13.07.2020 - 13:26 Uhr
KulmainOberpfalz

Dank Millionen-Projekt: Kulmain 25 Jahre ohne Hochwasser

Vor einem Vierteljahrhundert wurde das bis dahin größte Bauprojekt der Gemeinde seiner Bestimmung übergeben. Am Donnerstag, 13. Juli 1995, feierte sie den Abschluss der Hochwasserfreilegung für Kulmain.

von Arnold KochProfil

Nach acht Jahren Bauzeit hatten sich zur Fertigstellung der Hochwasserfreilegung hochrangige Gäste aus dem Landkreis, Bezirk und Freistaat zur Abschlussfeier eingefunden. Damit endete vor 25 Jahren das bis heute größte kommunale Bauprojekt. Der damalige Bürgermeister Hans Gerd Reindl begrüßte dazu im Haus des Gastes auch den per Hubschrauber angereisten Staatssekretär im Umweltministerium, Herbert Huber, der mit Albert Göttle von der Obersten Baubehörde das Land Bayern vertrat. Neben Landrat Karl Haberkorn und Bezirkspräsident Alfons Metzger waren auch Vertreter des planenden und bauüberwachenden Wasserwirtschaftsamtes, der Baufirmen sowie Anlieger der Bachausbaustrecke zugegen.

In seiner Festrede betonte Reindl damals, dass der Bachlauf zu einer Hauptschlagader des dörflichen Lebens in Kulmain und durch die vielfältige Gestaltung erlebbar wurde. Den Ausbau hätten die Bürger akzeptiert. Die vielen ökologischen Ausgleichsvorhaben und Neuanpflanzungen führten die „Grüne Lunge des Ortes“ wieder zur Hauptaufgabe des begrünten Bachlaufes zurück.

Einweihung zum Priesterjubiläum

Die Gäste marschierten zur Einweihung entlang des Bachlaufes zur Flutmulde am Kinderspielplatz Birkenbühl, wo sie die Ebnather Fichtelgebirgskapelle musikalisch begrüßte. Dort erläuterte der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes, Manfred Ruthner, die technischen Details. Die Klassen 1 und 5 der Volksschule Kulmain übernahmen in den nächsten Jahren die Bachpatenschaft und beobachteten die ökologische Entwicklung entlang des Dorfbaches. Das Gesamtprojekt weihte Pfarrer Richard Krieglsteiner, der am gleichen Tag 40-jähriges Priesterjubiläum gefeiert hat, am Hochwasserdamm nahe des SV-Sportgeländes. In seinen Segensworten betonte er den hohen Wert des Wassers als kostbarstes Gut für das Leben.

Gebietsübergreifender Schutz

Staatssekretär Huber beglückwünschte die Gemeinde zu diesem Kraftakt. „Die Hochwasserfreilegung des Ortes Kulmain ist ein Paradebeispiel für den Hochwasserschutz, dem der Freistaat im letzten Jahrzehnt Priorität bei der Finanzierung eingeräumt hat.“ Den gebietsübergreifenden Schutzwert der Maßnahme hob Landrat Haberkorn hervor. Baudirektor Klaus Jäger von der Direktion für Ländliche Entwicklung aus Bamberg zeigte die bodenordnerische Hilfe für die Grundbereitstellung durch die Flurbereinigung auf und erwähnte die perfekte Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt Weiden. Altbürgermeister Haßmann ließ nochmals die Planungs- und Entwicklungsphase Revue passieren, bevor die Gäste unter dem weiß-blauen Himmel ins Zelt am SV-Sportgelände strömten.

Die Abflussspitzen nach Fertigstellung des Rückhaltebeckens am Bremenbach zeigten bis zur Gesamtfertigstellung bereits Erfolg. Nicht nur für den Ortsmittelpunkt ist das Projekt von unschätzbarem Wert, sondern auch für die unterliegenden Kommunen, vornehmlich auch für die Stadt Kemnath. Allerdings konnte der bisher über ein Privatgrundstück führende Fußweg zwischen Oberbrucker Straße und der Ortsstraße „An der Wasserkante“ nicht mehr genutzt werden. Ein in den Bachlauf eingehängter Steg war als schlechteste, aber einzige Lösung zur Aufrechterhaltung eines Durchganges notwendig.

