07.04.2019 - 12:10 Uhr
KemnathOberpfalz

Schlimme Zwänge

Im Familienzentrum Mittendrin gibt es bald eine neue Selbsthilfegruppe.

Jessika Wöhrl-Neuber (Dritte von links) begrüßte Linda Narius, Michaela Schraml und Ramona Kriegler (von links) im Familienzentrum Mittendrin zur Vorbesprechung für die neue Selbsthilfegruppe „Zwangsstörungen“.
von Josef ZaglmannProfil

Den Startschuss dazu gaben Gruppenleiterin Michaela Schraml, Linda Narius, psychologische Psychotherapeutin und Ramona Kriegler von der Selbsthilfekontaktstelle Nordoberpfalz beim Diakonischen Werk Weiden. Im Familienzentrum Mittendrin schilderte Michaela Schraml auf sehr ehrliche und offene Weise, wie Zwangsstörungen das Leben der Betroffenen drastisch einschränken. „Man weiß nicht, was mit einem los ist“ erzählte sie, „man schämt sich und hat Angst, sich jemandem anzuvertrauen.“

„Man unterscheidet grob zwei Formen von Zwangsstörungen: Zwangshandlungen und Zwangsgedanken. Dabei können Zwangshandlungen sich ganz unterschiedlich äußern“ ergänzte Psychotherapeutin Linda Narius. Am bekanntesten ist der Waschzwang, bei dem sich die Betroffenen immer wieder die Hände waschen müssen, weil sie Angst vor Bakterien und ansteckenden Krankheiten haben. Das kann so weit gehen, dass die Hände offen werden und die Haut sich entzündet.

Beim am häufigsten vorkommenden Kontrollzwang kehren die Betroffenen immer wieder in die Wohnung zurück, um zu prüfen, ob alle elektrischen Geräte auch wirklich abgeschaltet sind. Manche Patienten mit einer Zwangserkrankung kehren beim Autofahren immer wieder um, um zu kontrollieren, ob sie auch wirklich niemanden überfahren haben. „Die Zwänge gewinnen immer mehr die Oberhand“ erzählte Schraml, sie beherrschen den Menschen ganz und überlagern die rationalen Gedankengänge total. Die Betroffenen haben keine Freude und keine Lebensqualität mehr. Sogar ihrem Ehemann und ihren Kindern gegenüber wollte Michaela Schraml ihre Zwänge auf keinen Fall zugeben. „Ich habe immer wieder neue Ausreden erfunden“ gestand sie ein. Die Schuld- und Schamgefühle, die Versagensängste nahmen immer mehr zu. „Das kostet unheimlich viel Kraft, Energie und Nerven“ gibt sie heute zu. Nach einem achtwöchigen Aufenthalt in der psychosomatischen Klinik in Windach knüpfte sie erste Kontakte zur Psychotherapeutin Linda Narius.

Seit ihrer Entlassung hat sie jede Woche eine Therapiesitzung bei ihr. „Schön langsam ging es aufwärts mit ihr“ freute sie sich. Jetzt geht es ihr recht gut.

Am Freitag, 12.4. startet die Selbsthilfegruppe „Zwangsstörungen“ im Familienzentrum Mittendrin, die Michaela Schraml leitet. Beim ersten Treffen wird Linda Narius dabei sein.

„Den Betroffenen Mut machen, sich besser kennenlernen und verstanden fühlen, gemeinsam Erfahrungen austauschen, irrationale Ängste abbauen und die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch geben sind meine Ziele“ erklärte Michaela Schraml. Nichts soll erzwungen werden. Wer den Raum verlassen möchte, kann jederzeit gehen. Selbstverständlich gilt für alle Teilnehmer Schweigepflicht.

„Wir wollen uns einmal im Monat treffen“ kündigte die neue Gruppenleiterin an. Sie bedankte sich herzlich bei der Stadt Kemnath, die auch für diese Selbsthilfegruppe im Familienzentrum kostenlos einen Raum zur Verfügung stellt. „Das ist in anderen Orten nicht selbstverständlich“ wusste Ramona Kriegler, die für über 80 Selbsthilfegruppen in der Region die Ansprechpartnerin ist.

„Ich freue mich sehr über die Gründung dieser neuen Selbsthilfegruppe“ betonte Jessika Wöhrl-Neuber, sie ist eine weitere Aufwertung für das Angebot an Hilfen in unserem Familienzentrum für Menschen in besonderen sozialen Situationen.

Wer an der Selbsthilfegruppe teilnehmen möchte, kann sich jederzeit im Familienzentrum Mittendrin, Telefon 09642/70 33 800 oder www.mittendrin-kemnath.de anmelden.

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