Kemnath
25.11.2018 - 16:58 Uhr

Landestheater geht in Kemnath an die Wäsche

„Träume muss man leben“ – leicht gesagt, in der Umsetzung hapert es meist. Und wenn Seniorinnen ihren „Altweiberfrühling“ erleben, dann führt das zu Aufregungen und Verwicklungen, wie das Landestheater Oberpfalz humorvoll demonstriert.

Dem prüfenden Blick von Schneiderin Martha (Claudia Lohmann) hält kaum ein Stück Unterwäsche stand. Bild: stg
Dem prüfenden Blick von Schneiderin Martha (Claudia Lohmann) hält kaum ein Stück Unterwäsche stand.

Irgendwie hat Martha (Claudia Lohmann) keinen Antrieb mehr: Der Ehemann ist vor wenigen Monaten gestorben, der Tante-Emma-Laden läuft auch nicht mehr und so richtig trennen mag sie sich von den Kleidungsstücken des Verstorbenen auch nicht. Lieber zieht sie sich ihre Tracht an, legt sich auf Bett und wartet auf den Tod. Diese Einstellung gefällt natürlich weder dem eigenen Sohn Walter (Rupp Grünbauer), der auch noch Dorfpfarrer ist, noch den Freundinnen Lissi (Waltraud Janner-Stahl), Frieda (Andrea Kleber) und Hanni (Carmen Puhane).

Humorvoller Abend

Mit der Komödie "Altweiberfrühling"von Stefan Vögel nach dem Drehbuch des Films "Die Herbstzeitlosen" macht das Landestheater Oberpfalz (LTO) am Freitagabend Station im Foyer der Kemnather Mehrzweckhalle. Gut zwei Stunden lang erleben die Besucher einen humorvollen Abend, bei dem auch die tiefere Botschaft klar vernommen wird.

Um sie abzulenken, suchen Marthas Freundinnen eine neue Aufgabe für die ehemalige Schneiderin. Da trifft es sich gut, dass der Männerchor dringend eine neue Vereinsfahne braucht. Doch im Rahmen des Stoffeinkaufs in der Großstadt erinnert sich Martha plötzlich an ihren Jugendtraum: Nach Paris wird sie es nicht mehr schaffen, aber warum den Traum von der eigenen Dessous- Boutique mit selbst entworfener Wäsche nicht im eigenen Laden verwirklichen? Der beschauliche Ort Hinteröd steht allerdings Kopf: der Bürgermeister Fritz (Gerhard Wölfel) von der Deutschen Patriotischen Partei - "DePP" abgekürzt - sieht in Dessous einen sittlichen und moralischen Verfall und will den Laden ja eigentlich für Parteiveranstaltungen nutzen, und Sohn Walter wittert Teufelszeug in dem Laden, wo ja künftig eigentlich der Bibelkreis tagen sollte. Mit entsprechenden mehr oder weniger gelungenen Stör-Aktionen wollen sie Marthas Traum - die Boutique "Petit Paris" - zerstören und machen auch vor Einbrüchen nicht halt.

Handel boomt

Doch Martha ist nicht die einzige Seniorin, die mit vermeintlichen gesellschaftlichen Konventionen bricht und sich zu neuen Ufern aufmacht: Hanni absolviert noch erfolgreich die Führerscheinprüfung, Frieda verliebt sich in einen Mitbewohner im Seniorenheim und Lissi bricht nur großen Reise nach Amerika auf, um Tochter Shirley (Saskia Lang) endlich den Vater vorzustellen. Und der Internethandel mit Dessous mit Trachtenmotiv aus Hinteröd boomt - sogar an indische Filmproduktionen wird verkauft.

Das Intrigenspiel der beiden Männer - Bürgermeister und Pfarrer - scheitert auf ganzer Linie, ihre grenzenlose Doppelmoral wird auf unterhaltsame Weise entlarvt: Der Bürgermeister, immer unsensibel und unverschämt, Egoist durch und durch, mit einem Horizont, der an der Ortsgrenze endet. Und der Pfarrer ist auch nicht viel besser, denn er hat ein eher gespaltenes Verhältnis zum Zölibat und einen deutlich engeren Draht zu seiner großen Liebe Shirley.

Das Ensemble auf der Bühne liefert unter der Regie von Till Rickelt und der Assistenz von Saskia Lang eine grandiose Leistung ab: Mit viel Einfühlungsvermögen und auch mimischen Geschick verkörpern die noch gar nicht "so alten" Schauspielerinnen die Seniorinnen, die zu neuen Taten und Ufern aufbrechen. Die beiden Männer auf der Bühne verleihen ihren Rollen den passenden "Trottel"-Faktor, der immer wieder zum Lachen anregt. Es gibt am Schluss viel Applaus für einen gelungenen Theaterabend!

Gerhard Wölfel (l.) und Rupp Grünbauer überzeugen in ihren Rollen als Bürgermeister und Pfarrer - ausgestattet jewels mit einer Riesenportion Doppelmoral und Trotteligkeit. Bild: stg
Gerhard Wölfel (l.) und Rupp Grünbauer überzeugen in ihren Rollen als Bürgermeister und Pfarrer - ausgestattet jewels mit einer Riesenportion Doppelmoral und Trotteligkeit.
Eigentlich hätte es nur die alte Fahne des Männerchors sein sollen, derer sich Martha (Claudia Lohmann, r.) annimmt: Bürgermeister Fritz (Gerhard Wölfel) sowie Lissi (Waltraud Janner-Stahl, l.) und Hanni (Carmen Puhane) staunen aber schon bald über die alternativen schneiderischen Fähigkeiten Marthas. Bild: stg
Eigentlich hätte es nur die alte Fahne des Männerchors sein sollen, derer sich Martha (Claudia Lohmann, r.) annimmt: Bürgermeister Fritz (Gerhard Wölfel) sowie Lissi (Waltraud Janner-Stahl, l.) und Hanni (Carmen Puhane) staunen aber schon bald über die alternativen schneiderischen Fähigkeiten Marthas.
 
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