10.01.2020 - 15:13 Uhr
KemnathOberpfalz

Bei Kutschen nur schwer in Zaum zu halten

Mit 17 können es die meisten kaum erwarten, den Führerschein zu haben und das erste Auto sein Eigen zu nennen. Nicht so Anton Heidl. Als er so alt war, begeisterte sich der Kemnather eher für Fahrzeuge mit lediglich 1 PS.

von Hubert Lukas Kontakt Profil

11 Kutschen besitzt Anton Heindl mittlerweile. Seine Sammlung begründete der heute 61-Jährige 1975 mit einem "Steierwagl" (viersitziger Jagdwagen) aus dem Waldecker "Kreuzweiherer"-Anwesen. Kaufpreis: 250 Mark. Von dessen Existenz hatte der damalige Auszubildende durch seine Bürokaufmann-Lehre beim dortigen Autohaus Schraml erfahren. Als erste Garage diente ihm ein ehemaliger Hundezwinger in Kemnath.

Daneben fand 1977 auch noch seine zweite Anschaffung Platz: eine Leichenkutsche aus Nagel aus dem 19. Jahrhundert mit einem reich dekorierten, schwarzen Aufbau aus Massivholz. Eine weitere Leichenkutsche aus Bischofsgrün sollte sechs Jahre später folgen: "Ein Geschoss", schwärmt Heindl noch heute. Als sie damit durch Fichtelberg gefahren seien, "haben die alten Frauen ein Kreuzzeichen gemacht", lacht er. Leider oder glücklicherweise sei das Stück mit Pkw-Rädern umgerüstet worden, sonst wäre es "nicht bei mir gelandet sondern längst in einem Museum".

Zu Geburtstagen selbst beschenkt

Seine Sammelleidenschaft war jedenfalls schon zuvor geweckt. Weitere Kutschen machte er sich an Geburtstagen selbst zum Geschenk. Jeweils zwei Wochen vorher habe er unter anderem im Neuen Tag Suchinserate geschaltet. "Die Rückmeldungen konnten sich sehen lassen." So kam als dritter Erwerb 1977 eine "Viktoria" aus dem Troglauer Gut, ebenfalls 19. Jahrhundert, dazu, und für Heindl die Zeit, sich aus Platzgründen nach einer anderen Unterstellmöglichkeit umzusehen. In seinem Obstgarten im Kemnather Industriegebiet entstand eine "ziemlich große Überdachung".

Doch diese Lösung hatte zwei Haken. Die Folien, die den Bau umgaben, sind bei jedem Sturm gerissen. Zudem hatte Heindl dafür keine Genehmigung. Das Landratsamt verdonnerte ihn deswegen zu 500 Mark, die er als frischer Familienvater fast ein Jahr lang abstottern musste. Möglicherweise wäre er straffrei ausgegangen, hätte er mit dem Unterstand noch acht Wochen gewartet, ärgert er sich heute noch ein wenig. Zu dieser Zeit sei das Ortsschild weiter nach außen versetzt worden, der "Schwarzbau" hätte sich dann innerorts befunden.

Zudem blieb es nicht lange bei dieser Notlösung, denn sein Vater ermöglichte ihm den Kauf des "Kreuzweiher"-Stodls. Das Geld dafür legten die Eltern aus, er musste jedoch alles "auf Heller und Pfennig" zurückzahlen. Doch nun hatte Heindl Platz auf gut 200 Quadratmetern - und in den Folgejahren viel Arbeit damit, unter anderem um das Dach und den First zu erneuern.

Der Stodl füllte sich bis 1989 zusehends - auch mit Schlitten. Die hatten es dem Kemnather schon als 13-Jähriger angetan, als er auf dem Brauhausgelände eine "wunderschöne Schlittenkutsche" des früheren Landtagsabgeordneten Bruno Ponnath entdeckt habe. "Ich habe meinen ganzen Mut zusammengenommen und gefragt, wie viel sie denn kostet." Dessen Frau habe nur gemeint: "O mei Bua", dafür müsse er lange sparen.

Doch auch ohne dieses Exemplar zählt seine Sammlung fünf Pferde- und Rennschlitten, darunter vermutlich das älteste Stück aus der Zeit um 1850. Den dunkelblauen Zweisitzer mit geschnitzten Ranken und Drachenköpfen an den Kufenenden hat er 1979 erworben.

Seine überwiegend fahrbereiten Schätze hat Heindl selbst restauriert. Dabei hat er stets versucht, alles im Original zu erhalten. Waren Polster eingerissen, "dann habe ich die Stellen hinterlegt und verklebt". Solange nur "etwas am Holz gefehlt hat, habe ich das selbst repariert". Sei etwas gebrochen gewesen, habe dies sein Chef in der Firma geschweißt. Er habe nur "komplette Kutschen gekauft, "weil sonst wäre es ins Geld gegangen. Und das war es mir dann doch nicht wert".

