12.04.2019 - 14:02 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Keusche Kätzchen: Über die Tradition der Palmbuschen

Wer in Keuschheit lebt, dem ist die Kirche wohlgesonnen. So wie dem Weidenkätzchen. Kein Wunder, ist sie doch die eiserne Jungfrau in der Pflanzenwelt.

In Palmbuschen gehören Weidenkätzchen, das ist für die meisten klar. Traditionell gehören aber auch Zeder-, Wacholder- oder Buchszweige hinein.
von Marion Espach Kontakt Profil

Einmal im Jahr stehen Weidenkätzchen im Mittelpunkt. Wenn Palmsonntag bevorsteht, werden überall fleißig Palmbuschen gebunden und geschmückt. Zu verdanken ist das der Kirche, weiß Robert Herl. „Sie hat den Brauch ungefähr im achten Jahrhundert eingeführt, Weidenkätzchen am letzten Sonntag der Fastenzeit zu verwenden“, erklärt der Gärtnermeister aus Kirchenthumbach, der sich auch sehr für Theologie interessiert.

Dass das Gewächs zum Sinnbild für den Einzug Jesu in Jerusalem wurde, liegt hauptsächlich an den botanischen Eigenschaften: An den Zweigen der Weidenkätzchen wachsen sowohl männliche als auch weibliche Blüten, die aber keine Früchte hervorbringen. „Für die Kirche ist das der Inbegriff von Jungfräulichkeit.“ Mit Religion hat das aber wenig zu tun, eher mit Genetik: „Weidenkätzchen sind nämlich eingeschlechtlich zweihäusig. So nennt man das“, erklärt der Gärtnermeister. Äpfel- und Birnenbäume dagegen seien eingeschlechtlich einhäusig, das heißt also, sie tragen Früchte.

Ein Pluspunkt der Weidenkätzchen war und ist aber nicht nur ihre zweigeschlechtliche Einhäusigkeit, sondern auch ihre Blühzeit. „Je nach Wetter treiben sie Anfang März, also schon relativ früh.“ Für die Gläubigen gerade zur rechten Zeit, als sie vor rund 2000 Jahren etwas suchten, mit dem sie Jesus huldigen konnten. „Sie wollten ihm einen würdigen Empfang bereiten. Eigentlich hätten sie dazu Palmenblätter verwenden müssen“, weiß Herl. Diese seien das Zeichen der Kaiser und Könige. Nur: In Jerusalem wachsen keine Palmen. „Wegen dem Klima. Die Menschen hätten ins über 140 Kilometer entfernte Jericho marschieren müssen, um an Palmblätter zu kommen.“

Ein weiter Weg, den die Gläubigen für ihren Messias auf sich nehmen hätten müssen. Mit leeren Händen wollten sie trotzdem nicht dastehen, wenn er in die hebräische Hauptstadt einzieht. „Da kamen ihnen die früh blühenden Weidenkätzchen genau richtig“, berichtet der Gärtnermeister. Also streuten sie eben das frühblühende Gehölz statt der kaiserlich-königlichen Palmenblätter auf die Straße. Dieser Notlösung verdanken die Kätzchen auch den allseits bekannten Namen „Palmkätzchen“. „Auch wenn sie weder Form noch Farbe von Palmen haben.“

Bis heute hat sich der traditionelle Palmsonntag gehalten. Vor allem das Palmbuschenbinden ist beliebt wie eh und je. Auch bei Robert Herl: Jedes Jahr, eine Woche vor Pfingstsonntag, bindet er viele Sträußchen, dekoriert sie mit bunten Bändern und selbst gemachten Papierblumen. „Insgesamt bin ich damit zwischen fünf und sechs Stunden beschäftigt.“ Und genauso wie das Binden selbst ist es für Herl inzwischen Tradition, die Sträußchen anschließend zu verschenken. „Ich spende sie an umliegende Pfarreien. Was sollte ich mit so vielen Buschen anfangen?“ Also behält er einen für sich, die übrigen können die beschenkten Pfarreien verkaufen. „Den Erlös dürfen sie behalten.“

Für den Kirchenthumbacher ist das Palmbuschenbinden die Möglichkeit, seine beiden Interessen zu verbinden: Gärtnerei und Glaube. „Eigentlich wollte ich Pfarrer werden, hätte zu den Domspatzen gehen sollen. Das war aber zu teuer.“ Also hat er doch lieber den Gärtnerberuf erlernt und sich damit begnügt, Ministrant zu werden und sich in seiner Freizeit mit der Theologie zu beschäftigen. Wie sollte Herl da nicht wissen, was es mit der Jungfräulichkeit der Weidenkätzchen auf sich hat.

Info:

Lebensräume für Bienen erhalten

Der Kirchenthumbacher Robert Herl hat schon zahllose Palmbuschen gebunden. Tipps zum Nachmachen will und kann er trotzdem nicht geben. Außer einen: „Hände weg von der Gartenschere.“ Nicht, um die eigenen Finger zu schützen, sondern die Bienen. „Schneidet man Zweige von Sträuchern und Bäumen ab, die im eigenen Garten, im Wald oder am Straßenrand wachsen, nimmt man den Tierchen wichtige Lebensräume“, betont Herl. Besser sei es, Weidenkätzchen in Gärtnereien oder Geschäften zu kaufen. „Deren Weidenkätzchen stammen aus extra angelegten Kulturen. Da kann man sich also ohne schlechtem Gewissen einige Äste holen.“ Der Gärtnermeister selbst habe so viele Bäume und Sträucher, dass es hinsichtlich der Bienen kein Problem sei, jedes Jahr Buschen für Palmsonntag zu binden.

Info:

Die sieben Komponenten der Palmbuschen

Noch heute feiern Christen am letzten Sonntag der Fastenzeit den Einzug Jesus’ in Jerusalem. Und wie schon bei den Menschen vor rund 2000 Jahren spielen dabei Palmzweige, oder besser gesagt Weidenkätzchen, eine wichtige Rolle – denn was wäre Palmsonntag ohne Palmbuschen? Je nach Region unterscheiden sich die Sträußchen, die anschließend geweiht werden, in Größe und Zusammensetzung. „Traditionell besteht er aus sieben Naturmaterialien“, erklärt Robert Herl. Laut dem Gärtnermeister gehören in einen echten Palmbuschen Zweige von Weidenkätzchen, Eibe, Stechpalme, Wacholder, Zeder, Buchs und Sademann.

„Wer möchte, kann die Wedel noch mit bunten Bändern oder Blumen dekorieren.“ Die Farbe Rot bietet sich besonders an, ergänzt er. „Das ist die liturgische Farbe, die Pfarrer und Ministranten an Pfingsten tragen.“ Herl weiß auch, warum: „In den Zweigen, die die Christen damals zu Ehren Jesu auf die Straße legten, hat sich das Sonnenlicht gebrochen, und die Zweige wirkten rot.“

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