Der Stausee hat die Gemeinde schon mehrfach von Hochwasser bewahrt

Nutzbar für Freizeitaktivitäten

Neben der Hochwasserrückhaltung eignet sich der Stausee auch für Freizeitvergnügen. Bei ausreichender Eisdecke wird er zum Eisstockschießen und Eislaufen genutzt. Seit 1995 ist er zum Befischen mit von der Gemeinde ausgegebenen Angelkarten freigegeben. Heute betreuen die Fischerfreunde Immenreuth den gepachteten Stausee. 1995 besuchte eine tschechische Delegation die Hochwasserfreilegung und überzeugte sich von der gelungenen Symbiose aus moderner Wasserbautechnik und ökologischer Ausbauweise.

Vorgeschichte:

Erster Anlauf bereits 1919

Durch die dichte Bebauung entlang der beiden Bachläufe inmitten der Ortschaft und den engen Bachlauf waren Hochwasserereignisse im Zentrum bis zum Bau der Hochwasserfreilegung im Frühjahr und bei Gewittergüssen an der Tagesordnung. Der erste Schriftverkehr für eine Verbesserung reichte nach den Akten des Wasserwirtschaftsamtes bis ins Jahr 1919 zurück. Auch ein zweiter Anlauf während des Dritten Reiches ist nachweisbar. Konkret wurde das Vorhaben erstmals wieder Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre angepackt. Doch schwierige Grundstücksverhältnisse und eine vage Förderung ließen das Projekt für ein Jahrzehnt einschlafen.

Unter Führung von Altbürgermeister Martin Haßmann unternahm die Kommune nach dem Bau der Ortsdurchfahrt samt Gehwegen und der Allwettersportanlage (1981 bis 1983) dann erneut einen Anlauf. Als glücklicher Umstand kam der Start der Flurbereinigung hinzu. Ein Teil der Bachflächen konnte so durch die Neuverteilung gesichert werden. Mit der Übernahme der Planung durch das Wasserwirtschaftsamt Weiden nahm das Vorhaben Fahrt auf. Nach dem Vorentwurf von 1985 wurde der Bauentwurf von 1986 Grundlage für die Jahr darauf bewilligte Finanzierung. 75 Prozent Staatsmittel gewährte der Freistaat für das mit 8,5 Millionen Mark geplante und mit 8,3 Millionen Mark ausgeführte Projekt. Vom Landkreis kamen 500 000 Mark.

Geplant wurde, das Vorhaben in den zwei Bauabschnitten „HW-Becken und späterer Bachausbau“ auf mehrere Jahre zu verteilen. Zunächst begannen 1988 die Arbeiten am Rückhaltebecken, das 250 000 Kubikmeter fasst. Die hierfür mit rund 3,43 Millionen Mark veranschlagten Kosten wurden am Ende um rund 400 000 Mark unterschritten. Nach den Abflussberechnungen bleibt selbst ein 20-jähriges Hochwasser im Stausee und für Kulmain ohne Folgen.

Noch im Sommer 1989, als der erste Bauabschnitt in vollem Gange war, reichte die Gemeinde die vom Wasserwirtschaftsamt gefertigten Planunterlagen für den Ausbau des Dorfbaches zur wasserrechtlichen Genehmigung und Finanzierung ein. 1991 begann der Bau des auf ein 100-jähriges Hochwasser ausgelegten Bachlaufes, wofür rund 5,3 Millionen Mark eingeplant waren.

Hintergrund:

Technische Details und ökologische Aspekte

Der Stausee weist bei Höchststand eine Wasserfläche von 11 Hektar auf, der ständig gefüllte Grundsee eine Fläche von 1,5 Hektar. Bei 3,6 Meter Wassersäule (hydrostatischer Druck in 3,6 Meter Wassertiefe) am Auslaufbauwerk des 6 Meter hohen und 289 Meter breiten Dammes ist das volle Rückhaltevolumen ausgereizt. Der Dammfuß ist 47 Meter breit, die befahrbare -krone 4,5 Meter. Bei einem einhundertjährigen Hochwasser muss das Bauwerk 25 Kubikmeter pro Sekunde bewältigen, maximal 16 Kubikmeter gibt es an den auf ein 100-jähriges Hochwasser ausgebauten Bachlauf ab.

