17.04.2019 - 15:44 Uhr
KemnathOberpfalz

Dem Tod ganz nah

Normalerweise hat jeder nur ein Mal im Jahr Geburtstag. Bei Sophia Brüderer aus Dießfurt ist das ein wenig anders. Sie stößt seit elf Jahren ein zweites Mal auf ihr Leben an - an dem Tag des schlimmen Schulbusunfalls bei Friedersreuth.

Schwer verletzt liegt Sophia Brüderer vor elf Jahren im Krankenhaus. Sie überlebt damals einen schlimmen Schulbusunfall bei Friedersreuth. Nun erzählt die heute 24-Jährige ihre Geschichte.
von Anne Wiesnet Kontakt Profil

Eine gelbe Hauswand, die rasend schnell auf sie zukommt - das ist alles, was Sophia Brüderer noch sieht. Dann wird ihr schwarz vor Augen. Blech kracht auf Stein, beult sich unter dem Aufprall wie eine überreife Tomate. Davon bekommt das 13-jährige Mädchen, das durch den Schulbus geschleudert wird, aber schon nichts mehr mit. Als Sophia wieder zu sich kommt, läuft das Blut über ihren Körper. Ihre beste Freundin wiegt sie in den Armen, wischt ihr immer wieder das Blut aus den Augen. Überall im Bus liegen Glassplitter verstreut. Das Gesicht des Mädchens ist übersät mit Schnittwunden. Das ist nun elf Jahre her. Trotzdem erinnert sich Sophia an den 10. März 2008, als wäre es gestern gewesen. Es ist der Tag, an dem ihre Welt für einen Moment still steht - an dem sie dem Tod nah ist, aber überlebt.

Sophia bekommt nur dumpf mit, wie sie aus dem demolierten Schulbus gezogen wird, der mit 15 Insassen ungebremst in ein Haus in Friedersreuth (Landkreis Neustadt/WN) gekracht war. "Meine Beine waren nur noch Pudding. Ich konnte nicht mehr mitarbeiten", erzählt die heute 24-Jährige. Sie spürt, wie sie auf eine Wiese gelegt, wie ihr die Hose aufgeschnitten wird, und fühlt sich völlig hilflos. Sie kämpft mit sich, will wach bleiben. "Ich habe im Hinterkopf gehabt: Du darfst nicht einschlafen, du darfst nicht sterben."

Das Mädchen steht unter Schock, fragt nach seiner Mama, will das sie bei ihm ist. Im Delirium gibt Sophia einen falschen Namen an, weiß nicht mehr, wann sie Geburtstag hat. "Ich habe gesagt, dass ich Fiederer heiße." Dann wird wieder alles dunkel um sie herum. Eine Weile hört sie noch die Vögel zwitschern, dann ist sie weg. "Du wurdest beatmet", erinnert sich ihre Mutter Claudia Brüderer. "Du warst eigentlich schon auf der anderen Seite." Sophia weiß noch, dass sie ein helles Licht gesehen hat. "Ich wollte auf das Licht zugehen, das war wie heimkommen", beschreibt sie. Doch Sophia will auch weiterleben. Deshalb kämpft sie.

Das Mädchen wird schwer verletzt ins Erlanger Klinikum geflogen. Seine Familie, die zur Unfallstelle geeilt war, darf nicht mit in den Helikopter, weil der Anästhesist zum Beatmen dabei sein muss. "Papa ist dazugekommen und hat nur noch gesehen, dass der Reißverschluss über mir zugemacht wird. Und man weiß ja, was das normalerweise bedeutet. Das tut mir im Herzen weh, wenn ich daran denke", sagt die Dießfurterin, die mittlerweile in Kemnath wohnt. Ihr Vater Georg Brüderer kann nur noch zusehen, wie der Helikopter mit seiner Tochter darin abhebt. Sophia schluckt schwer, der Gedanke an die Angst ihres Vaters trifft sie tief.

Das rechte Ohr ist weg

Im Krankenhaus erhält das Mädchen Morphium gegen die Schmerzen. Als Sophia aufwacht, weiß sie nicht, wo sie ist. Zu ihrer Mama sagt die verwirrte 13-Jährige, dass sie heute keine Englischhausaufgabe machen kann. "Du warst so high", erinnert sich Claudia. Aber das Morphium hilft gegen die Schmerzen. Sophia hat bei dem Unfall schwere Verletzungen erlitten: Schnittwunden, einen Kieferbruch, eine leichte Hirnblutung, einen Schulterblattbruch. Von ihrem rechten Ohr ist nur noch das Ohrläppchen übrig.

