17.05.2019 - 14:32 Uhr
KulmainOberpfalz

Aus Schacht- wird Schlauchturm

Die Gemeinde Kulmain lässt das alten Feuerwehrgerätehauses sanieren. Eng damit ist die Entwicklung des Feuerwehrwesens in der Kommune verbunden. Eine besondere Rolle spielte dabei der Schlauchturm.

von Arnold KochProfil

Die Gemeinde als Grundstückseigentümer hat durch den Abriss des an das alte Feuerwehrgerätehaus angrenzenden Boder-Anwesens begonnen, den Einfahrtsbereich des Ortszentrums zu sanieren. Die Neugestaltung des Areals und der Gebäude gibt Anlass deren Geschichte näher zu beleuchten.

Die Historie der Feuerwehr Kulmain beginnt mit der Gründung 1873. Nach einem verheerenden Großbrand, der das Ortszentrum samt Pfarrkirche und Schulhaus in Schutt und Asche gelegt hatte, verstärkte die Ortsgemeinschaft ihre Bemühungen, den Feuerschutz zu verbessern. Jedes Haus musste Löscheimer sichtbar an der Fassade anbringen. Sie bestanden aus, mit Pech wasserdicht gemachtem, Roggenstroh. Dadurch waren sie leicht und hielten auch Würfen stand. Die Einwohner waren verpflichtet, damit zu Brandstellen zu eilen und Löschketten zu bilden. Das Wasser schütteten die Helfer in eine Handlöschpumpe.

Von der Gemeinde bereitgestellte Leitern und Feuerhaken befanden sich damals unter einem langgezogenen Dach an der Hauptstraße beim Aufgang zum Pfarrgassl. Die Gerätschaften waren mit Kette und Schloss gesichert. Der Schlüssel hing bei der Familie Bäuml (Hausname "Biener"), Eingeweihte wussten, wo.

Gastwirte Führungskräfte

Aufgrund der wachsenden Verantwortung für die Sicherheit der Bürger gründete sich 1873 in der Weyh-Gaststätte die Feuerwehr Kulmain. Neben Brandschutz und -bekämpfung oblag ihr die Versorgung verletzter Brandleider. Aus ihrer Chronik ist zu entnehmen, dass sie die Besitzer der Gasthöfe Weyh und Wiesend über viele Jahrzehnte abwechselnd als Kommandanten und Vorstände geführt haben. Gründungvorsitzender war Michael Weyh, Kommandant Martin Wiesend. Das Amt der Adjutanten bekleideten Andreas Rauch, Hans Hörl und Josef Kastner. Für den Sanitätsdienst zeichneten Michael Rauch, Josef und Franz Reger verantwortlich.

Der Boder-Franz und sein Bruder wohnten damals im 2018 abgerissenen Boder-Haus. Ende des 19. Jahrhunderts war es Bürgerpflicht, dass alle männlichen Familienangehörigen Feuerwehrdienst leisteten. Nachdem vor der Jahrhundertwende zwei fahrbare Handkraftspritzen, Uniformen und Schlauchmaterial angeschafft worden waren, entstand am jetzigen Standort eine Feuerwehrremise. An einem überdachten kleinen Anbau fanden Feuerwehrleitern, Eimer und Haken Platz.

Der Neubaus der Eisenbahnstrecke Kirchenlaibach-Marktredwitz kam der baulichen Entwicklung der Wehr zugute. Zwischen 1874 und 1878 entstand der Armannsberg-Tunnel nahe Unter- und Oberwappenöst. Dieser und die über die Fichtelnaab zum Bahnhof Neusorg führende Stahlbrücke galten als Wunderwerke der Ingenieurbaukunst. Der Wehr war bekannt, dass im Sommer 1877 der Ausbau der Röhre und damit die Schachtbauarbeiten abgeschlossen waren. Damit hatte der sich im Maschinenhaus befindliche Schachtturm aus Holz keine Verwendung mehr. Noch vor der Einweihung des Tunnels am 15. Mai 1878 richteten die Brandschützer im August 1877 ein Gesuch an die Generaldirektion der Königlichen Eisenbahn: Ihr sollte Tunnelschachtturmes zur Trocknung und Lagerung von Löschschläuchen überlassen werden.

Aus alten Unterlagen geht hervor, dass die Generaldirektion das Gesuch dem Staatsministerium des Königlichen Hauses und des Äußern am 11. August 1877 mit folgender Stellungnahme vorgelegt hat: "Der fragliche, bei dem Tunnelbau nächst Oberwappenöst an der Fichtelgebirgsbahn nothwendig gewesene, aus Fichtenholz construirte Schachtturm ist seit Monaten als entbehrlich eingelegt und eine Gelegenheit zu weiterer entsprechender Verwendung des Holzmaterials beim Bahnbau besteht nicht. Aus diesem Grunde war eine Verwendung des Abbruchmaterials durch öffentliche Versteigerung in Aussicht genommen, als eine Bitte der Freiwilligen Feuerwehr von Kulmain um Überlassung des fraglichen Thurm-Materials behufs Errichtung eines Steigerthurms bei uns einlief.

