03.11.2019 - 14:53 Uhr
KemnathOberpfalz

Zug um Zug zu Sicherheit

Aus einem Kesselwaggon tritt Flüssigkeit aus und läuft in das Gleisbett: Einsatzkräfte der Feuerwehren trainierten am "Ausbildungszug-Gefahrgut" der Deutschen Bahn in Schirnding die Maßnahmen zur Gefahrenabwehr.

von Michael DenzProfil

An einer im Bundesland einmaligen "rollenden Übungs- und Ausbildungseinrichtung" der Deutschen Bahn (DB) Netz AG trainierten Feuerwehreinsatzkräfte am Bahnhof in Schirnding. Dort war für mehrere Tage der "Ausbildungszug Gefahrgut" der DB stationiert. Neben den Floriansjünger der Feuerwehren des Landkreises Wunsiedel nahmen Einsatzkräfte der Wehren Kemnath, Konnersreuth, Mitterteich, Waldershof und Wiesau sowie Feuerwehrführungskräfte aus dem Landkreis Tirschenreuth teil.

Bestätigung abwarten

Über die im Gleisbereich herrschenden Gefahren, die Mengen an Gefahrgütern, die jährlich auf den Schienen, Straßen und mit Schiffen transportiert werden, informierte Uwe Lindenberg von der DB Netz AG. "Betretet in jedem Falle erst dann den Gleiskörper, wenn eine schriftliche und gesicherte Bestätigung der Gleissperrung vorliegt", betonte er. "Der Bremsweg eines Güterzuges auf freier Strecke kann schon mal bis zu zwei Kilometer lang sein."

Im Besonderen wurden die Feuerwehrleute im theoretischen Teil der Schulung, die in einem zum Schulungsraum umgebauten Personenwaggon anstand, in der Kennzeichnung von Gefahrguttransporten und der Beschriftung von Kesselwaggons, dem Erkennen von Gefahren sowie den Gefahrstoffklassen unterwiesen. Auch auf die in Notfallsituationen wichtigen Papiere wie Fracht- und Transportunterlagen sowie die Wagenliste und die -nummer ging der Ausbilder ein. Nach Angaben der DB werden von den jährlich rund 307 Millionen Tonnen Gefahrgütern circa 75 Millionen Tonnen auf der Schiene transportiert.

In Kesselwagen im Eisenbahnverkehr werde immer das gleiche Medium transportiert, die Kennzeichnung auch bei leeren Waggons nicht abgenommen. Nicht täuschen lassen sollten sich die Einsatzkräfte, wenn auf den Frachtpapieren steht, dass der Kesselwagen "leer und ungereinigt" ist. "Bei Flüssigkeiten sprechen wir von rund tausend Litern und bei Gasen vom kompletten Fassungsvermögen des Kesselwaggons", erörterte Lindenberg über mögliche, erhebliche "Restmengen".

Der Fachmann ging auf die Struktur im Notfallmanagement der DB ein. Der Notfallmanager, der in vielen Regionen angesiedelt ist, sei im Einsatzfall "Fachberater Eisenbahn". Er ist als Vertreter des Bahnbetriebes vor Ort, kenne die Besonderheiten und örtlichen Gegebenheiten des Streckenabschnittes, diene als Ansprechpartner und könne weiterführende Informationen einholen oder auch geben. "Die Maßnahmen zur Gefahrenabwehr, der Brandbekämpfung und dem technischen Hilfsdienst jedoch obliegen weiterhin der Feuerwehr", betonte Lindenberg.

Lediglich an drei Standorten in Deutschland würde die Deutsche Bahn Netz AG als Infrastrukturbetreiber sogenannte "Unfallhilfswaggons" vorhalten, die mit einem großen Kran ausgestattet sind. "Ihr seid im Ernstfall die Leute, die als erstes vor Ort sind, Hand anlegen und wissen müssen, was ihr tun könnt und welche Gefahren lauern."

Gegen Wegrollen sichern

Zum zweiten Teil der Schulung ging es zum begehbaren Armaturenkesselwagen des Ausbildungszuges. Hier erklärte ein weiterer Mitarbeiter der DB Notfalltechnik die Arten und Typen von Kesselwaggons für den Transport. "Auch Schienenfahrzeuge sind gegen Wegrollen zu sichern", betonte er. Je nach transportierendem Medium unterscheide man die Armaturen zum Befüllen und Entladen sowie die verbauten Sicherheitsventile und -einrichtungen. An dem Ausbildungs-Armaturenkesselwagen sind verschiedene Anschlüsse und Domdeckel verbaut, die an Kesselwagen für flüssige, tiefgekühlte oder unter Druck verflüssigte Gase, flüssige Stoffe oder Chemikalien, Säuren und Laugen verwendet werden.

