30.11.2020 - 18:39 Uhr
KemnathOberpfalz

Neuer BDI-Chef: Von Kemnath aus an die Spitze der deutschen Industrie

Siegfried Russwurm ist seit dieser Woche der erste Lobbyist der deutschen Industrie. Der neue BDI-Präsident hat seine Karriere einst in Kemnath in der Oberpfalz begonnen. Sein Ruf am dortigen Siemensstandort ist bis heute exzellent - auch bei den Arbeitnehmern.

Siegfried Russwurm (stehend) beim Abschiedsbesuch in Kemnath, kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Siemens-Konzern. Der damalige Standortleiter Alfred Koch (sitzend, Zweiter von rechts) hält viel von seinem Weggefährten
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

"Visionär und bodenständig": So beschreibt Alfred Koch den neuen BDI-Präsidenten Siegfried Russwurm. Und weil der frühere Standortleiter des Siemens-Werks in Kemnath selbst merkt, dass sich die beiden Eigenschaften zu widersprechen scheinen, wiederholt es Koch nochmal: "Das trifft beides zu."

Koch muss es wissen, denn als der Ingenieur Russwurm bei Siemens Kemnath seine Karriere begann, teilte er sich mit Koch das Büro. Man habe sofort gemerkt, dass er zu Höherem berufen sei, erinnert sich Koch. "Siegfried Russwurm hatte sein Handwerk von der Pieke auf gelernt", sagt Koch. Begeisterung und Wissen über neue Technik habe ihn nicht nur den Aufstieg bei Siemens ermöglicht, sondern auch für die Kommission zur Thema Industrie 4.0 prädestiniert, in der er lange Kanzlerin Merkel beraten hat.

Was Russwurm zusätzlich auszeichnet: Er habe nie die Bodenhaftung verloren. Der Umgang mit den Arbeitnehmern habe immer auf Augenhöhe funktioniert, auch als Russwurm längst in den Siemensvorstand aufgestiegen war und hin und wieder in "seinem" Stammwerk in Kemnath vorbeigeschaut hat.

Essen für die Streikenden

Legendär ist dort bis heute die Anekdote, als er während eines Arbeitskampfs den Streikenden vor den Werkstoren Verpflegung vorbeigebracht hat. Er habe gewusst, dass es trotz unterschiedlicher Interessen um die gemeinsame Sache ging, sagt Koch. Der Kontakt zu Betriebsrat und Gewerkschaft sei deshalb nie abgerissen. "Das heißt nicht, dass es immer für alle einfach war", sagt Koch. "Siegfried Russwurm war geradlinig und hat sich auch durchgesetzt. Aber man kann sich verlassen, dass auch morgen gilt, was er heute sagt."

Diese Art und Weise hat der heute 57-Jährige beibehalten, als er von Kemnath aus seine Karriere im Konzern vorantrieb. "Bei Siemens hat er als Arbeitsdirektor immer gut mit der Arbeitnehmerseite zusammengearbeitet und ist auch neue Wege mitgegangen", sagt Birgit Steinborn, stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende und Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats. Ein anderer Vertreter der Arbeitnehmerseite beschreibt den Oberfranken als "umgänglich, ohne Attitüden, ohne Arroganz".

Russwurm kommt aus einem Dorf östlich von Coburg, sein Vater war dort Polsterer, die Mutter Industriearbeiterin. Und er wohnt auch heute noch in der Nähe. Die Hektik des Berliner Politikbetriebs scheint von dort weit weg zu sein. Schon als Jugendlicher habe ihn Technik fasziniert; er sei ein "Technikfreak", erklärte er einmal bei einem IG-Metall-Forum. Nach Kemnath war Russwurm in Schweden und stieg 2006 in den Vorstand der Medizintechnik-Sparte auf. 2008 holte der neue Siemens-Chef Peter Löscher den 44-Jährigen in den Konzernvorstand.

Viele Stellen abgebaut

Als Personalchef musste er Tausende Stellen abbauen. Zwei Jahre später bekam er die Verantwortung für die Industriesparte - die größte im Konzern mit mehr als 100 000 Beschäftigten - und trieb die Digitalisierung voran. Als Löscher gehen musste, wurde Russwurm als Nachfolger gehandelt.

Nach der Berufung Joe Kaesers bekam Russwurm eine neue Aufgabe in der Forschung, im März 2017 schied er aus. Er wolle "nur noch mit Leuten zusammenarbeiten, die ich mag", sagte Russwurm laut "Manager-Magazin". Die scheint er nun beim BDI gefunden zu haben.

Hintergrund:

Der Bundesverband der deutschen Industrie

  • Der (BDI) ist der Spitzenverband der deutschen Industrie.
  • Der eingetragene Verein hat seinen Sitz in Berlin. Er wurde 1949 auch als Reaktion auf die Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes ins Leben gerufen. Anfangs trug er den Namen Ausschuss für Wirtschaftsfragen der industriellen Verbände.
  • Dem BDI gehören aktuell 40 Industrieverbände an, unter anderem der Bundesverband der Automobilindustrie.
  • Der Vorgänger von Siegfried Russwurm als Präsident war seit Januar 2017 Dieter Kempf.
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