Der Damm wurde aus Material aus dem Zinster Basaltsteinbruch aufgeschüttet. Eine 2500 Quadratmeter große Schmalwand dichtet den Dammgrund zusätzlich ab. Das aus 1500 Kubikmeter Beton gebaute und mit 25 Tonnen Baustahl bewehrte Auslaufbauwerk dient als großer Weihermönch und regelt durch die Abflussschwellen automatisch den Hochwasserabfluss in das Tosbecken.

Dieses hat die Aufgabe, das einfließende Wasser zu beruhigen und ohne Verwirbelungen in den Bremenbach abfließen zu lassen. Da hierfür keine technischen Erkenntnisse vorlagen, wurde die TU München eingeschaltet. Anhand von vielen Modellversuchen an der Außenstelle am Walchensee erdachte sie ein Konstrukt in Form von quadratischen Säulen im Tosbecken, das die Gewalt des Wassers in sich selbst beruhigt.

Innerhalb von vier Jahren wurden ab 1989 der Schirnitz-, Bremen- und Erlbach auf einer Länge von 700 Metern für einen maximalen Hochwasserabfluss von 21 Kubikmeter bei einem Querschnitt von 10 Quadratmetern durchs Dorf ausgebaut. Rund 2000 Kubikmeter Beton und 65 Tonnen Baustahl waren nötig. 1000 Quadratmeter Granit verblenden die Bachmauern auf 450 Metern. Im Zuge des Dorfbachausbaues errichtete die Gemeinde drei Straßenbrücken über die Bachläufe und in der „Bloich“ einen Fußgängerüberweg.

Beim Bachausbau waren Wasserwirtschaftsamt, Gemeinde, Untere Naturschutzbehörde und -verbände bemüht, die ökologischen Eingriffe so gering wie möglich zu halten und Ausgleichsmaßnahmen zu schaffen. Beim Rückhaltebecken wurden das Stauvolumen zurückgefahren und 0,5 Hektar Flachwasserzonen zur Nahrungssuche für den Storch geschaffen. Die bestehenden Biotope wurden erhalten, der aufgelassene Mühlgraben wiederhergestellt.

Mit einem Grunderwerb von 3,5 Hektar entstanden Brachen, auf 3 Hektar Ackerflächen entstanden extensiv genutzte Wiesen. Entlang der Bachläufe und am Hochwasserbecken wurden 400 Bäume und 2200 Sträucher neu gepflanzt sowie 25 Vogelnistplätze in den Bachmauern geschaffen.

Zur ökologischen Gestaltung im ausgebauten Bachbereich wurden zudem die Mauerlängen und der Querschnitt für verschiedene Abflüsse durch den Einbau eines Niedrigwassergerinnes minimiert. Die Granitverblendung trägt zur Begrünung der Bachmauern bei. In der „Bloich“ wurden der Bachlauf in eine Art Flutmulde mit zwei kleinen Weihern aufgeweitet und ein Tümpel angelegt.

Eine Plage für Kulmain:

Hochwasser schwemmt regelmäßig Kartoffeln aus Kellern

Hochwasserereignisse waren neben den verheerenden Bränden seit Jahrhunderten eine Plage für Kulmain. Nicht zu zählen sind die Einsätze der Bürgerwehren, der Feuerwehr und der Nachbarschaftshilfe beim Anschwellen des Bremen- oder Engbaches. Vollgelaufene Keller, Gebäudeschäden, Dreck, Unrat und viel Arbeit blieben den Wasserleidern, nachdem man wieder einmal davon gekommen war.

„Manchmal zweimal im Jahr schwammen die in Kellern eingelagerten Erdäpfel (Kartoffeln) auf dem über die Ufer getretenen Schirnitzbach Richtung Kemnath“, erinnerten sich ältere Kulmainer.

Vor dem Baubeginn besichtigte damals der Gemeinderat die TU-Außenstelle am Walchensee und überzeugte sich mit Vertretern des Wasserwirtschaftsamtes von der funktionierenden technischen Lösung für das Auslaufbauwerk anhand eines Modellversuches. Das Modell erhielt die Gemeinde als Geschenk.

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