02.11.2021 - 09:04 Uhr
Liebenstein bei PlößbergOberpfalz

500 Teichmuscheln aus dem Stausee Liebenstein gerettet

Damit die der Bauarbeiten an der Brücke über den Liebensteinspeicher beginnen können, musste vorher ein anderes Projekt über die Bühne gehen: Die Muschelbergung. Experten retteten über 500 Exemplare.

Die freiberuflichen Biologen Ortwin Ansteeg (61) und Susanne Hochwald (60) aus Bayreuth engagieren sich schon seit 30 Jahren in Sachen Muschelschutz. Beide unterstützen das Team von Schmidt & Parnter bei der Muschelbergung am Stausee Liebenstein.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Stundenlang sammelt das Experten-Team Lebewesen, die man als Ortsunkundiger und Laie hier vielleicht gar nicht mehr vermutet: Muscheln. Sie kommen in fast ganz Europa in Fließ- und Stillgewässern auf schlammigen oder sandigen Böden vor. Durch zunehmende Gewässerverschmutzung ist die Muschel gefährdet und steht unter Naturschutz. Hier kommen die Muschelschützer ins Spiel.

Während das Wasser im Stausee Liebenstein wegen der anstehenden Brückensanierung abgelassen wird, schwemmt es die urzeitlichen Tiere trocken. Um die Population vor dem Austrocknen zu bewahren, wurde die Muschelschutz-Firma Schmidt und Partner aus dem oberfränkischen Goldkronach engagiert. Biologin Christine Schmidt leitet das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Robert Vandré. Zum Team gehört noch Aushilfe Johanna Littschwager. Für den Auftrag am Hochwasserspeicher Liebenstein holten sich die drei noch zwei freiberufliche Biologen, Susanne Hochwald (60) und Otwin Ansteeg (61) aus Bayreuth, ins Boot.

Kleine Muschelpopulation

Seit das Wasser abgesenkt wird, waren die Muschelretter rund 20 Mal am Stausee. Am Anfang zunächst unregelmäßig, seit Mitte September aber alle zwei bis drei Tage. Mal waren die Biologen nur zu zweit, manchmal zu fünft. Freiwillige Helfer mit einzuspannen war nicht nötig. Ein Einsatz dauert rund einen ganzen Tag, sechs bis sieben Stunden. Am Anfang musste das Team das Ufer des kompletten Speichers, rund 10 Kilometer Strecke, absuchen. Jetzt, wo der Wasserstand knapp 519 Meter über Normalnull steht, ist die Strecke zwar nicht mehr so weit, jedoch wird das Gelände unwegsamer. Teilweise bis zu den Knien stehen die Biologen mit ihrem Angelanzügen im Schlamm. Um genügend Zeit zum suchen zu haben, lässt das Wasserwirtschaftsamt das Wasser maximal 15 Zentimeter in 24 Stunden absinken.

Funde genau protokolliert

"Wir suchen den Gewässerrand sehr sorgfältig ab", betont Hochwald. Während der rund sechs Wochen langen Aktion barg das Team mehr als 500 Teichmuscheln. Wie viele Muscheln welcher Größe gerettet wurden, protokollieren die Fachleute ganz genau. "In anderen Stauseen gibt es deutlich mehr Muscheln", erklärt Geoökologe Robert Vandré. Warum es hier nur eine kleine Population gibt, können sich die Muschelretter nicht erklären. "Es ist ungewöhnlich. Eigentlich hätten die Muscheln hier mit den Algen reichlich Nährstoffe. Da fühlen sie sich wohl." Dass es so wenige Muscheln im Liebensteiner Speicher gibt, macht den Experten keine Sorgen. "Immerhin ist der Stausee besiedelt. Die Population verjüngt sich", ist Vandré zufrieden.

Auffallend ist zudem auch, dass hier nur kleine und mittelgroße Teichmuscheln leben. Diese Exemplare sind etwa fünf bis 10 Zentimeter groß. Dabei können Muscheln bis zu 20 Zentimeter groß werden. Im Liebensteinspeicher fanden die Biologen nur zwei Arten von Teichmuscheln - und zwar große und kleine Teichmuschel. Die meisten Exemplare sind von der großen Sorte, auch Entenmuschel (Anodonta anatina) oder gemeine Teichmuschel genannt. Einige wenige Muscheln sind Schwanenmuscheln (Anodonta cygnea).

"Es sind schon besondere und sehr geheimnisvolle Viecher", erklärt Hochwald. Die 60-jährige Biologin ist schon 30 Jahre im Geschäft. Die Streifen auf der Schale sind ähnlich wie beim Baum die Jahresringe, erklärt sie. Innerhalb der Schale sind Gehirn und Gedärm geschützt. Außerdem haben die urzeitlichen Tiere am hinteren Ende ein Bein, mit dem sie sich nach vorne schieben. "Eine Schnecke ist schnell dagegen, aber die Muscheln können schon eine beachtliche Strecke zurücklegen", sagt Vandré. Ein paar Tage können die Tiere im feuchten Schlamm überleben. Zum Verzehr sind die Muscheln nicht geeignet, betonen die Experten.

In sicheren Bereich umgesetzt

Als Ausrüstung haben die Muschelretter ihre Angleanzüge, einen Rechen, Eimer und Reusen dabei. Auch Taschenlampen gehören zum Equipment, um im klaren Wasser Muscheln ausmachen zu können. Auch Schwerlastboxen und Frischebehälter haben die Biologen im Container am Wanderparkplatz vorsorglich deponiert. Wegen der geringen Anzahl an Muscheln waren diese allerdings nicht in Gebrauch.

Die geborgenen Muscheln setzt das Team in einen Weiher neben dem Stausee, den der Fischereiverein Stiftland betreut. Die meisten Exemplare fahren die Fachleute aber mit einem kleinen Boot in den Bereich des Hochwasserspeichers, in dem der Pegel ganz sicher nicht unter 518 Meter über dem Meeresspiegel abgelassen wird. Dazu erhielten die Biologen extra eine GPS-Karte vom Wasserwirtschaftsamt.

Bei der Bergungsaktionen mussten die Biologen nur hie und da Fische retten. Das Team fand auch drei verschiedene Krebse, "aber von der eingeschleppten Sorte", sagt Ansteeg. Den Signalkrebs, den amerikanischen Sumpfkrebs und den Kamberkrebs.

Nur wenig Verschmutzung

Der Stausee sei erstaunlich sauber, bemerkten die Experten. "Wir haben hier wenig Verschmutzungen gesehen." Ab und an stößt das Team auf abgerissene Angelköder, die sie dann einsammeln. Die Muschelretter loben besonders die gute Zusammenarbeit mit dem Fischereiverein Stiftland und dem Wasserwirtschaftsamt. "Es ist eine schöne Arbeit in einer tollen Landschaft", sagt Vandré.

Mit dem offiziellen Spatenstich für das Brückenbauprojekt am vergangenen Freitag, ist die Arbeit für die Muschelretter nach rund sechs Wochen beendet.

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