Da bei einer öffentlichen Versteigerung nur ein Erlös von 130 bis 150 Mark zu erwarten war, wurde der Wehr das Abbruchmaterial für 130 Mark angeboten. Allerdings fehlten ihr die erforderlichen Mittel, weshalb sie um "die unentgeltlich Abgabe des eingelegten Schachtturmes ehrerbietigst" bat. Dem stimmte das Staatsministerium schließlich zu. So nahmen die Florianjünger am 18. September 1877 den abgebauten Turm in Empfang, transportierten ihn nach Kulmain und bauten ihr am heutigen Standort als Schlauchturm auf. Es ist davon auszugehen, dass bis zur Jahrhundertwende unmittelbar daran ein gemauertes Gerätehaus angebaut wurde, in dem die Pumpen und die Löschgeräte untergebracht waren.

Enormer Zulauf

Die zur damaligen Zeit gute Ausstattung und die Bürgerpflicht brachten der Wehr großen Zulauf. Alarmiert und zu den Übungen gerufen wurde mittels Trompeter. Zuletzt war es Hornist Karl Busch, der sonntagmittags die Wehrpflichtigen zur Übung blies. "Man erinnert sich, dass die Schlange der angetretenen Feuerwehrmänner lang war, und man möchte meinen, ebenso pünktlich wie einsatzfreudig und genau im Ernstfall", heißt es in der Festschrift zur Einweihung des neuen Gerätehauses an der Schulstraße 1995.

Den beiden Gastronomenfamilien folgten bis 1945 Caspar Hösl als Kommandant und Josef Bäuml ("Biener-Seppl") als Vereinsverwalter. Bäuml war auch nach Kriegsende Kassier und Tresorverwalter der Gemeinde. Nach 1945 musste die Wehr neu aufgebaut und ausgerüstet werden. Gerade noch vor der Währungsreform 1948 konnte die erste Motorspritze 1947 mit 3000 Reichsmark im bezahlt werden. Die Gemeinde hatte 10 Jahre lang Rücklagen angesammelt. Das Gerät stand unter der Remise, ein Pferdegespann und später der Traktor eines Landwirts zogen es auf einem Anhänger zu Einsatzort.

Anfang der 1960er Jahre wurden die Platzverhältnisse durch wachsende Ausrüstung und Ansprüche der Wehrler immer beengter. Die Gemeinde als Sachaufwandsträger entschied, die Remise abzubrechen und errichtete 1965 um den Schlauchturm ein neues Gerätehaus mit zwei Garagen, Schlauchwaschmöglichkeit und Unterrichtsraum im Dachgeschoss. Der Turm erhielt statt der Bretterfassade eine Verkleidung mit Eternit-Schieferplatten. Einweihung war 1966. Das erste eingestellte Löschfahrzeug war ein Ford mit einer Tragkraftspritze TS 8. Laut Chronik hat die Kommune ab der Währungsreform bis zum 100 Gründungsfest in 1973 rund 100 000 D-Mark in den Ausbau des Brandschutzes investiert.

1995 zog die Stützpunktfeuerwehr in ihr neues Gerätehaus an der Schulstraße um. Das alte Gerätehaus wurde weiter als Fahrzeuggarage und Unterstellplatz für Geräte und Löschutensilien genutzt. Hintergrund

Hintergrund:

Pläne der Gemeinde

Mit der Sanierung über die Städtebauförderung wird das Gerätehaus samt Nebengebäude des Boder-Hauses erhalten und einer anderen Nutzung zugeführt. Das Konzept des Planers Josef Weber sieht den Erhalt des mit dem Gerätehaus zusammengebauten Nebengebäudes als Kalthaus. Erneuert werden Dach, Fenster, Tore, Türen und Außenfassade. Beheizt werden soll nur die Toilette und sporadisch der ehemalige Schulungsraum im Obergeschoss.

Für die Feuerwehr stehen die beiden Garagen für Fahrzeuge und Utensilien weiter zur Verfügung. Das Florian-Bild an der Nordseite soll erhalten werden. Der Fassadenputz wird erneuert. Das Nebengebäude erhält eine Lärchenholzverschalung. Darin finden die Helfer vor Ort Platz für Ausrüstung. Am Schlauchturm wird die Eternitverkleidung entfernt und eine Holzschalung übergestülpt. Der Lüftungskopf wird erneuert und neu eingedeckt. Im Inneren sind neue Toiletten und ein Frostwächter vorgesehen. Dazu muss die nicht frostsichere Lage der Wasserzuleitung durch den Schlauchturm gelöst werden. Die Innenwände werden ausgebessert sowie neu gestrichen und die beiden oberen Zimmer entkernt. Die Flurwand im Obergeschoss wird entfernt.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Errichtung des Wasserspielplatzes mit Ruhebankbereich und Neubau eines Info-Punktes. Dieser soll auf der Boder-Hausfläche errichtet werden. Das Gebäude erhält neben einem überdachten Info-, Unterstell- und Ruhebereich eine überdachte Verkaufsfläche.

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