09.11.2020 - 12:10 Uhr
KulmainOberpfalz

Vor 20 Jahren wehrten sich die Kulmainer gegen Mobilfunk

Ein Rückblick erinnert an 20 Jahre Mobilfunk in Kulmain. Er ist geprägt von Ablehnung über ohnmächtige Duldung - bis hin zur vergessenen Akzeptanz.

Gegen den Mobilfunk regte sich in Kulmain Widertand, hier ein Bild aus dem Jahr 2005.
von Arnold KochProfil

Der Schock bei den Anwohnern im Bereich des Höhenweges und der Schulstraße in Kulmain am 11. Dezember 2000 war groß: Auf dem Anwesen Höhenweg 4 errichtete der Mobilfunkbetreiber T-Mobile in einer Nacht- und Nebelaktion zwei Mobilfunkmasten. Tags darauf machten nicht nur die Nachbarn der Baustelle und besorgte Mütter von Kindergarten- und Schulkindern und weiter entfernte Nachbarn gegen die in Bau befindliche Antennenanlage, sondern auch im größeren Umkreis mobil.

Ermittlungen und Rücksprachen mit dem Kreisbauamt ergaben damals, dass der Mobilfunkbetreiber aus Nürnberg die beiden rund fünf Meter hohen Sende- und Empfangsmasten genehmigungsfrei errichten durfte. Der Mobilfunkbetreiber war nur gegenüber der Regulierungsbehörde für Telekommunikation verpflichtet, das Einhalten der Grenzwerte nachzuweisen, um die Betriebserlaubnis zu erhalten. Die Anmeldung der Anlage beim Landratsamt war lediglich Formsache. Daraufhin gründete sich in Kulmain ein Initiativkreis Mobilfunk, der gegen die Mobilfunkmasten und die von ihnen ausgehende Strahlenbelastung mobil machte.

Kurz vor Weihnachten 2000 war die erste Info-Veranstaltung zum Thema Mobilfunk im voll besetzten Haus des Gastes. Schwere Geschütze gegen die Mobilfunkbetreiber und Gesetzgeber, die Schäden durch Mobilfunkstrahlung für Mensch und Tier zulassen würden, fuhr damals ein Heilpraktiker und Baubiologe als Referent der "Bürgerwelle e.V." auf: Er beschuldigte die Betreiber von Mobilfunkanlagen, sich nichts um die Gesundheit der Bürger zu scheren und mit einseitiger Info-Politik Grundstücksbesitzer mit lukrativen Pachtverträgen zu locken. Ihm hingegen wurde vorgehalten, als Angstschürer und geistiger Brandstifter bei anderen Auftritten agiert zu haben.

"Angst um Gesundheit"

Der damalige Landtagsabgeordnete Herbert Rubenbauer (CSU) erläuterte die gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen für Strahlenschutz und Ausbau des Mobilfunknetzes. Die bayerische Staatsregierung hatte damals beschlossen, bis zum Jahr 2005 50 Prozent der bayerischen Bevölkerung mit UMTS zu versorgen.

Zum Diskussionsabend waren da: streitbare Bürger, Politiker, ein mit Bürgerwelle-Argumenten umherwerfender Experte. Jedoch eine wichtige Konsenspartei fehlte: Die Telecom-Tochter T-Mobile nahm nur schriftlich dazu Stellung: "Nachdem die 'Bürgerwelle' durch sie (Gemeinde) ein Forum bekommen hat und mit wissenschaftlich ungesicherten Erkenntnissen vorschnell Ängste und Verunsicherung unter der Bevölkerung gebracht hat, sehen wir keine Möglichkeit mehr, diesen Ängsten durch sachliche Information zu begegnen."

