19.09.2019 - 15:37 Uhr
KulmainOberpfalz

"Drastische Veränderungen"

Sechs Varianten für Elektrifizierung des Bahnstreckenabschnitts von der Gemeindegrenze Immenreuth/Kulmain bis Marktredwitz lagen dem Kulmainer Gemeinderat vor. Doch keine machte die Räte glücklich.

Drei Alternativen sehen einen Verlauf der Oberleitungen über der bisherigen Bahnstrecke vor, drei Varianten einen ganz neuen Verlauf der Schienen ab Kilometer 104,2 bei Lenau. Dabei raten die Ersteller der Unterlagen selbst von den Möglichkeiten V1 und V2 ab, weil sie das Trinkwasserschutzgebiet für Witzlasreuth und Oberwappenöst tangieren würden.
von Bernhard KreuzerProfil

Wie berichtet, stützen sich drei Möglichkeiten auf den bestehenden Tunnel Armannsberg, der jedoch für die nicht den erforderlichen Querschnitt für eine Oberleitung aufweist. Daher müsste die Röhre ausgeweitet werden. Neu könnte dabei aber auch parallel dazu ein ein- oder zweigleisiger Tunnel angelegt werden. Wird der Armannsbergtunnel stillgelegt, sieht das Scoping-Verfahren drei Alternativtrassen vor, wobei die Varianten 1 und 2 das Trinkwasserschutzgebiet der Wasserversorgung Witzlasreuth-Oberwappenöst in geringer Entfernung passieren oder durchschneiden würden. Die dritte Alternative sieht einen Tunnel durch den Schwarzberg vor.

Unabhängig von der gewählten Variante werden während des Baubetriebs umfangreiche Auswirkungen auf das Grundwasser befürchtet. Auch die Zerstörung grundwasserstauender Schichten wird nicht ausgeschlossen. Während der Maßnahme gibt es umfangreiche Eingriffe in die Oberflächengewässer. "Durch die Ableitung von Niederschlagswasser durch Entwässerungssysteme kann es zu Einleitungen von Schadstoffen in Grund- und Oberflächenwasser kommen", heißt es vorsichtig in der Unterlage. Dauerhaft kommt es zu neuen Versiegelungen. Grundwasserverhältnisse und -strömungen können sich durch die Bauwerke verändern. Nicht ausgeschlossen wird eine dauerhafte Verschlechterung des Gewässerzustandes. Dazu kommt: "Durch Mehrverkehre und Geschwindigkeitserhöhungen sind Lärmemissionen, Erschütterungen sowie visuelle Störungen zu erwarten. Zudem ist gegebenenfalls mit der Entstehung von Abwässern und Abfällen zu rechnen", ist zu lesen.

Unmut und Verständnislosigkeit war im Gemeinderat zu verspüren, als zweiter Bürgermeister Albert Sollfrank als Fachmann die beiden von der Elektrifizierung betroffenen Brückenbauwerke in Lenau und Oberwappenöst ansprach. Sie müssten bei der Elektrifizierung den Bedürfnissen der Bahn angepasst werden. Nach der Gesetzeslage bleibt der Kostenanteil der Verbesserung bei der Gemeinde. Bei einer abgeschriebenen Brücke hat die Kommune die Kosten komplett zu tragen, und je nach Alter kann der Erstattungsbetrag an die Bahn sogar auf 120 Prozent klettern. "Es wird zu drastischen Veränderungen kommen, auch wenn es noch 10, 15 oder mehr Jahre dauert." Mit dieser Feststellung schloss Albert Sollfrank seinen Bericht ab.

"Alles grotesk", fügte Bürgermeister Günter Kopp an. Zuerst habe es geheißen, dass der Tunnel werde etwas erhöht und verbreitert werde. Dann sei man mit der Aussage eines Nebentunnels gekommen, und nun mit einem großen Ordner. Sybille Bayer (SPD) forderte eine Umweltprüfung in Bezug auf Gebäudeschäden während des Baus und beim Betrieb der neuen Strecke oder durch Grundwasserabsenkungen.

Viele Fragen blieben offen und sind noch zu klären. Untätig aber bleibt der Gemeinderat nicht. Die Kommune sandte am Mittwoch bereits eine Stellungnahme an das Eisenbahn-Bundesamt in Nürnberg. Sie fordert, bei allen Möglichkeiten getrennt und detailliert die genannten Schutzgüter zu überprüfen. Diese Forderung gilt gleichsam für die Variante 1 und 2, sollten sie nicht endgültig ausgeschlossen werden. Zudem werden die erforderlichen Infrastrukturmaßnahme zum Betrieb der elektrifizierten Bahntrasse hinterfragt, wie zum Beispiel die Stromversorgung. Beanstandet wurde, dass die Brücke bei Bahnkilometer 104,2 bei Lenau weder im Planungsabschnitt 5 noch im Planungsabschnitt 4 berücksichtigt ist. Die Gemeinde fordert deshalb das Eisenbahn-Bundesamt auf, die Auswirkungen ihrer Planungen auf die Straßenverkehrsbrücke zu informieren.

Hinsichtlich der Umweltauswirkungen wird in der Stellungnahme die Frage aufgeworfen, ob die Verwirklichung des geplanten Vorhabens im Hinblick auf die Schutzgüter überhaupt angemessen oder verhältnismäßig ist. Hingewiesen wird ebenso auf das Tunnelwasser "Armannsberg". Es wird in den Engbach abgeleitet und versorgt diesen und den folgenden Schirmitzbach bei langanhaltender Trockenperiode zuverlässig mit Wasser, auch dann, wenn andere Bäche bereits ausgetrocknet sind. Bei einer Störung werden umfangreiche Auswirkungen befürchtet.

Der Armmansbergtunnel. Wird er noch gebraucht? Die bange Frage steht im Raum, weil viele Kurven zu ihm führen und die Geschwindigkeit der Züge abbremsen.
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