25.05.2020 - 14:52 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Auerbacher Straße in Kirchenthumbach bis in die 1960er Jahre eine florierende Geschäfts- und Gewerbemeile

Sie war eine Einkaufsmeile, um die die Kirchenthumbacher beneidet wurden. Die Rede ist von der Auerbacher Straße, von der Thumbachbrücke bis zum ehemaligen Königlichen-Forsthaus. Ihre Blütezeit ist aber schon lange Vergangenheit.

Das Fragener-Anwesen um 1890.
von Fritz FürkProfil

Die Geschäfte dort florierten vor allem bis in die 1960er Jahre, insbesondere bevor der Truppenübungsplatz 1938 erweitert wurde. Durch die Um-und Aussiedlung der Menschen durch die Reichsumsiedlungsgesellschaft (RUGES) brach jedoch die Kundschaft weg. Im besagten Ortsteil, auch "Krawandorf" genannt, gab es nur wenige Anwesen, in denen kein Geschäft oder Handwerk betrieben wurde. Nebenbei hatten die Geschäftsleute und Händler eine Landwirtschaft meist im kleineren Stil.

Unser freie Mitarbeiter und Heimatkundler Fritz Fürk hat in Archiven geblättert und auch die noch wenigen Zeugen der Vergangenheit befragt. Die Zeitreise beginnt ortsauswärts in Richtung Auerbach beim Thumbach auf der linken Seite. Im Haus von Eva Fraunholz, auch "Uhrmacher-Eva" genannt, hatte Edi Reindl einen Friseursalon eingerichtet. Die Einrichtung dazu kaufte er Josef Rupprecht ("Boder") ab, der vor ihm das Friseurhandwerk betrieb. Gleich nebenan stand das "Trolln-Haus", in dem einst obergäriges Bier gebraut und Schnaps gebrannt wurde. Es soll Zeiten gegeben haben, da kostete eine Tasse Schnaps fünf Pfennige. Aussagen über die Qualität gibt es nicht.

Nur wenige Meter davon entfernt hatte Johann Reisner, der letzte Kommunbrauer von Kirchenthumbach, sein Domizil. Der "Mulzer", so der Hausname, war ein hochangesehener Bierbrauer und Schankwirt. An seiner Hausfassade hing jahrzehntelang der Zoiglstern. Sein Nachbar war die Schlosserei Rupprecht. Der "Schlosser-Sepp" war ein Spezialist für alles, was mit Technik und Maschinen zu tun hatte. Er war unter anderem auch Führer der Dreschmaschine, Wasserwart der Gemeinde, Elektriker und Stromableser. In seinem Betrieb wurden Dachrinnen hergestellt und auch die Installation von Wasserleitungen gehörte zu seinem Fachgebiet.

Im Haus von Anna Höllerer ("Feilnfranz'n") war ein Krämerladen untergebracht. Die Familie handelte auch mit Geflügel, Eier und Butter bei den Wochenmärkten in Bayreuth. Nur wenige Schritte davon entfernt befand sich das Haus Lindner, später Dotzauer-Emmi. Auch sie betrieb einen kleinen Laden, ehe der Auerbacher Radiomechaniker Karl Ficker dort ein Geschäft einrichtete. Verkaufsschlager waren Schallplatten und die ersten Radiogeräte. Fast damit zusammengebaut war das Bauer-Haus ("Kuch-Schreiner"). Bauer handelte mit Kaffee; seine Kundschaft reichte bis nach München. In den 1960er Jahren kaufte Allgemeinarzt Dr. Benno Muck das Gebäude und betrieb dort bis 1977 eine Praxis.

Nachbar war die Familie Schuller, "Gloser" genannt, mit ihrer Glaserei - auch mit Bleiverglasungen - und Zinngießerei sowie einem Geschäft mit Gemischtwaren und Dingen für das tägliche Leben, wie Porzellan und Kristallgläsern. Josef Schuller war Teilnehmer am Ersten Weltkrieg. Nach einer Verwundung musste ihm ein Bein abgenommen werden. Daraufhin wurde er Gemeindeschreiber. Zudem betrieb die Familie eine Landwirtschaft. Schullers Vater Ignatz war von 1920 bis 1924 Bürgermeister von Kirchenthumbach. Nur zwei Häuser weiter, im Schlossweber-Anwesen, wohnt noch heute die Familie Schecklmann. In dem Gebäude war eine Weberei untergebracht. Außerdem wurden auch Schnüre zum Wurstabbinden verkauft, das Knäuel für fünf Pfennige. Vom alten "Schlössl" steht noch ein Teil der Grundmauer mit einer Dicke von 1,5 Meter. Darauf steht jetzt die Garage vom "Gloser". Umgeben war das Schloss mit einem Wassergraben. Beim "Taler-Fröhlich-Lauber" war der Malermeister Baptist Fröhlich ansässig. Seine Frau Frieda (Lauber-Frieda) führte einen Laden, in dem sie alles rund um die Malerei verkaufte.

Es folgte das Ziegelwerk, das Karl Sporer und Franz Eckert gemeinsam betrieben. Etwas tiefer liegend findet man die Schlattermühle, zu der eine Bäckerei und eine Landwirtschaft gehörten. Das Mühlrad wurde mit Wasserkraft angetrieben. Josef Albersdorfer war nach dem Zweiten Weltkrieg Bürgermeister. Das Brotbacken wurde im Jahr 1989 eingestellt, das Mühlenwerk 1978. Das letzte Haus auf der linken Seite ist das "Stollner-Haus". Nach dem Krieg hatte Norbert Kleindienst in einem Nebengebäude eine Werkstatt für Fahrräder, Nähmaschinen, Zentrifugen etc. eingerichtet.