Seit Oktober gibt es eine Karte, die alle Mobilfunknetze in Deutschland darstellt

Deutschland und die Welt

Ein brodelndes Gemisch aus versteckter Angst und aufkeimender Wut über die Nacht- und Nebelaktion und der gemeinsame Wille, gegen die Inbetriebnahme der Mobilfunkantennen mit allen Mitteln vorzugehen, hatte eine Interessengemeinschaft Kulmainer Bürger ins Leben gerufen. "Wir haben Angst um unsere Gesundheit und die unserer Kinder" argumentierten die Anlieger sachlich aber auch emotional. Der Initiativkreis traf damit genau die Ängste aller Anwesenden, die mit allen Mitteln gegen die Inbetriebnahme und für den Abbau der Mobilfunkanlage kämpfen wollten. Die BI forderte mit Unterstützung der Gemeinde den Abbau der Anlage, um das sowieso schon vorhandene Gefahrenpotential durch die Mobilfunkstrahlung mitten in einem Wohngebiet so gering wie möglich zu halten.

Live-Sendung im Radio

Rund 530 Bürger unterschrieben damals die Unterschriftenliste der BI. Selbst die Besitzerin des Gebäudes, auf dem die Antennen aufgebaut worden waren, wollte die Mobilfunkanlage nicht mehr. Der eingeschaltete Rechtsanwalt bearbeitete einen Schriftsatz, der den ersten rechtlichen, aber insgesamt erfolglosen Schritt gegen die beiden D-1-Antennen bedeutete.

Der Bayerische Rundfunk sendete im Juli 2001 im Radio live aus Kulmain. Das Thema der Veranstaltung hieß "Mobilfunk nein danke - Das Dorf Kulmain muss strahlenfrei bleiben". Eingespielt wurden Interviews der Hausbesitzerin, Beiträge von Aktivistinnen des Initiativkreises Mobilfunk, Betroffenen und Bürgern sowie eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus den Bereichen Gesundheit, Management/Wirtschaft und der Gemeinde. In Interviewzuspielungen kamen moderiert von Uli Hesse und ihrer Kollegin Nortrud Semmler auch ein Öko-Landwirt, die Hausbesitzerin und Kulmainer zu Wort. "Industrie und Mobilfunkbetreiber bauen auf Resignation" meinte Dr. Bernd Lukas 2002 bei einer Info-Veranstaltung zum Thema Elektrosmog.

Rauskommen tut dabei nichts, die stecken doch alle unter einer Decke. Wenn schon eine Genehmigungsbehörde sich selbst untersucht und die selbst festgesetzten Messwerte mit eigenen Bediensteten misst, der glaubt man nicht.

Anlieger und Passanten

Im bundesweiten Messprogramm für Mobilfunkstrahlung und auf Forderung von Gemeinde und BI erfolgte 2003 eine rund dreistündige Messreihe durch die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post. Zwei Techniker hatten den Messwagen und Antennen am Höhenweg aufgestellt, um die Mobilfunkstrahlung der auf dem Anwesen Höhenweg 4 installierten Mobilfunksende- und -empfangsanlage zu messen. Einzuhalten waren die durch die Umweltschutzbehörde der Bundesregierung festgelegten Werte der 26. Bundesimmissionsschutzverordnung. "Rauskommen tut dabei nichts, die stecken doch alle unter einer Decke", war damals die Meinung einiger Anlieger und Passanten. "Wenn schon eine Genehmigungsbehörde sich selbst untersucht und die selbst festgesetzten Messwerte mit eigenen Bediensteten misst, der glaubt man nicht", war deren Meinung.

Volksbegehren 2005

Nach längerer Zeit vermeintlicher Ruhe regte sich 2005 wieder öffentlicher Widerstand gegen den Mobilfunk im Ort. Auslöser der Aktion des "Initiativkreises gegen Mobilfunk" war die laufende Unterschriftenaktion für ein Volksbegehren zum Thema Genehmigungspflicht für Mobilfunkmasten.

