10.06.2021 - 10:47 Uhr
KohlbergOberpfalz

Liebeswerben mit 90 Dezibel im Teich: Der kleinste Frosch quakt am lautesten

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Wenn es an Gewässern im Landkreis Neustadt quakt, sind die Frösche im Liebestaumel. Viele finden das beruhigend. Anderen geht es auf den Wecker. Aber wieso quakt ein Frosch? Diplombiologe Jürgen Holl vom Bund Naturschutz Neustadt klärt auf.

"Mein Name ist nicht Kermit, sondern ich bin ein Oberpfälzer Wasserfrosch."
von fsbProfil

ONETZ: Wer ist hauptsächlich für das Froschkonzert verantwortlich?

Diplom-Biologe Jürgen Holl: Zunächst einmal sind es nur die Männchen. Sie machen sich je nach Froschart mit Quaken, Knurren, Grollen, Trillern oder Meckern bemerkbar. Damit verteidigen sie ihr Revier, grenzen es ab und halten Rivalen auf Distanz. Wer am lautesten schreit, macht den größten Eindruck auf die Weibchen.

ONETZ: Und das geht dann den ganzen Sommer so?

Diplom-Biologe Jürgen Holl: Da manche Arten schon im Frühjahr laichen, andere erst im Juni/Juli, kann man ihrem Gequake bis in den Sommer hinein lauschen. Es gibt keine spezielle Tageszeit dafür, sondern eben die Zeit, in der sie eh aktiv sind. Lautester Rufer ist der kleine, nun seltene Laubfrosch, den man ohne Autolärm bis zu drei Kilometer weit hören kann. Bei uns habe ich den letzten vor 20 Jahren gesehen.

ONETZ: Wie schaffen sie es, so laut zu sein?

Diplom-Biologe Jürgen Holl: Fast alle Frösche und Kröten haben Schallblasen zur Erzeugung und Verstärkung der Töne, manche unter der Kehle, andere innere (wie der braune Grasfrosch) oder äußere auf jeder Kopfseite wie der grüngefärbte Wasserfrosch. Ist man unmittelbar in ihrer Nähe, können Frösche schon mit 90 Dezibel (db) Lautstärke, das entspricht einem laufenden Automotor, ordentlich Rabatz machen.

ONETZ: Was tun, wenn das Froschkonzert im Gartenteich stattfindet?

Diplom-Biologe Jürgen Holl: Nach Gerichtsurteilen muss ein Teichbesitzer seine Frösche umsiedeln, wenn das Gequake den Wert von 35 db in der Nacht um 20 db übersteigt. Da im Prinzip alle Amphibien unter Artenschutzrecht stehen, braucht man von der Naturschutzbehörde dafür eine Genehmigung – übrigens auch, wenn man die Tiere aus einem Weiher zu sich nach Hause holt. Dorthin dürfen sie nur von selbst zuwandern. Aber mit ziemlicher Sicherheit kommen die umgesiedelten Frösche wieder in ihr Biotop zurück.

ONETZ: Warum sind heute die Amphibien so stark bedroht?

Diplom-Biologe Jürgen Holl: Teilweise spricht man von einem Rückgang der Bestände um 60 bis 80 Prozent. Ihre Lebensräume verschwinden immer mehr. Ihre Wanderwege zwischen Sommer- und Winterquartier werden durch Straßenbau und Siedlungen zerstört, und die Frösche und Kröten vom Verkehr überrollt. Gewässer werden durch Dünge- und Spritzmittel sowie Umweltgiften aus der Landwirtschaft und Industrie belastet, und alles, was wasserlöslich ist, gelangt durch die Haut der Tiere, ihr äußerer Schutz des Immunsystems, hindurch. Hinzu kommt der Klimawandel mit heißen, regenarmen Sommern und winterlicher Trockenheit über längere Zeit. Da fehlt es an der notwendigen Luftfeuchtigkeit und bei zu schnell austrocknenden Kleingewässern geht der Laich zugrunde oder es ist für erwachsene Tiere schwer, eine andere Wasserstelle zu finden. Seit ein paar Jahren greift weltweit ein bestimmter Pilz die Schutzschicht der Haut an, verstopft die Poren und lässt das hauptsächlich durch die Haut atmende Tier ersticken.

ONETZ: Was kann man gegen die Bedrohung tun?

Diplom-Biologe Jürgen Holl: Zur Rettung der Amphibien gibt es Programme, wobei entsprechende Lebensräume hergerichtet, optimiert oder neu geschaffen werden. Zunehmend werden Gifte in der Natur verboten. Man legt bei den Wanderwegen der Tiere Röhren unter der Straße an, die allerdings nicht immer angenommen werden, weil es darin zieht und es eine andere Geräuschentwicklung gibt.

ONETZ: Welchen Nutzen haben Amphibien?

Diplom-Biologe Jürgen Holl: (lacht) Nach dem Nutzen bei irgendwelchen Lebewesen zu fragen, ist immer die falsche Frage. Wo liegt denn beim Menschen der Nutzen?

ONETZ: In einer Variante des Märchens "Der Froschkönig" wirft die Prinzessin den ekeligen Frosch an die Wand und der verwandelt sich in einen Prinzen. Muss man sich vor Fröschen ekeln?

Diplom-Biologe Jürgen Holl: (lacht) Das ist eine ganz individuelle Geschichte. Manche Menschen ekeln sich vor allen möglichen Tieren wie zum Beispiel Spinnen und Schlangen. Einen Frosch in die Hand zu nehmen, ist sicher für viele eine Überwindung, weil man es nicht gewohnt ist, dass ein Tier glitschig ist, man es nicht richtig festhalten kann – was man übrigens auch nicht tun sollte, weil dessen Haut durch unsere Bakterien in der Hand befallen werden kann.

ONETZ: Was beeindruckt Sie bei Fröschen?

Diplom-Biologe Jürgen Holl: Als wechselwarme Tiere können sie ihre Körpertemperatur nicht konstant halten, sind also von der Außentemperatur abhängig. Wenn sie sich im Winter unter das Laub, unter Steinhaufen und Baumstümpfen oder in ein Mäuseloch verkriechen (manche wie der Grasfrosch vergraben sich auch im Schlamm am Weihergrund), sind sie in einer Art "Stand-by"-Betrieb, bei dem sie fast keinen Stoffwechsel haben.

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Hintergrund:

Wissenswertes über Amphibien

  • "Amphibien" stammt von griechisch "amphi" (zweifach, verschieden) und "bios" (Leben); Tiere zu bestimmten Zeiten in zwei Lebensräumen: im Wasser und auf dem Land
  • Auch Lurche genannt; seit 1937 Comicfigur "Lurchi", die Schuhhersteller "Salamander" für Werbezwecke verwendet. Einer von Lurchis Freunden ist der Frosch "Hopps"
  • Lurche teilt man in zwei Gruppen ein: Schwanzlurche (Molche, Salamander) und Froschlurche (Frösche, Kröten, Unken)
  • Bei den Fröschen unterscheidet man nach Farben zwischen Braunfröschen (Gras-, Spring-, Moorfrosch) und Grünfröschen (Wasser-, Teich-, Seefrosch)

Nach dem Nutzen irgendwelcher Lebewesen zu fragen, ist immer die falsche Frage. Wo liegt denn beim Menschen der Nutzen?

 Jürgen Holl

Jürgen Holl

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