19.01.2020 - 12:08 Uhr
KemnathOberpfalz

"Ihr müsst viel lesen"

Eine ungewöhnliche Geschichtsstunde erlebten die Zehntklässler der Realschule Kemnath in ihrer Turnhalle.

„Setzen wir uns gemeinsam ein für Mitmenschlichkeit und ein friedliches Zusammenleben“, appellierte der Zeitzeuge Professor Dr. Alexander Fried und seine Ehefrau an die Realschüler.
von Josef ZaglmannProfil
„Setzen wir uns gemeinsam ein für Mitmenschlichkeit und ein friedliches Zusammenleben“ ,appellierte der Zeitzeuge Professor Dr. Alexander Friedund seine Ehefaru an die Realschüler.

Eine ungewöhnliche Geschichtsstunde erlebten die Zehntklässler der Realschule in ihrer Turnhalle. Mit seiner Frau Dorothea Woiczechowski-Fried besuchte Alexander Fried die Schule um den Schülern von seinen Erfahrungen während der Judenverfolgung im Dritten Reich zu erzählen - obwohl es ihn emotional zutiefst aufwühlte.

"Ich wurde 1925 in der heutigen Slowakei geboren und wuchs in einer jüdisch-orthodoxen Familie auf", erzählte der Holocaust-Überlebende. Er hatte eine glückliche Kindheit. Aber nachdem dort 1939 die Nationalsozialisten einmarschiert waren, begann die Zeit, in der die jüdische Bevölkerung verfolgt wurde. Der heute 94-Jährige erlebte die Gräuel der Nationalsozialisten und musste mit ansehen, wie jüdische Freunde und Verwandte ermordet und deportiert wurden. Sichtlich bewegt berichtete er von dem Moment, als er nicht verhindern konnte, dass seine Mutter von der Gestapo abgeholt wurde. Sie starb später im KZ Auschwitz, sein Vater im KZ Buchenwald. Er selbst überlebte trotz der unmenschlichen Verhältnisse drei Konzentrationslager und den Todesmarsch. "Wer hinfiel, wurde sofort erschossen", erzählte er. Einen kranken Freund, den er stützte, töteten die Aufseher gnadenlos vor seinen Augen.

Diese unvorstellbaren Unrechtserfahrungen veranlassten den Holocaust-Zeitzeugen immer wieder, Vorträge in Schulen zu halten und den Schülern deutlich zu machen, welchen Wahnsinn der Nationalismus darstellte. Gerade in heutiger Zeit, in der nationalistische Strömungen wieder populär zu werden scheinen, rief Fried mit Nachdruck dazu auf, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Er appellierte an die Verantwortung der Jugendlichen, sich über die Vergangenheit zu informieren, um sich der Dringlichkeit des Kampfes gegen Nationalismus in heutiger Zeit bewusst zu werden. "Eine Jugend kann nur die Zukunft aufbauen, wenn sie die Vergangenheit kennt." Er appellierte an die Schüler: "Ihr müsst viel lesen."

Die Zehntklässler folgten gebannt den Schilderungen des Gastes, der immer wieder mit Tränen kämpfen musste. Viele waren fassungslos: "Wie war denn so etwas möglich?", fragten sie sich. Nach der Befreiung studierte er an verschiedenen Universitäten in Europa und arbeitete weltweit als Professor der Europäischen Geschichte.

Für sein herausragendes ehrenamtliches Engagement im Bereich der Erinnerungskultur erhielt er vom Bundespräsidenten den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Für besonders interessierte Schüler verwies er auf sein Buch, in dem er seine Erlebnisse ausführlich schildert. Geduldig beantwortete er Fragen der Schüler und Lehrer. Studienrätin Miriam Schraml hatte den Zeitzeugen eingeladen. Sie überreichte ihm ein Präsent.

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