09.10.2019 - 16:02 Uhr
KohlbergOberpfalz

's G'frierheisl in da Schüpflgass

Die Kohlberger Gemeinschaftsgefrieranlage überdauerte die Zeiten. Bewohner erinnern sich an lustige Geschichten rund um das besondere Gebäude, das heute leer steht. Denn eine Gefriertruhe hat heutzutage jeder.

Das Kohlberger „G'frierhäusl“ aus den Wirtschaftswunderzeiten der 1950-er Jahre steht noch immer. Es werden aber schon längst keine Lebensmittel mehr darin gelagert. Rechts von der Eingangstüre waren früher noch zwei vergitterte Fenster in der Längswand.
von Autor JMLProfil

Für Kinder war in den 1950-er und 60-er Jahren die Kohlberger Schüpflgass ein großer Abenteuerplatz mit vielen Bäumen, Hecken, Brennnesseln, gut zum Verstecken und "Indianerles"-Spielen. Die, damals inoffizielle Bezeichnung hatte die Gasse von den langen Reihen kleiner Holzschuppen entlang des oft schlammigen Weges, der den Namen "Straße" nicht verdiente. Erst ab 1974 wurde daraus die jetzt gut geteerte Flurstraße. Aber dort gab es seit 1958 etwas ganz Neues für den Markt: die Gemeinschaftsfrostanlage, im Volksmund kurz "as G'frierheisl" genannt.

OWV-Vorsitzender Markus Müller besitzt noch etliche Belege, Pläne und Rechnungen aus dieser Zeit. Nach der Nazi-Herrschaft gab es damals auch bei uns die Aufbruchstimmung des beginnenden Wirtschaftswunders. Neue Vorstellungen, Maschinen und Techniken brachen sich Bahn. So auch die Idee, in den Orten Gefrierhäuser zum längeren Aufbewahren von Fleisch, Fisch, Käse und Gemüse zu bauen. "Im Kohlberger Ortsteil Weißenbrunn entstand die erste Anlage dieser Art im Landkreis", informiert der frühere Bürgermeister Karl Prösl.

Zank beim Sonntagsbraten

Bereits 1956 gründeten vorausschauende Landwirte auch im Markt eine Genossenschaft zum Betrieb der Gemeinschaftsgefrieranlage: Die "Kühlgemeinschaft Kohlberg" unter Führung von Johann Götz, dem "Gaßmichl-Hans". Für das 1958 ebenerdig errichtete Gebäude stellte er auch den Platz auf seinem Grund zur Verfügung. 12 Genossen unterschrieben damals den Kaufvertrag. In die Mitte des Raumes wurden zwei Reihen zu je elf Abteilen errichtet. Man konnte so jedes Fach bequem bestücken und wieder entleeren. Die Möglichkeit, ein halbes Gefrierfach zusammen mit jemand anderem zu mieten, wurde auch genutzt. Jedoch gab es da vereinzelt Zank, wenn zum Beispiel mal ein Sonntagsbraten "versehentlich" in der falschen Pfanne brutzelte. Und man musste den Umgang mit der neuen Technik erst lernen, wie Müller erzählt. Denn da habe jemand mal seine reifen Zwetschgen lose in das Fach gekippt, was sich beim späteren Rausholen als fataler Fehler erwies.

Die Firma Amberger Kühlanlagenbau, Gebrüder Schubert (AKA) lieferte die erforderliche Technik: luftgekühlte, mit Drehstrom angetriebene Motoren, die Kühlleitungen im Bodenbereich der 200 Liter Füllgut fassenden Boxen samt dem Raumluft-Entfeuchter. Der Kaufpreis: 13 860 D-Mark, die Kühltemperatur betrug minus 18 Grad Celsius. Aus dem Jahr 1964 besitzt Müller noch eine AKA-Rechnung über eine elektrische Abtau-Heizung mit 18 Heizstäben für die Frostanlage. Dabei hat es sich eventuell um den kleinen separaten Kühlraum gehandelt, der meist bei 3 bis 4 Grad über Null zum Abhängen von Schlachttieren gebraucht wurde.

"Nichts ist von Dauer"

Nicht so jedoch einmal im September. Da hat sich Walter Behrend, ein Kohlberger Händler beschwert. Der kaufte im ganzen Umkreis von den Höfen Eier, Geflügel, Kartoffeln sowie Waldfrüchte auf, um sie am Weidener Wochenmarkt anzubieten. Wie er schrieb, hat er für den üblichen Preis von zwei Mark den Raum für einen Tag gemietet, um Pilze darin zu lagern. Als er sie tags darauf holen wollte, lag die Raumtemperatur aber bei Minus sechs Grad, was den meisten seiner Schwammerln nicht gut bekommen war. Den entstandenen Schaden bezifferte Behrend auf 60 D-Mark. Ob er ihn ersetzt bekommen hat, ist nicht mehr feststellbar.

Aber nichts ist von Dauer. In den folgenden 20 Jahren traten die Hauskühltruhen ihren Siegeszug an. Sie hatten den großen Vorteil, dass man sein Kühlgut nicht mehr von einem entfernten Platz holen musste. Immer weniger Genossen nutzten da die Anlage in der Flurstraße. Die letzten Wartungsrechnungen stammen von 1978. Nach gut zwanzig Jahren wurde die Genossenschaft wohl um 1979 sang- und klanglos aufgelöst. Das unscheinbare Gebäude diente später als Gerätelagerraum. Zum 150-jährigen Jubiläum der Feuerwehr letztes Jahr spendierte man ihm sogar einen neuen Anstrich. Aufgrund einer Erbteilung ist das heute leerstehende "G'frierheisl" jetzt in auswärtigem Besitz.

Durch diese Türe ist schon länger niemand mehr eingetreten. Der Betrieb des Kohlberger G'frierhäusls“ erlosch so um das Jahr 1979. Türfüllung und Dacheindeckung sind noch aus dem Jahre 1958, als das Gebäude errichtet wurde.
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