18.09.2019 - 14:04 Uhr
KemnathOberpfalz

"Die Seele altert nicht"

Gemeindereferent Jochen Gößl stellte beim Seniorenclub Kemnath Leben und Wirken der heiligen Hildegard vor. Die Heilige würde heutzutage als "Powerfrau" gelten.

„Viele Aussagen von Hildegard von Bingen sind auch heute noch aktuell“, betonte Gemeindereferent Jochen Gößl (links).
von Josef ZaglmannProfil

"Wer war Hildegard von Bingen?", fragte Gemeindereferent Jochen Gößl beim Seniorentreff im Pfarrheim bevor er ihren Lebenslauf erzählte. Sie sei als zehntes Kind des rheinfränkischen Edelfreien Hildebert vom Bermersheim-Alzey und seiner Frau Mechtild geboren worden. "Weder der genaue Geburtstag noch der Geburtsort werden von ihr oder zeitgenössischen Biografen genannt." Das wahrscheinliche Geburtsdatum lasse sich anhand ihrer Schriften näher eingrenzen auf das Jahr 1098, der Geburtsort liege in der Nähe von Worms.

Schon als kränkliches Kind hatte sie Visionen. Sie behielt diese prophetische Gabe, Vorauszusehen und Gegenwärtiges im Blick auf die Zukunft richtig zu deuten, ihr Leben lang. Hildegard wurde ab ihrem achten Lebensjahr in einer Benediktinerklause erzogen. Sie gilt als erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters. Ihre Regeln für eine gesunde Lebensführung klammerten auch die Sexualität nicht aus, ihre Gedanken zur Rolle der Frau waren mutig und richtungsweisend.

1151 gründete sie ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen und wurde Äbtissin. Als Künstlerin, Wissenschaftlerin, Ärztin, Dramaturgin, Dichterin und Musikerin ("Musik ist eine Gabe Gottes") war sie die bedeutendste Universalgelehrte ihrer Zeit.

Hildegard von Bingen war auch Beraterin vieler Persönlichkeiten. Darin zeigte sie ihren außergewöhnlich starken Charakter und Gottesglauben. Für ihre Zeit wirken ihre offenen Worte und Ermahnungen, die sie gegenüber König und Papst führte, besonders bemerkenswert. Ihr selbstbewusstes und charismatisches Auftreten führten zu ihrer großen Bekanntheit. Sie predigte als erste Nonne öffentlich dem Volk die Umkehr zu Gott und unternahm ausgedehnte Predigtreisen.

Von ihr ist ein umfangreicher Briefwechsel erhalten geblieben, der auch deutliche Ermahnungen gegenüber hochgestellten Zeitgenossen enthält, sowie Berichte über weite Seelsorgereisen und ihre öffentliche Predigertätigkeit. Hildegard hat zwischen 1150 und 1160 zwei natur- und heilkundliche Werke verfasst. Der Begriff "Hildegard-Medizin" wurde erst ab 1970 eingeführt. Ihr Leistung liegt unter anderem darin, dass sie das damalige Wissen über Krankheiten und Pflanzen aus der griechisch-lateinischen Tradition mit dem der Volksmedizin zusammenbrachte.

Im Herzen des Universums steht für Hildegard der Mensch, das volle Werk des Schöpfers, denn nur der Mensch kann ihn erkennen. Die Freiheit des Menschen führte zur Ursünde. "Aber Gott wollte freie Menschen" betonte sie. Hildegard von Bingen ging es um die Seele des Menschen. "Die Seele altert nicht", war eine ihrer Kernaussagen. Ihre Visionen wurden ab 1141 schriftlich festgehalten. Bereits zu Lebzeiten wurde sie wie eine Heilige verehrt. Im Jahr 2012 erhob Papst Benedikt XVI. Hildegard die Kirchenlehrerin ohne förmliches Verfahren offiziell zur Heiligen und dehnte ihre Verehrung auf die Weltkirche aus. Für die Senioren war natürlich besonders interessant, wie sich Hildegard von Bingen über das "Altern" geäußert hat. "Wenn ich von Gott geliebt und für wunderbar befunden wurde, dann spielen die Falten in meinem Gesicht keine Rolle", hatte sie erklärt. Agnes Emerig dankte Jochen Gößl für seine Ausführungen.

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