Erstes Haus auf der anderen Straßenseite ist das ehemalige Königliche Forstamt, ein dominantes Bauwerk, das nach dem großen Brand in Kirchenthumbach 1871 errichtet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte es Dr. Karl Heimberg als Wohnung und Arztpraxis, ehe er in der Gartenstraße ein eigenes Domizil errichtete. Viele Jahre war im "Alten Forsthaus" eine Schneiderei und Näherei untergebracht. Etwa 25 Frauen waren dort beschäftigt, ehe das Gebäude verkauft und jetzt für Wohnzwecke genutzt wird. Gleich daneben steht das Iberl-Haus, auch "Zum Hebammerer" genannt. Es folgt das Seemann-Anwesen, "Schneiderkanners'n". Quirin Seemann war Waldfacharbeiter, Landwirt und Fischzüchter. Er eröffnete 1955 ein Schuhgeschäft. Dahinter war das Haus der Familie Kirsch. "Der "Lipp" war ein gefragter Maurer und arbeitete als "Gutsmauerer" im Gut Luisenhof.

Nächstes Gehöft war die Gastwirtschaft Bayerische Ostmark. Der Schank- und Gasthofbetrieb wurde 1984 eingestellt. Der frühere Besitzer Karl Sporer ("Maurer-Korl") war während des Dritten Reiches Bürgermeister von Kirchenthumbach.

In unmittelbarer Nachbarschaft steht das "Gaggl-Anwesen". Der frühere Eigentümer Hans Paulus ("Taler") war bekannt für seine starken Pferde (Kaltblüter), die er auch gewerblich zum Einsatz brachte, etwa beim Transport von Holz. Untergebracht waren in dem Haus zudem eine Schneiderei sowie eine Raupenzucht zur Gewinnung von Seide. Das ehemalige Ackerbürgerhaus wird heute unter anderem für Veranstaltungen mit kulturellen und geschichtlichen Hintergründen genutzt.

Beim "Schuster-Michl" Peter Schuller - heute Peter Nürnberger - befand sich ab 1950 eine Schreinerei. Beim Nachbarn, auf dem "Wiesenfriedl"-Anwesen (Familie Schuhmann, vormals Schmidt), wurde eine Landwirtschaft betrieben. In diesem stattlichen Haus war auch ein Kolonialwarengeschäft untergebracht, wo man vom offenen Salzhering und Bückling über Bekleidung bis hin zu landwirtschaftlichen Handgeräten alles kaufen konnte. Vor dem Haus war eine Tankstelle eingerichtet. Beim "Stodlschuster" (Leipold) war Ignaz Leipold daheim. Er war Gemeindediener. Sein Sohn kündigte die Neuigkeiten mit der "Gmoischelln" (Amtsglocke) an.

Ziel vieler durstigen Kehlen war die Pesch-Bräu, heute Heber-Bräu, die der Bäckerssohn Hans Pesch im Jahr 1903 im "Beckadama-Garten", einem steilen Hang, errichtete. 1938 kaufte der Diplom-Braumeister Karl Heber die Brauerei. 1963 stellte er das Bierbrauen ein. Nach 35 Jahren Dornröschenschlaf hat sein Enkel Franz Sporer die Brauerei wieder aufgebaut. Seitdem gibt es dort das gute "Krawandorfer" Bier. Nachbarn sind die Familie Sporer, "Spordien" genannt, und die Familie Schuller (heute Goß), mit Hausnamen "Norbert'n". In unmittelbarer Nähe davon befand sich der Backofen für das "Krawandorf". Backen durfte nur, wer ein notariell beglaubigtes Recht dazu hatte.

Am Eingang zur Hirtengasse, heute Görglaser Straße, stand früher das Hirthaus. Darin wohnten während des Krieges der "Peter" und der "Jackl". Der Peter war einmal Ortsgespräch, weil er die "Hitler-Eiche", die unweit der Bergkirche stand, umgesägt hatte. "Mi hot gfrorn, ich hob a Hulz braucht", lautete seine Argumentation. Daneben wohnte der Holzhauer und spätere Straßenwärter Ludwig Steger mit seiner Familie. Es folgte der Hausmetzger Strauß, "Dallmoia-Tani", ehe das Schlöglhaus kam, wo einst eine Weberei war. Der Hausname "beim Kroher" (Fragner) leitet sich ab von Kleinhändler. Beim Fragner konnten die Bürger aus nah und fern Petroleum, Salz, Zuckersteine, Seile und vieles mehr einkaufen. Die Wirtsleute Hammer, später Friedl (Melber), handelten mit Mehl. Außerdem befand sich in dem Haus eine Fleischhauerei. Alois Friedl steuerte auch den von Pferden gezogenen Gemeinde-Leichenwagen. Bei den Familien Kroher und Friedl war die Landwirtschaft der Haupterwerbszweig. Beide Anwesen waren früher ein einziges.

In der Schloßgasse war der Maurermeister Baptist Zimmermann zu Hause, gegenüber wohnte der Maurer Schorsch Zimmermann. In sein Haus zog später der Schneidermeister Hans Lohner aus Pfaffenstetten ein, der zahlreiche Lehrlinge ausbildete. Ebenfalls in der Schlossgasse hatte Hans Rinnagl (Modauer) einen Zimmereibetrieb.

Pesch-Bräu.
Fragner-Haus.
Fragner-Haus.
"Krawandorf": Blick zur Kirche.
Schuller-Anwesen (Gloser).
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