Arbeit für den Ruhestand

Irgendwann wurde es allerdings in der Scheune eng. "Der Stodl ist dermaßen vollgeschlichtet, dass ich an die Kutschen gar nicht mehr rankomme", bedauert Heindl. Deshalb stellt er in der Weihnachtszeit keine der Schlitten mehr als Deko vor sein Wohnhaus. Die Tochter hätte auch gerne mal einen vor ihrem Zuhause im Ebnath, ihr musste Heindl bisher ebenso absagen wie dem KEM-Verband, der einen Schlitten beim Candle-Light-Shopping aufstellen wollte.

Seine Sammelstücke seien inzwischen wieder in die Jahre gekommen und bedürften einer teilweisen Aufarbeitung. Das hebe er sich für den Ruhestand auf. Auch wolle er dann den Stodl ausräumen. Bis es soweit ist, kann Heindl in seinem Buch blättern. Er hat jede Kutsche und jeden Schlitten fotografiert und zu jedem Stück einen Text über dessen Geschichte, die Umstände des Kaufes sowie die Restaurierung verfasst. "Aber nur für mich und die Familie, weil ich die Kutschen auch mal wieder sehen will."

Schwere Geburt:

„Nahezu 30 Jahre lang ist meine Sammelleidenschaft eingeschlafen“ , berichtet Anton Heidl. In dieser Zeit widmete sich der Leiter des Kemnather Heimat- und Handfeuerwaffenmuseums anderen Bereichen, so seinen Musikautomaten oder historischen Zeitmessern. Erwacht ist sein Faible wieder 2016, als er eine rund 130 Jahre alte Kutsche aus dem Kreis Zwickau beschenkt bekam, die in Schlackenhof stand. „Meiner Frau habe ich erst nichts gesagt“ – und über das Platzproblem habe er sich keine Gedanken gemacht.

Der Besitzer habe die Kutsche total zerlegt, um sie selbst zu restaurieren. Jedoch sei dieser nicht dazu gekommen. Mit seinen Enkeln Patrick und Nico habe er „das gute Stück“, für das er sich beim Besitzer mit einem Kasten Bier revanchierte, abgeholt. Doch dann erkannte Heindl, warum aus der "Wiederauferstehung" nichts geworden war. Er selbst habe zeitweise daran gezweifelt. Erst im Sommer 2018 raffte er sich schließlich dazu auf, behandelte die Eisenteile gegen Korrosion, fertigte Dachspriegel an und überzog diese mit Kunstleder. Das Innere stattete er mit rotem Samt aus. Nach rund 250 Stunden war das Werk fertig - allerdings erst im vergangenen Sommer. "Man hat nicht immer Zeit und Lust dazu", gibt Heindl zu.

Hingucker bei Festen:

In den ersten zwei Jahrzehnten seiner Sammelleidenschaft waren Anton Heindls Kutschen Hingucker bei so manchen Festen. Das Gefährt von Schloss Wolframshof kam beispielsweise 1995 beim Festzug zum 150. Jubiläum der Stadterhebung Pressaths zum Einsatz. Auch zur eigenen Hochzeit fuhr er mit seiner Frau Anita in dem historischen Gespann vor. Weniger gute Erinnerungen hat er an eine Trauung in Waldeck. "Beim Läuten der Glocke sind die Pferde durchgegangen", weiß Heindl noch. "Wir hatten ganz schön zu tun, sie zu stoppen." Auf dem Kutschbock saß damals der Onkel der Braut. Der Kemnather hat aber noch nie selbst als Kutscher eine Ausfahrt unternommen. Seine Erklärung: "Ich habe kein Pferd."

Überraschung auf Glasplatte:

Ein „Traum“ ging für Anton Heindl heuer in Erfüllung. Schon mit 17 Jahren wollte er eine Landauer Kutsche (viersitzige, vierrädrige und an beiden Achsen gefederte Kutsche mit zwei gegenüber angeordneten Sitzbänken, Türen mit versenkbaren Glasscheiben und gegenüberliegendem Klappverdeck) haben. Seine nun 11. Kutsche konnte er im September aus einem Gutshof in Werlaburgdorf (Niedersachsen) abholen. Das Gefährt aus der Zeit um 1900 sei zwar stark restaurierungsbedürftig, verfüge aber noch über die ursprüngliche Laterne, Innenausstattung und Polsterung.

Seine wohl freudigste Entdeckung machte der Kemnather jedoch erst 30 Jahre nach dem Kauf einer Kutsche, die laut Verkäufer aus dem Schloss Wolframshof bei Kastl stammen sollte. Bei seinen Forschungen über die Inneneinrichtung des Anwesens und dessen Bewohner entdeckte er 2018 Abzüge von Glasplatten, auf denen das Interieur abgelichtet war – und eine Kutsche mit der Frau des damaligen bayerischen Staatsministers Maximilian Graf von Feilitzsch, der 1913 auf dem Schlossfriedhof in Wolframshof beigesetzt wurde. Erst da hatte Heindl Gewissheit, dass die Kutsche in seinem Stodl und die auf der Glasplatte identisch sind.

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