"Mit 13 Jahren war das schlimm", sagt sie. Doch es hätte noch schlimmer enden können, vermutet Sophia heute. "Wir wären eigentlich ganz hinten im Bus gesessen." Doch an diesem Tag beschließen sie und ihre Freundin, sich weiter nach vorne zusetzen und Sophias Cousin zu ärgern. "Das hat uns das Leben gerettet. Hinten war der Bus komplett eingedellt." Eine seltsame, aber glückliche Fügung.

Seltsam findet die 24-Jährige auch die Vorgeschichte zu dem Unfall: Sophia will an diesem Nachmittag eigentlich mit ihrer Freundin nach Hause fahren. Deren Mutter soll die beiden an der Schule in Pressath abholen, so ist es ausgemacht. Doch die Mädchen streiten sich, und Sophia beschließt, mit dem Bus zu fahren. Die Mutter der Freundin kommt nur ein paar Minuten später an der Schule an, weil sie an einem wendenden Lastwagen nicht vorbeikommt. Als die Frau sieht, dass ihre Tochter allein auf sie wartet, ist sie entsetzt. "Sie hat danach erzählt, dass sie gewusst hat, dass ihre Tochter und ich nicht in den Bus steigen dürfen", erzählt Sophia. Die Mutter habe zuvor von schreienden Kindern geträumt und wohl eine Vorahnung gehabt, dass etwas passieren werde.

Zwei Wochen lang muss Sophia nach dem Unfall im Krankenhaus bleiben. Ihre Mutter, selbst Krankenschwester, kümmert sich liebevoll um sie. "Die erste große OP hat zehn Stunden gedauert, weil das Gewebe am Ohr so schlecht durchblutet war", erzählt Claudia Brüderer von den Strapazen. Danach muss das Mädchen immer wieder ins Krankenhaus, viele weitere Operationen folgen. Als die Narben endlich verheilt sind, machen sich die Ärzte daran, Sophia ein künstliches Ohr zu formen - aus Plastik und Gewebe ihres Bauches. Doch das nachgebildete Ohr entzündet sich immer wieder.

Frieden damit geschlossen

Heute lebt Sophia ohne das Plastik-Ohr. Nur ihr Ohrläppchen hat sie noch. Der Rest der rechten Ohrmuschel fehlt. Hören kann Sophia auf der vernarbten Seite aber trotzdem noch gut, und sie hat Frieden damit geschlossen. "Es gehört zu mir", sagt die junge, selbstbewusste Frau. Trotzdem gibt es Momente, die sie erschauern lassen. Den Geruch, den Centmünzen auf der Haut hinterlassen, mag die 24-Jährige nicht. Er erinnert sie an den Eisen-Geschmack von Blut.

In einen Bus kann Sophia mittlerweile schon wieder steigen, auch wenn ihr beim aprupten Bremsen mulmig wird. Das erste Mal nach dem Unfall traute sich Sophia zusammen mit ihrer besten Freundin in einen Bus - das Mädchen, das ihr damals das Blut aus den Augen gewischt hat. "Wir haben uns an den Händen gehalten und sind eingestiegen", erinnert sie sich. Und dieses Mal läuft alles glatt.

Ohne ihre Freunde und die Familie hätte Sophia den Unfall und die schweren Folgen nicht so gut überstanden, da ist sie sich sicher. Zwar kommen noch immer Glassplitter aus ihrer Haut, und manchmal hat die 24-Jährige auch Schmerzen, doch sie hat überlebt und ist glücklich. Seit elf Jahren feiert sie deshalb zwei Mal im Jahr Geburtstag: Im Oktober und am 10. März - dem Tag, als ihr ihr Leben ein zweites Mal geschenkt wird.

Sophia hat Frieden mit ihrem Schicksal geschlossen.
Die rechte Ohrmuschel fehlt.
Ungebremst rast der Bus am 10. März 2008 mit 15 Insassen in ein Haus in Friedersreuth.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.