19.04.2020 - 13:17 Uhr
KonnersreuthOberpfalz

Zwei beherzte Frauen hissen die weiße Fahne

Am 20. April vor 75 Jahren wurde Konnersreuth massiv beschossen. Therese Neumann und Pfarrer Joseph Naber konnten sich retten. Pater Benedikt Leitmayr zelebriert am Montag einen Gedenkgottesdienst.

Therese Neumann (Zweite von rechts) und Pfarrer Joseph Naber (links) im Gespräch mit zwei US-Soldaten nach der Befreiung von Konnersreuth.
von Josef RosnerProfil

An keinem anderen Ort im Stiftland hat sich das Ende des Zweiten Weltkriegs so massiv ausgewirkt wie in Konnersreuth. Der damals 1100 Einwohner zählende Marktflecken stand im Mittelpunkt des Kampfes zwischen einer SS-Truppe und den Amerikanern, worunter Konnersreuth stark leiden musste. Den Kämpfen fielen damals zwei Konnersreuther, eine Flüchtlingsfrau und drei deutsche Soldaten zum Opfer, schrieb der jüngst verstorbene Kreisheimatpfleger Robert Treml in der 2018 neu herausgegebenen Konnersreuther Ortschronik. Therese Neumann und Pfarrer Joseph Naber konnten sich retten.

Ohne Gläubige

Am Jahrestag des Beschusses vor 75 Jahren erinnert Pfarrseelsorger Pater Benedikt Leitmayr mit einem Gedenkgottesdienst ab 19 Uhr in der Pfarrkirche an die Geschehnisse. Leider darf der Gottesdienst wegen der Coronakrise von den Gläubigen nicht besucht werden.

Wie Robert Treml in der Konnersreuther Ortschronik berichtet, gibt es über den 20. April 1945 in Konnersreuth eine Reihe von verschiedenen Darstellungen. Treml stützt sich auf die Aufzeichnungen von Historiker Toni Siegert, der das Kriegsende in Konnersreuth genauestens erforscht hat. Schon seit Monaten lag damals eine Wehrmacht-Genesungskompanie aus dem Raum Koblenz in Konnersreuth, die sich mit der Bevölkerung gut verstand. Etwa eine Woche vor Kriegsende nistete sich vor Ort eine Einheit der Waffen-SS ein, die am 19. April den Ort nach der stigmatisierten Therese Neumann durchkämmte, um diese aufzugreifen. Dies misslang aber, weil sich die Resl verborgen hielt.

Drei US-Kampfbomber

Am Nachmittag des 20. April 1945 eröffnete die SS mit leichter Artillerie das Geschützfeuer, während vom Westen her die Amerikaner heranrückten. Als die Amerikaner das Geschützfeuer bemerkten, begannen sie sofort mit dem Beschuss. Der Widerstand der Deutschen war so hartnäckig, dass sogar drei US-Kampfbomber eingriffen und im Luft-Boden-Kampf drei deutsche gepanzerte Fahrzeuge vernichteten, informiert die Chronik. In der Nacht zum 21. April brannten 40 Gebäude nieder; andere Meldungen freilich sprechen gar von 130 Gebäuden, dies wäre ein Drittel der Ortschaft gewesen. Getroffen wurden die Kirche, der Pfarrhof und das Neumann-Haus. Zahlreiche Konnersreuther waren in benachbarte Orte oder in die umliegenden Wälder geflüchtet. Zwei beherzte junge Frauen, so berichtet die Chronik, stiegen später auf den Kirchturm, um dort eine weiße Fahne anzubringen.

In letzter Minute

Therese Neumann selber verbrachte den 20. April zusammen mit Pfarrer Joseph Naber und einigen Kindern in einem behelfsmäßigen Bunker im Kellerraum des Pfarrstadels. Ausgerechnet vor dem Eingang zum Kellerraum brannte durch den Beschuss ein Holzstoß. Sprichwörtlich in letzter Minute gelang es der Resl, zusammen mit ihren Begleitern in den Keller zu flüchten.

Robert Treml erinnert in seinem Beitrag daran, dass die SS-Einheit offenbar ganz bewusst billigend in Kauf nahm, dass die Zivilbevölkerung von Konnersreuth zu Schaden kam. Denn nur so hätte es die Chance gegeben, die bis dahin noch nicht gefundene Therese Neumann in den letzten Stunden des "Dritten Reiches" auszuschalten.

Die SS-Truppen hatten längst das Weite gesucht, als die Amerikaner in das brennende Konnersreuth einrückten. Nachzulesen ist auch: Der leitende US-Offizier erkundigte sich sogleich nach Therese Neumann, besuchte sie und zeigte ihr eine strategische Karte, nach der versucht worden war, Konnersreuth zu verschonen. Den Amerikanern waren die Geschehnisse um Therese Neumann längst bekannt. So zögerten die US-Soldaten nicht, der Bevölkerung, wenn auch nur notdürftig, zu helfen.

Kinder posieren vor der Pfarrkirche, wo Einschusslöcher deutlich zu sehen sind.
Total zerstört war das Stammhaus des Backhauses Kutzer (links im Bild) am Pfarrer-Naber-Platz.
Nur noch die Außenhaut stand von der Gastwirtschaft „Kouh-Lenzen“.
Ein Großteil der Gebäude in der Marktgemeinde Konnersreuth war durch den Beschuss vom 20. April 1945 zerstört.
Ganze Häuserfronten waren zerstört.
Das Anwesen in der Hauptstraße 4 glich einem Trümmerfeld.
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