09.04.2020 - 10:47 Uhr
KohlbergOberpfalz

Ein Schokohasen-Schicksal

Lassen Sie sich kurz in die Vergangenheit entführen. So Mitte der 1950er Jahre. Damals war bei uns Wohlstand noch ein Fremdwort, Mangel und Armut nach dem Krieg allgegenwärtig.

Ein Foto von dem riesigen Osterhasen von damals existiert natürlich nicht. Und heute tun es auch ein kleinere an Ostern.
von Autor JMLProfil

Süßigkeiten gab es für das etwa sechs Jahre alte Buschn-Hanserl und seine Freunde nur selten. Aber gut, für fünf Pfennige füllten die Kramer im Ort schon etliche Minznkugln in spitze kleine „Papierguggern“. Klar, dass sich die Kinder da ganz besonders auf die großen Feste wie Weihnachten, Ostern, die Kirwa und natürlich den eigenen Geburtstag freuten.

Beim Hanserl war das noch etwas anders. Der hatte tolle Paten in München. Die kamen zwar nur etwa alle zwei Jahre nach Kohlberg, denn auch sie mussten Mark und Pfennig zusammenhalten, schickten ihm aber zu frohen Ereignissen Päckchen mit wunderbaren Sachen. So auch kurz vor Ostern im Jahr seiner Einschulung. Da brachte der Post-Fritz ein längeres, dickes Packerl. Am Ostersonntag nach dem Kirchgang durfte der Bursch es vorsichtig auspacken. Was da zum Vorschein kam, ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen: Ein Riesenosterhase, bald 40 Zentimeter groß, aus verlockend brauner Milchschokolade, in glitzerndes Cellophanpapier gehüllt. Geradezu majestätisch saß er aufrecht da, die Löffel nach oben gereckt, aus dem Tragekorb am Rücken funkelten bunte Zuckerguss-Eierchen. So einen großen Schokohasen hatte er noch nie gesehen und in den ganzen drei, vier Kohlberger Läden gab es nicht einen, der auch nur halb so hoch wie dieser war. Ergriffen und dankbar saß der Bub lange davor, strahlte vor Freude.

Doch er wäre nicht das Buschn-Hanserl gewesen, hätte er nicht bald darauf versucht, das Kunstwerk zu vernaschen. Aber diese Idee wurde gleich von der Mutter gebremst. „Nix dou. Den stell ma ins Fenster, dass nan die andern Leit a segn“, bestimmte sie resolut. Sie nahm die Cellophanhülle samt Hasen und stellte ihn auf die straßenseitige Fensterbank zwischen ihre Blumentöpfe. Nun, bewundernde Blicke gab es die nächsten Tage genügend. Der Schokohase blieb stehen, sah so manchen Tag anbrechen und freute sich über die warme Vormittagssonne an seinem Ostfenster. Wenn die Mutter nicht daheim war, schlich das Hanserl öfter zum Fensterbrett, wollte dem Mümmelmann den Hals umdrehen oder wenigstens die langen Ohren wegbrechen und mampfen. Davon abgehalten hat ihn nur die dann zu erwartende Strafe, kurz „Iwerglegte“ genannt. So blieb das Schmuckstück also weiter im Fenster. Gefühlt bis nach Pfingsten. Nur seine Löffel neigte der Hase mit der Zeit immer weiter nach vorne. Eines Mittags jedoch stellte die Mutter dem Hanserl das Objekt seiner Begierde vor die Nase. Den schönen Hasenrücken, der ihn schon so lange entzückte, voraus. „Dou, den kannst äitz essn“, so die kurze Anweisung. Das Bürscherl konnte sein unverdientes Glück kaum fassen. Endlich durfte er den großen Superhasen genüsslich auf seiner Zunge zergehen lassen, die Ohren zuerst. Doch davor wollte er ihm wenigstens noch einmal ins Hasengesicht schauen. Er drehte das Schmuckstück um und erschauerte! Die ganze Vorderseite sah aus wie eine verschimmelte Scheibe Brot. Da hatte die Sonne ganze Arbeit geleistet, alles grau-braun, löchrig und verlaufen. Der Bub schüttelte sich vor Grausen. Den einigermaßen intakten Hasenrücken hat er dann aber doch gefuttert, samt Schokokorb auf dem Rücken, bei uns „Buglkirm“ genannt. Bleibt noch nachzutragen, dass dies ein später Dank an die Paten ist, ein „Entschuldige“, weil die Mutter hier nicht gut wegkommt und – falls es auch für Osterhasen ein Paradies gibt – ein freundliches „Hallo“ an seine riesige Schokoseele.

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