Neben den Arten wurden auch die Funktionsweisen und Besonderheiten der etwaigen Armaturen sowie das Verhalten bei entsprechender Fehlfunktion oder Undichtigkeit angesprochen. Besonders das weiträumige Absperren bei einem Unfall von Schienenfahrzeugen sowie das richtige Erkunden und die korrekte Wahl der Maßnahmen seien für den jeweiligen Einsatzfall von besonderer Bedeutung und entscheide über den Einsatzerfolg.

Am Leckagekesselwagen trainierten die Feuerwehrler die praktischen Maßnahmen bei auslaufenden Flüssigkeiten. Um den Austritt aus den Leckagen situationsgerecht darzustellen, wurden die Risse und Löcher mit Wasser versehen. Die Kursteilnehmer übten das Auffangen und Umleiten von Flüssigkeiten in Behältnisse und Planen sowie das Abdichten mit Holzkeilen, speziellen Abdichtpasten und -bändern sowie pneumatischen Leckdichtkissen.

Mitunter kamen dabei auch Gerätschaften aus dem kreiseigenen Gefahrgutanhänger sowie der teilnehmenden Feuerwehren zum Einsatz. Die Landkreisführungskräfte der Feuerwehren um ABC-Fachberater Klaus Helm und Gefahrgut-Fachberater Fritz Leicht nahmen ebenfalls an der Schulung teil und unterstützten die Feuerwehrleute aus dem Tirschenreuther Kreis mit ihrem Fachwissen. Besonderen Dank sprach Leicht dem Kreisbrandmeister für Gefahrgut im Landkreis Wunsiedel, Oliver Göschel, für die Organisation und Einladung zum Ausbildungzug Gefahrgut aus.

Sicherheitsabstände einhalten

Hinsichtlich der Gefahren durch Elektrizität bei Bahnstrecken mit Oberleitungen sei besonders die Einhaltung der Sicherheitsabstände erforderlich. "Auch nach der Abschaltung kann noch lebensgefährliche Restspannung vorhanden sein", wusste Lindenberg. Das sogenannte "Bahnerden" werde laut "Notfallmanagement Eisenbahnbetrieb" vom Notfallmanager sichergestellt. Jedoch können sich Feuerwehren entlang der Bahnstrecken mit entsprechenden Geräten ausstatten und unterweisen lassen, um im Einsatzfall sicherer und schneller agieren zu können. Durch den Ausbau elektrifizierter Bahnstrecken wird das "Bahnerden" in den nächsten Jahren wohl ein Thema für die Feuerwehren sein, um den Eigenschutz sowie rasche Unfallhilfe gewährleisten zu können.

Hintergrund:

Deutschlandweit einmalig

Der "Ausbildungszug Gefahrgut" ist ein in Deutschland einmaliges Projekt der DB Netz AG, die die bundeseigenen Bahnstrecken und Gleisanlagen im Auftrag der DB betreibt und unterhält. Die rollende Ausbildungs- und Schulungseinrichtung "Ausbildungszug Gefahrgut" wird den Feuerwehren, in deren Einsatzbereich eine Bahnstrecke verläuft, kostenlos zur Verfügung gestellt.

Im Blickpunkt:

"Dispogruppe Gefahrgut"

Kommt es zu einem Gefahrstoffeinsatz im Landkreis Tirschenreuth, werden zusätzlich zu den örtlichen Einsatzkräften und den Feuerwehren mit entsprechender Ausrüstung die Fachberater des Kreisfeuerwehrverbandes alarmiert. Bestätigt sich im Einsatzverlauf ein Gefahrstoffeinsatz oder werden weitere Sondergeräte benötigt, wird über die Integrierte Leitstelle auf Anforderung die "Dispogruppe Gefahrgut" alarmiert.

Diese besteht aus einzelnen geschulten Einsatzkräften sowie der Feuerwehr Mitterteich, die mit dem kreiseigenen Gefahrgut-Anhänger anrückt.

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