19.06.2020 - 12:34 Uhr
KemnathOberpfalz

Vom Versicherungsexperten zum "Hühnerflüsterer"

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Michael Schicker aus Kemnath wird vom Versicherungsexperten zum "Hühnerflüsterer": Er hat sich über 200 Legehühner angeschafft - nach einer schweren Lebenskrise.

von Holger Stiegler (STG)Profil

"Hühner sind eine Wissenschaft für sich": Dass sich Michael Schicker einmal so intensiv in die Geflügel-Materie einarbeiten würde, hat er sich selbst nicht vorstellen können. Heute ist der 45-jährige Kemnather Herr über 222 Bovans-Legehühner, seine frühere Tätigkeit als Generalvertreter einer großen Versicherung hat er hinter sich gelassen.

Michael Schicker war das, was man sich unter einem "Workaholic" vorstellt: Praktisch nie Urlaub, immer im Dienst, Kranksein ging gar nicht, Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. "Man läuft immer irgendwie weiter", sagt er heute zurückblickend. Bis zu einem Freitag vor fast genau drei Jahren. Auch wenn sich vieles schon angedeutet hatte und immer wieder in Wellen kam - Schweißausbrüche, Schlaflosigkeit, Darmprobleme, Rückenschmerzen, irreparable Schwerhörigkeit durch Tinnitus - kam dann das, was kommen musste: "Der totale Zusammenbruch", sagt er. Seine Frau Anja hat ihn dann zum Arzt gefahren, dort hat Michael Schicker zum ersten Mal in seinem Leben als Selbstständiger eine Krankschreibung in der Hand gehalten - verbunden mit dem dringenden Appell des Arztes, das Leben radikal zu ändern oder sich mit dem Gedanken Friedhof vertraut zu machen. "Seitdem habe ich keinen Schritt mehr über die Schwelle meiner ehemaligen Agentur getan", erzählt Schicker.

Heute zufrieden und ausgeglichen

Auch großen Menschenansammlungen gehe er, der viele Jahre in erster Reihe des KEM-Verbandes Verantwortung trug, aus dem Weg. "Ich denke, ich kann sagen, dass ich heute ein zufriedener und ausgeglichener Mensch geworden bin", so Schicker - und ist sich aber auch darüber im Klaren, dass er weiterhin intensiv daran arbeiten muss, damit dies so bleibt.

Ein wesentlicher Faktor dabei sind Bovans-Legehühner - genauer gesagt 222 Exemplare dieser Tiere. "Über Freunde aus Immenreuth bin ich auf das Thema Hühner überhaupt erst aufmerksam geworden", erzählt Schicker. Für den heimischen Garten hat er sich einen Stall gebaut, begonnen mit 15 bis 20 Tieren. "Das war ein richtiges Erlebnis, als das erste Ei da war", erinnert er sich. Und dann gingen irgendwann die Überlegungen los: Was kann man landwirtschaftlich daraus machen? Wie schafft man es, eine Privilegierung zu erhalten? Welche weiteren bürokratischen Hürden muss man nehmen? Welche Ausstattung brauche ich?

Mobiler Hühnerstall

Herausgekommen ist dabei ein mobiler Hühnerstall auf einer Fläche in der Nähe des Luderweihers. Den Bauwagen hat Schicker selbst zum Stall umgebaut - seine ursprüngliche Ausbildung zum Industriemechaniker hat sich ausbezahlt. Freilich hat er auch zahlreiche Schulungen und Lehrgänge besucht, um sich in die Materie einzuarbeiten. Und dann ist er ins neue Leben als Betreiber eines mobilen Hühnerstalls gestartet. "Die Hühner waren 17 Wochen alt, als ich sie bekommen habe und mussten aufgefüttert werden", berichtet Schicker.

Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten, erst ein Ei, dann fünf Eier am Tag, dann 20, 40 und 80. Kürzlich konnte dann eine Legeleistung von 100 Prozent vermeldet werden - die 222 Hühner legten 222 Eier.

Das war ein richtiges Erlebnis, als das erste Ei da war.

Michael Schicker

Die Hühner haben auf dem Freigelände jede Menge Platz, viel sattes Grün erwartet die Tiere. Außerdem können sie im Freien ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben, dazu gehören Scharren, Sand- und Sonnenbaden. Und sollte eine Fläche abgefressen sein, dann zieht der mobile Stall einige Meter weiter. Gesichert ist das Areal unter anderem mit einem Elektro-Wildzaun, außerdem sorgen die beiden afrikanischen Zwergziegen "Sissi" und "Franz" dafür, dass der Habicht praktisch keine Chance hat, sich ein Huhn zu schnappen. Schicker verbringt viel Zeit bei seinen Hühnern: "Ich kann da stundenlang zuschauen!"

Allerdings ist das Projekt auch mit gehörigem Aufwand verbunden - das geht schon bei der Wasserversorgung der Tiere los. Da es vor Ort keine Wasserleitung gibt, bringt Schicker jeden Tag von zu Hause 60 Liter frisches Leitungswasser mit. "Ich transportiere im Jahr also etwa 20 Kubikmeter Wasser und 10 Tonnen Futter zu meinen Tieren", überschlägt der "Hühnerflüsterer".

Verkauf auf Vertrauensbasis

Die Eier vermarktet Schicker übrigens selbst direkt neben dem Gelände, das "Kassensystem" beruht auf Vertrauensbasis. Für den Kemnather gilt nach seiner schweren Lebenskrise jenes Motto, das er augenzwinkernd seinem Projekt verpasst hat: "Ei am happy!".

Artikel zu einer weiteren Hühner-Geschichte: "My lucky Ei"

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