30.10.2018 - 18:56 Uhr
Liebenstein bei PlößbergOberpfalz

Jede Schachtel ein Hightech-Produkt

„Ein Karton ist mehr als eine viereckige Konstruktion aus Wellpappe. Es geht nicht nur um die Schachtel an sich, sondern auch um die Dienstleistungen darum herum“, sagt Sebastian Forster, einer der Chefs des Kartonagenwerks Liebenstein.

Fertige Kartonagen auf der Förderstrecke auf dem Weg zur Palettierung und anschließenden Einlagerung ins Hochregallager.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Seit 50 Jahren existiert das Unternehmen, für das aktuell fünf Geschäftsführer verantwortlich sind: die Seniorchefs Bernhard und Elfriede Schön sowie die Nachfolgegeneration mit Bernhard Schön junior, Marion und Sebastian Forster. Bei der Gründung des Werkes 1968 wurde auf Wellpappe umgestellt. Davor produzierten die Gründer 20 Jahre lang Verpackungsmaterial aus Holzwolle für die Porzellanindustrie.

Ein zweiter großer Einschnitt erfolgte vor drei Jahren als der Industriestandard 4.0 Einzug hielt. Seither geht es darum, dass sämtliche EDV-Systeme dahin getrimmt werden, dass sie miteinander kommunizieren. Ein Unterfangen, das bereits weit fortgeschritten ist. Bei der Produktion setzt das Werk auf Hightech und vollständige Automatisierung.

Verpackungsroboter und weitere modernste Maschinen sind auf den 18 Produktionslinien eingesetzt. „Jetzt geht es darum, dass wir von überall im Haus auf alle Daten zugreifen können“, sagt Sebastian Forster. Was ist das für eine Ware? Welcher Kunde bekommt sie? Wie groß sind die Kartons? Wie ist die Beschaffenheit und das Aussehen? Welche Verpackungseinheit ist gewünscht? Welche Paletten werden benötigt? Alles Fragen, die dann mit einem Mausklick beantwortet sind.

Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind überall dem Niveau angepasst, wie es für Wellpappe optimal ist. Von diesem perfekten Raumklima profitieren auch die 415 Mitarbeiter. „Die Mitarbeiterzahl steigt zwar stetig, aber wir könnten noch viel mehr brauchen. Das Problem, derzeit sind einfach keine zu bekommen“, klagt Forster.

In Liebenstein werden Wellpappen von 1,5 bis 14 Millimeter Dicke verarbeitet. Von der Größe einer Zigarettenschachtel bis zur „Smart-Garage“ ist bei der Produktion fast alles möglich. Die interne Logistik ist vom Wareneingang bis zur Verladung voll automatisiert und sorgt für effiziente Abläufe und den optimalen Schutz der Verpackungen. 60 000 Quadratmeter umfasst derzeit die Produktionsfläche. Dazu kommt die Versandhalle mit 17 000 Quadratmeter. Hier stehen 74 000 Palettenstellplätze zur Verfügung.

Die komplette Betriebsfläche umschließt 116 000 Quadratmeter. Durch, in der Hauptsache individuelle Anfertigungen, hat das Unternehmen etwa 100 000 Artikel im Portfolio. Im Jahr werden rund 150 Millionen Quadratmeter Wellpappe verarbeitet, die im Radius von 500 Kilometern an etwa 2200 Kunden ausgeliefert werden. „Mit Wellpappe ist so gut wie jede Transport- oder Verpackungsaufgabe erfüllbar“, sagt Forster. „Wenn es gewünscht würde, könnten wir auch eine Schachtel mit 17 Ecken anfertigen“, untermauert er die Behauptung.

Im Firmenjargon spricht übrigens niemand von Kartons, sondern heißt jedes Produkt einfach Schachtel. Abhängig von Inhalt und anschließender Verwendung entwickeln die Spezialisten des Kartonagenwerks in kürzester Zeit zusammen mit den Kunden die optimale Verpackung für ein Produkt.

„Die Rohware kommt an und ist in der nächsten Sekunde erfasst. Das ist Echtzeitkommunikation. Für jeden Karton, der hereinkommt, ist festgelegt, welches Produkt daraus entsteht. Die vielen unterschiedlichen Aufträge wären ohne Digitalisierung überhaupt nicht machbar. Das würde alles viel zu lange dauern. 20 bis 30 Sekunden dauert es in der Regel, bis der entsprechende Datensatz vom Lieferanten ankommt und für die eigene elektronische Weiterverarbeitung konvertiert ist“, sagt Forster.

Auch die Kundenanforderungen würden immer spezieller. Zum Beispiel schreibe jeder Kunde genau vor, wie die Zettel, die außen an der Palette angebracht sind, auszusehen haben. Das gleiche gelte etwa für aufgedruckte Barcodes. „Da gibt es auch keine Kompromisse. Wenn ich etwas nicht machen kann, dann bekomme ich den Auftrag nicht.“

Wellpappenverpackungs-Hersteller gebe es sehr viele, kleine wie große. „Von den familiengeführten Unternehmen sind wir schon eines der Großen in der Branche. Nimmt man die Konzerne dazu, sind wir deutschlandweit gesehen ein eher kleines Licht, andererseits gehören wir in Europa zu den drei modernsten Unternehmen. Auch technologisch gesehen sind wir führend“, so der Geschäftsführer weiter.

Ab einer Menge von 100 Stück eines bestimmten Kartons geht das Kartonagenwerk an die Arbeit. Neben der normalen braunen Schachtel könne auch jede andere Farbe geliefert werden. Der zunehmende Versandhandel habe viele neue Aufträge beschert. Beim eigentlichen veredeln werden die Rohkartons geschnitten, bedruckt, gefaltet und geklebt. Etwa 10 000 Werkzeuge die speziell für die geforderten Ansprüche von externen Firmen gefertigt werden, hält die Firma vor.

Acht Schlosser und fünf Elektriker zeichnen dafür verantwortlich, dass technisch gesehen der Laden läuft. Einmal im Monat erfährt jede Maschine eine Komplettwartung. Heuer rechnet das Kartonagenwerk Liebenstein mit einem Umsatz von 90 Millionen Euro, im Vorjahr waren es 75 Millionen.

Die Führungsriege von links: Sebastian und Marion Forster sowie Bernhard Schön Junior und Senior, von links.
Helmut Polnisch bei der Feinjustierung der nächsten Produktcharge
Palettierroboter zum Auf- und Zusammenstapeln der fertigen Kartonagen.
Drei von 18 Fertigungslinien.
Geschäftsführer Sebastian Forster überwach zusammen mit Janina Zeus die Versandaufträge.
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