Die jahrelangen Proteste verliefen allmählich im Sande und der löchrige Mantel des Vergessens senkte sich über den Mobilfunk bis 2010. Nachdem der Vertrag für die beiden Mobilfunkantennen nicht mehr verlängert worden war, gab es doch noch eine Genugtuung und späten Erfolg für die Protestbewegung und ein großer Stein fiel den Mobilfunkgegnern, umweltbewussten und strahlungssensiblen Kulmainer Bürgern vom Herzen: Eine Spezialfirma baute die Mobilfunkstation auf dem Anwesen Höhenweg 4 ab. Ein Autokran hievte die beiden rund fünf Meter hohen Mobilfunkmasten vom Dach des Zweifamilienwohnhauses, die Einspeisungsleitungen wurden entfernt und zuletzt die Schalt- und Trafostation auf den Lkw verladen und abtransportiert. Damit war nach zehn Jahren Mobilfunkbetrieb ein vielfach diskutiertes Ärgernis von Bürgerschaft und Lokalpolitik beseitigt und Kulmain für kurze Zeit wieder eine "mobilfunkmastfreie" Zone. Aber der Mobilfunkfortschritt ließ sich nicht aufhalten.

Erneuter Widerstand

Die Gemeinde hatte im Sommer 2011 den Bauantrag zur Errichtung eines 30 Meter hohen Antennenmastes aus Schleuderbeton-Fertigteilen samt Systemtechnikcontainer abgelehnt. Aus ihrer Sicht trug der Antragsteller den Belangen des Naturschutzes und der Landschaftspflege nicht genügend Rechnung und der Hausberg würde verunstaltet. Auch bei den Bürgern regte sich erneut Widerstand ob der befürchteten Strahlenbelastung durch die Mobilfunkantennen, nachdem 2010 der Mobilfunkmast nahe des Kindergartens abgebaut worden war. Nach 15 Monaten Bearbeitungszeit hat das Landratsamt das Bauvorhaben genehmigt und die fehlende Zustimmung der Kommune durch die Genehmigungsbehörde ersetzt. Die Genehmigung hatte sich wegen der Forderung des Kreisbauamtes, einen landschaftspflegerischen Begleitplan des Antragstellers Deutsche Funkturm GmbH aus Nürnberg vorzulegen, verzögert.

Mit der Inbetriebnahme wurde die seit drei Jahren bestehende Versorgungslücke für den Bereich Kulmain und Umgebung geschlossen, der aus Sicht der Mobilfunkbetreiber beste Empfangs- und Sendequalität gewährleistet.

Hintergrund:

Kommentar von 2010: "Mobilfunk-Spargel"

Unser freier Mitarbeiter hat 2010 einen Kommentar verfasst, der sich im Folgejahrzehnt bewahrheitete:

Mit dem Abbau der Mobilfunkantennen ist zwar das Thema unmittelbarer Gesundheitsgefahren durch Funkstrahlung direkt vor Kindergarten, Schule und den Haustüren vieler Bürger in Kulmain vorerst erledigt. Jedoch niemand weiß, wo und wann der nächste Mobilfunk-Spargel wächst. Die Mobilfunkbetreiber halten sich hierbei bedeckt.

Auch die Gemeinde weiß von neuen Standorten nichts, obwohl sie informiert werden muss. Doch eins dürfte sicher sein: Aufgrund des weiteren Ausbaues des Mobilfunknetzes und neuer Technologien wie UMTS, Internet via Funk und LTE (Long Term-Evolution) sowie digitaler Behördenfunk ist der Ausbau von neuen Sende- und Empfangsstationen unabdingbar, um die flächendeckende Versorgung auch auf dem Land sicher zu stellen. Dabei dürfte die übliche Meinung „Überall, aber nicht vor meiner Haustür“ kaum mehr nützen.

Messwagen 2003 (im Hintergrund Mobilfunkantennen)
Funkmast 2015
Mobilfunkantennenabbau 2010
Abbau Herbst 2010
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