22.01.2019 - 11:31 Uhr
KemnathOberpfalz

Kein „Waterloo“ zu befürchten

Kein „Waterloo“ zu befürchten: Im Kemnather Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum läuft derzeit eine Abba-Ausstellung.

Thank you for the music: Nicht nur Platten, Autogrammkarten und Fanartikel, sondern auch bildkünstlerische Arbeiten rund um Abba zeigt die neue Sonderausstellung des Kemnather Museums.
von Bernhard PiegsaProfil

Sie waren die „fantastischen vier Schweden“ der 1970er, von deren Ohrwürmern auch Anton Heindl nicht genug bekam. „Ich hatte in meinem ersten Auto zwei zusätzliche Hecklautsprecher eingebaut und drehte meine Runden zur Begleitung von Abba-Songs in voller Lautstärke“, verriet der Museumsleiter bei der Eröffnung der neuen Sonderschau „Abba: Mamma Mia – Here we are“ des Kemnather Heimat- und Handfeuerwaffenmuseums.

Ein „Waterloo“ wird der Heimatkundliche Arbeits- und Förderkreis (HAK) mit dieser Ausstellung gewiss nicht erleben: Das ließ schon die Vernissage am Samstagabend erahnen, bei der der Platz im „Meisterhaus“ ähnlich knapp wurde wie bei einem Konzert zu Abbas Glanzzeiten. Die hat Sandra Doß, die dem HAK an die 200 Exponate aus ihrer mustergültigen Sammlung rund um das legendäre Pop-Kleeblatt als Leihgabe überließ, von Anfang an miterlebt: „Begonnen hat alles 1972, als ich mit vier Jahren den ersten deutschen Fernsehauftritt in Ilja Richters ‚Disco‘ miterlebte.“

Ob Schallplatten oder Shirts, Fotos oder Fan-Tassen: Fortan war nichts, was mit dem Schweden-Quartett zu tun hatte, vor der Musik- und Sammelleidenschaft der Mitterteicherin sicher. Doch nicht nur die unverwechselbare Musik hat Sandra Doß in den Bann gezogen – auch die von harter Arbeit und Kreativität geprägte Geschichte der Gruppe fasziniert das „wandelnde Abba-Tagebuch“, zu dem der „Neue Tag“ die Stiftländerin schon vor acht Jahren ernannte.

So schwerfällig wie der ursprüngliche Gruppenname „Björn & Benny, Agnetha & Anni-Frid“ habe die gemeinsame Karriere der vier Sänger begonnen, erzählte Sandra Doß in ihrem mitreißenden Vortrag zur Ausstellungsführung: „Ihre ersten Lieder ‚People need love‘ und ‚Ring Ring‘ wurden 1972 und 1973 noch nicht zu ‚großen Krachern‘, was auch an ihrem eher biederen Auftreten lag.“ 1974 habe man dann alles auf eine Karte gesetzt: „Im zweiten Anlauf schafften es die Vier, die sich inzwischen nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen ‚Abba‘ nannten, beim Grand Prix Eurovision aufzutreten, und entschieden sich für eine etwas schrille Kleidung als Blickfang.“ Björn Ulvaeus habe die Devise ausgegeben: „Zeigen wir uns so anders wie möglich, denn dann werden die Leute sich wenigstens an uns erinnern, selbst wenn wir auf dem neunten Platz landen.“

Letztlich seien von jenem Auftritt im englischen Brighton aber doch nicht die Kostüme in Erinnerung geblieben, sondern das schlagartig zum Hit avancierte Lied „Waterloo“ – Startkapital und Hypothek zugleich: „Fortan mussten sie mit jeder Platte besser werden – aber das haben sie mit viel Eifer und Arbeit auch geschafft, freilich auf Kosten des Privatlebens.“ Um sich wenigstens ab und an eine Auszeit erlauben zu können, seien Benny und Björn auf eine innovative Idee gekommen: „Sie haben Videos gedreht und an alle Fernsehstationen versandt – etwas, womit sie ihrer Zeit voraus waren.“

Nach sieben Jahren hätten alle Auszeiten jedoch nichts mehr geholfen, Unrast, Stress und private Zerwürfnisse hätten „ihren Tribut gefordert“: „Sie konnten einfach nicht mehr.“ Die Abschiedsstimmung und Trennungsschmerz ausdrückenden Lieder und das Umschlagbild des 1981 erschienenen letzten Albums „The Visitors“ hätten für sich gesprochen: „Mit versteinerten Mienen, auf Distanz zueinander, haben sich die vier Sänger aufnehmen lassen.“

Musik für ungebetene Besucher:

Der Titel des letzten Abba-Studioalbums „The Visitors“ (Die Besucher) von 1981 sei eine hochpolitische Anspielung auf die politischen Ost-West-Spannungen jener Zeit gewesen, und auch in manchen Liedern deute sich Kriegsangst an, erklärte Sandra Doß bei der Eröffnung der Abba-Ausstellung im Kemnather Museum.

Mit den „Besuchern“ habe die Band sowjetische U-Boote gemeint, die in schwedische Hoheitsgewässer vorgedrungen seien: „Viele waren damals in Sorge vor ernsteren bewaffneten Konflikten – auch das spiegelt die düstere Atmosphäre des Bildes wider.“ Nach der Trennung 1982 sei es zunächst still um Abba geworden, doch das Potenzial dieser Musik habe sich bestätigt, als die britische Gruppe „Erasure“ 1992 mit Neuaufnahmen von Abba-Songs die Charts gestürmt habe. Zurzeit „sitzt die Fangemeinde wie auf Nesseln“, weil sie auf die Veröffentlichung zweier von Abba selbst brandneu aufgenommener Lieder warte.

Gänsehaut beim Musical:

Besonders stolz ist Sandra Doß auf ein T-Shirt mit Autogrammen der vier Abba-Stars, das sie 2018 zu einem Besuch des Abba-Musicals „Thank you for the music“ in Regensburg mitgenommen hatte. In einer Pause habe sie dem Erzähler Uwe Hübner von ihrer Sammlung erzählt, worauf der frühere ZDF-Hitparaden-Moderator im folgenden Akt „meine Geschichte in seine Erzählung eingebaut“ und die Mitterteicherin gebeten habe, sich mit ihrem Shirt dem Publikum zu zeigen: „Das war schon ein Gänsehaut-Gefühl.“

Als Fingerzeig auf Abbas ersten Superhit „Waterloo“ hatte Sandra Doß für die Vernissage-Besucher kleine gebackene Napoleonshüte mitgebracht: „Eigentlich handelte das Lied aber nicht von der berühmten Schlacht, sondern von der nicht ganz hürdenlosen Liebesgeschichte zwischen Anni-Frid Lyngstad und Benny Andersson.“ Museumsleiter Anton Heindls Familie servierte Schweizer Leckereien, den musikalischen Rahmen setzten die Schülerinnen der Kreismusikschule Tirschenreuth Amelie Gailer und Lea Steinkohl mit virtuos gespielten modernen Klavierstücken.

Sonntags geöffnet:

Die Sonderausstellung „Abba: Mamma Mia – Here we are“ des Heimat- und Handfeuerwaffenmuseums in der Fronveste, Trautenbergstraße 36, kann bis 31. März jeden Sonntag von 14 bis 16 Uhr, am ersten Sonntag des Monats zusätzlich von 10 bis 12 Uhr besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.

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