamt für Denkmalpflege in Auftrag gegebenen Bauforschung aus den 1990er Jahren entnehmen können.

Für Weigls Projekt am wertvollsten war jedoch ein Holzmodell der Anlage aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, auf das er selbst bei seinen Recherchen im Depot des Bayerischen Nationalmuseums in München gestoßen war. Dort war es fälschlicherweise als Abbild der Burg Hohenwaldeck am Chiemsee deklariert. Dieses Modell war für ihn wie „ein Schatzfund“, anhand dessen er die Fenster und nach außen gehende Türen nachvollziehen konnte.

Die Kunst bei einer Rekonstruktion sei, all diese Quellen dreidimensional zusammenzufügen, erklärt Weigl. „Das Aufwendige ist nicht die Zeichnerei (mit einem CAD-Programm), sondern die Kopfarbeit, um die Daten zusammenzuführen.“ Mehrere Hundert Stunden habe er damit verbracht, schätzt der Manteler. Er betont allerdings, dass das Ergebnis kein exaktes, sondern ein „möglichst authentisches Abbild des Bauwerkes“ um 1660 darstelle.

Dieses zeigt das Schlossgebäude mit seinem „für die Oberpfalz absolut untypischen Giebel“. Eine Ausführung als Pultdach habe er lediglich bei der Burg Clam in Oberösterreich entdeckt. In Waldeck sei dieses Hauptbauwerk mit 21 Metern Giebelhöhe besonders beeindruckend, aber auch mit statischen Problemen behaftet gewesen. Als sich im Mauerwerk Risse zeigten, musste 1617 eine Konstruktion aus Balken und Eisenankern eingezogen werden, weiß der Heimatforscher. Die heute vorhandene Mauer stellt den unteren Teil des Erdgeschosses dar. Im ersten Obergeschoss war die Wohnung des Pflegers (Landrichters) untergebracht, im zweiten residierte der Landesherr bei seinen Aufenthalten. Darüber wiederum befanden sich drei Dachgeschosse.

1665 sei das imposante Bauwerk bei einem Brand des gesamten oberen Schlosses zerstört worden. Eine Explosion legte zudem den oberen Teil des alten Bergfrieds, in dem Schwarzpulver gelagert war, in Schutt und Asche. Beide Bauwerke seien nach der Feuerkatastrophe nur vereinfacht wieder aufgebaut worden. Daher zeigten Stiche von 1705 das Schloss ohne den hohen Giebel und den Turm wesentlich niedriger, erläutert Weigl. Mit berücksichtigt hat er einen Wendeltreppenturm beim oberen Schloss. Von ihm wurde vor Jahren die rechte Seite eines Tür- oder Fenstersturzes mit der eingemeißelten Zahl 13 geborgen. Abbildungen des Bauwerks existieren nicht, wohl aber Baurechnungen. So soll der 1613 errichtete Turm 36 Stufen, sechs Fenster mit Fensterläden, ein achteckiges Ziegeldach und oben ein Gewölbe gehabt haben.

Das 3-D-Modell bringt nun den einstigen Glanz wieder. Bei der Burg habe es sich keineswegs um einen unverputzten Steinbau gehandelt. Viele Gebäude seien weiß verputzt, die Fensterumrahmungen rot bemalt gewesen. „Das war wirklich schlossmäßig.“ Nicht rekonstruieren ließen sich die Innenräume, bedauert der 49-Jährige. Es gebe keine Pläne dazu, sondern nur Beschreibungen. Und die lassen einen Schluss zu: „Man hat schon Wert darauf gelegt, dass es wohnlich und repräsentativ ist.“

Bei Freilegungsarbeiten seien glasierte Ofenkacheln zum Vorschein gekommen. Auch gebe es Baurechnungen über Arbeiten an Wandvertäfelungen und Kassettendecken in einigen Räumen. In der Tafelstube des Pflegers habe es einen Ofen mit Bratröhre, einen runden Tisch mit zwölf Stühlen sowie einen Uhrkasten mit Wecker und Glockenschlag gegeben. Das Fenster sei mit dem kurfürstlichen Wappen bemalt gewesen. Schon 1592 befanden sich an der Fassade zwei Sonnenuhren. Ebenso entdeckte Weigl Auflistungen über umfangreiches Kriegsgerät, Munition und Bewaffnung. „Es war ja schließlich auch eine Festung“, deren endgültiges Ende bei der Feuersbrunst 1794 kam (Kasten).

Seinen Film hat der Manteler dem HuK-Vorstand bereits vorgestellt. „Die waren ganz hin und weg“, freut er sich über die Resonanz. Ähnliche Reaktionen erhofft er sich von Vorträgen zu dem Thema, vor allem in Waldeck. Genaue Termine gibt es zwar noch nicht, sie sollen aber „auf jeden Fall noch heuer“ sein. „Wenn man sich damit befasst, bekommt man einen Eindruck davon, welche Prachtbauten verloren gegangen sind.“

Hintergrund:

Steine für Wiederaufbau

Im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) eroberten die Schweden die Burg Waldeck. Im Gegensatz zu anderen Festungen folgte aber nicht die Zerstörung, sondern der Anbau weiterer Befestigungswerke. Nach dem Brand von 1665 wurde das obere Schloss nur vereinfacht und zögerlich instand gesetzt. Erst vor dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714) wurde die Festung wieder verstärkt. Als im August 1704 kaiserliche Soldaten das bayerisch-französische Heer vernichtend schlugen, wurde auch die Oberpfalz vom Feind besetzt. Nach zehnmonatiger Belagerung und Beschuss durch Reichstruppen musste der Waldecker Kommandant kapitulieren. Die Festung wurde gesprengt und weitgehend abgetragen. Inventar und Kriegsgerät wie Kanonen kamen als Kriegsbeute nach Hof, Selb und Bayreuth. Dorthin brachten die Eroberer auch die Ägidius-Glocken sowie eine eiserne Turmuhr.

In der Folgezeit wurde nur der untere Teil der Anlage wieder hergerichtet und bis in die 1790er Jahre landwirtschaftlich genutzt. Als ein Blitz 1794 den Markt einäscherte, verwendeten die Bürger für den Wiederaufbau an anderer Stelle Steine der Anlage.

Bernhard Weigl auf der „Baustelle“. Anhand von historischen Dokumenten, Plänen und Stichen sowie eines Holzmodells von etwa 1660 setzt er am Computer die damalige Festung zusammen.
Die HuK-Vorsitzenden Leonhard Zintl und Georg Wagner hat Bernhard Weigl (von links) bereits virtuell durch die Burganlage geführt.
Auch den Wendeltreppenturm beim oberen Schloss konnte Bernhard Weigl digital rekonstruieren.
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