04.01.2019 - 14:43 Uhr
KulmainOberpfalz

"Beim Daddy" ist fertig

Was 2014 mit dem Erwerb des mit einer ehemaligen Gaststätte samt Wohnhaus bebauten Grundstücks im Zentrum von Kulmain begann, sieht seiner Fertigstellung entgegen

von Arnold KochProfil

(ak) Mit finanzieller Unterstützung durch Fördermittel aus dem Bayerischen Städtebauprogramm schuf die Gemeinde im Leerstandmanagement einen sehenswerten Freiraum in zentraler Lage nach dem städtebaulichen Entwicklungskonzept. Im durch den Freistaat aufgelegten Förderprogramm "Ort-schafft-Mitte" hatte die Kommune versucht, für die Achse Haus-des-Gastes, Daddy-Haus und Speckermühlplatz staatliche Fördermittel zu erhalten. Erst im zweiten Versuch konnte die Verwaltung in der Gesamtkonzeptplanung für das Städtebauprogramm bei der Regierung der Oberpfalz als Förderstelle punkten.

Im integrierten Gemeindeentwicklungskonzept (INSEK) steckte Kulmain im Stärke-Schwächen-Profil und bei der Bestandsanalyse Sanierungs- und Entwicklungsbedarf im Ortszentrum fest. Ein zentraler Punkt dabei war die Umnutzung oder Beseitigung des Daddy-Hauses.

Kirche im Mittelpunkt

Nach Erhalt der Fördermittelzusage erwarb die Kommune das Anwesen. Bei der Abwägung der städtebaulichen Entwicklungschancen und des Gebäudebestandes entschieden sich die Verantwortlichen, das Gebäude abzureißen und im Ortszentrum eine Freifläche für Rast, Aussicht und vielleicht kleine Vereinsfeste zu gestalten. Die Möglichkeit, das Gebäude zu sanieren und weiter als Wohnhaus zu nutzen, wurde wegen des hohen finanziellen Aufwandes verworfen.

Zudem sprachen die Lärmbelastung, die starke Hanglage und die schwierigen Zufahrtsverhältnisse dagegen. Als neues Ziel wurden der Gebäudeabriss und das Schaffen eines öffentlich begehbaren Aussichtspunktes gesetzt. Damit würde die Pfarrkirche weiter in den visuellen Mittelpunkt aus südlicher Richtung rücken.

Das bereits mehrere Jahre zuvor unbewohnte Daddy-Haus war im Sommer 2016 abgerissen und das Baufeld freigeräumt worden. Noch im Herbst mauerte die Gemeinde die hausseitigen Zugänge zum südöstlichen Keller aus Sicherheitsgründen zu. Er erhielt eine Belüftungsöffnung.

Vor dem Baubeginn im Frühjahr 2017 stimmte die Kommune die überarbeitete Planung mit der Regierung. Mitte Mai begannen die Bauarbeiten mit der Sanierung der bestehenden Grundstücks- und Außenmauern. Das bestehende Sandsteinmauerwerk wurde freigelegt, gesäubert, verkeilt und neu verfugt. Die alten Fundamentmauern des Hauses mauerte man bis zu einer Höhe von rund 60 bis 80 Zentimeter wieder auf.

Das Mauerwerk erhielt ringsum eine sandsteinfarbene Betonplatte aus Ortbeton. Darin eingebettet ist die Stromversorgung für eine mögliche indirekte Beleuchtung. Die bestehende Granitmauer wurde neu verfugt und ergänzt. Die beiden nordwestlichen Felsenkeller erhielten neue Eisengittertore. Mittels Kernbohrungen von oben durch den massiven Sandstein wurden für zwei Keller Luftdurchlässe zur Dauerbelüftung geschaffen. Den vorgefundenen Kellerbrunnen verfüllte man mit Schotter, den während der Bauarbeiten vorgefundenen weiteren Keller schloss man mit Quellbeton.

Bei Vermessungsarbeiten stellte die Gemeinde fest, dass auch ein vierter Keller an der Südostgrenze des Grundstückes der Kommune gehört. Aufgrund der in die Kellerdecke hineinlaufenden Lehmschichten ist jedoch dessen Sanierung sehr aufwendig, so dass nur der Eingangsbereich saniert wurde.

60 Prozent Förderung

Die Grundmauern des Daddy-Hauses wurden mittels Betonriegeln wieder hergestellt, um das alte Ausmaß sichtbar zu machen. Parallel zur straßenseitigen Granitmauer entstand eine nach Südosten im Gelände auslaufende Granit- und Sitzstufenreihe. Der Platz zwischen der Granitmauer und den neuen Stufen wurde mit Kleinsteinpflaster belegt, der Auffahrtsbereich und die Ruhezone gepflastert.

Die Rasenfläche an der Grundstücksecke zum Burgweg ist bereits angelegt. Auch die südlich der neuen Treppe gerodete Freifläche erhielt eine Bepflanzung. Um darauf auch mal ein kleines Fest feiern zu können, erhielt die Anlage einen Stromanschluss mit eigenem Zähler, Stark- und Lichtstromsteckdosen.

Die Wasserversorgung ist durch einen Unterflurhydranten gewährleistet. Die Eselstreppe an der Südostseite des Grundstückes samt Stufenanlage am Gehweg an der Hauptstraße stellt eine begehbare Kurzverbindung zum Burgweg dar. Die Gesamtkosten zur Neuanlage des Daddy-Areals betrugen rund 260.000 Euro mit einer Förderung von 60 Prozent.

Info:

Geschichte des Daddy-Hauses

Das Anwesen Hauptstraße 26, vielfach bezeichnet als „Beim Daddy“, war als Wohnhaus konzipiert. Sein Alter kann auf rund 150 bis 200 Jahre geschätzt werden. Auf einer Lagekarte von 1860 ist das Daddy-Haus eingetragen. Selbst auf der ältesten handgemalten Kulmainer Ortsansicht, dem Wendelinsbild aus 1817, ist in der Lage ein giebelseitig zur Hauptstraße hin ausgerichtetes Gebäude zu erkennen. Im Grundsteuerkataster Kulmain von 1842 findet sich dazu folgender Hinweis: Haus Nr. 30; Ambros Wiesend, 1/8 Elsenhof „beim Federl“ – am 12. November 1841 von der Bauerswitwe Anna Schraml für 3200 fl erkauft.

Als wahrscheinlich gilt, dass das unmittelbar im Kirchenumgriff stehende Gebäude wie weitere 23 Häuser und 29 Scheunen samt Pfarrkirche, Pfarrhof, das Goebelsche Schlößchen und das Schulhaus dem verheerenden Brand am 27. und 28. Juli 1834 zum Opfer fiel. Belegt ist, dass die Brandleider versichert waren und die Häuser schnell wieder errichtet wurden. Gleiches kann auch für das Daddy-Haus gelten. Damals flossen 58 000 Gulden „Assekuranzgelder“ an die Geschädigten.

Um die Geschichte des Namensgebers des Daddy-Hauses etwas zu beleuchten, sei gesagt, dass Andreas Kreuzer kam am 25. August 1897 auf dem Anwesen Hausnummer drei in Kulmain als Sohn des Metzgers und Flaschenbierhändlers Michael Kreutzer und seiner Ehefrau Barbara, geborene Plannerer zur Welt. Er verdiente sein Auskommen als Händler und heiratete 1929 die 1902 geborene Schreinertochter Hildegard Rauch. Beide wanderten unmittelbar danach nach Amerika aus uns suchten dort ihr Lebensglück.

Bereits zehn Jahre später kehrte die Familie Kreuzer kurz vor Kriegsbeginn in ihren Heimatort zurück und kaufte das Daddy-Anwesen. Vorbesitzer war ein Hans Kreutzer. Bis in die 70er Jahre betrieb Andreas Kreuzer Handel mit gesammelten Beeren, Tierfellen, Wildbret, Gemüse und mehr. Seine Frau Hildegard hatte im Kellergeschoss des Hauses einen kleinen Lebensmittelladen. Zudem verkauften sie mit einem VW-Bus Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfes in den umliegenden Ortschaften. Auch ein Kleinlastwagen mit Holzvergaser kam zum Waren- und Personentransport zum Einsatz, der von Hans Schöpf aus Zinst gesteuert wurde. Andreas Kreuzer hatte nämlich keinen Führerschein, aber gute Englischkenntnisse. So fungierte er in den Nachkriegsjahren oftmals als Dolmetscher. Auch bei Raufhändeln mit GI’s waren seine Englischkenntnisse zum Schlichten von Vorteil.

Bekannt wurde „Beim Daddy“ als Wirtshaus. Ende der 40er bis in die 70er Jahre war das Lokal nach einem Umbau 1946 mit Anbau von Toiletten ein nicht wegzudenkender Mittelpunkt des Kulmainer gesellschaftlichen und Wirtshauslebens. Dort wurden im Wirtshaus samt Nebenzimmer lange Faschingsnächte gefeiert und mancher erlebte dort eine durchzechte und durchkartete Nacht. Der Besuch der neu eingerichteten Bar im Dachgeschoss war ein Muss für Kulmainer Burschen und ihrer Liebschaften.

Als einer der ersten besaß das Café Kreuzer („Beim Daddy“) einen Fernseher, der zum Treffpunkt von Fernsehübertragungen bei Welt-, Europa- und deutschen Meisterschaften wurde. Das Rehragout von Ehefrau Hildegard war bei den jährlichen Jagdessen – Andreas Kreuzer war Jäger – hoch geschätzt. Mancher feierte am Sonntagmorgen die Henkelmesse (Frühschoppen) beim Daddy anstatt in der nahen Kirche und ließ sich später den Inhalt der Predigt kurz berichten. Lina Seitz war damals Bedienung im Café Kreuzer, arbeitete im Laden und lebte bei der kinderlosen Familie Kreuzer. Sie fuhr den VW-Bully beim Lebensmittelverkauf in den umliegenden Orten. Viele Geschichten, Streiche und Späße der Wirtshausbesucher ranken sich um das Daddy-Wirtshaus, an die sich vor allem die älteren Ortsbewohner noch erinnern.

1978 starb Andreas Kreuzer im Alter von 81 Jahren in Kulmain, seine Ehefrau Hildegard 1995 in Kemnath. Christine Meyer erwarb 1981 das Daddy-Haus und führte die Gastwirtschaft als Bierstüberl weiter. Nach ihrem Tod 2005 schlief das Wirtshausleben zusehends ein und Tochter Hannelore Hawkins veräußerte „Beim Daddy“ 2014 an die Gemeinde. Künftig werden nur mehr die Außenmauern und eine noch fehlende Hinweistafel auf das ehemalige Wirtshaus erinnern.

Übrigens: Der Name „Beim Daddy“ kommt von der Anrede von Hildegard Kreuzer an ihren Mann, den sie immer Daddy, auf deutsch Papa nannte. Ein Überbleibsel aus der USA-Zeit, das mehr als eine Generation überdauerte.

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