30.03.2020 - 16:43 Uhr
Luhe/Luhe-WildenauOberpfalz

Geschlossene Tore halten Goethe nicht auf

Man schrieb das Jahr 1854, als im Markt Luhe eine königliche Brief- und Fahrpostexpedition ohne Poststallhaltung eröffnet wurde. Hätte Georg Schenkel schon 68 Jahre früher amtiert, hätte er vielleicht eine berühmten Reisenden gesehen.

Goethe 1787 in der Campagna Romana: Johann Heinrich Tischbeins beste Leistung war das erste Bildnis des Weltbürgers als gebildeten Mächtigen (Bildung als Macht) und bestimmte maßgeblich die Vorstellung, die sich die Nation bis heute von ihrem größten Dichter macht. In Luhe soll bald eine Granitplatte an die Durchfahrt erinnern.
von Autor SEFProfil

Mit der königlichen Brief- und Fahrpostexpedition boten sich für die Bevölkerung erstmals Reisemöglichkeiten in die nähere und weitere Umgebung. Erster Postexpeditor wurde der Gemeindevorsteher Georg Schenkel, dem auch die Ziegelhütte gehörte. Der Amtsinhaber durfte eine Uniform tragen, die aus einem hellblauen Rock, einer weißer Hose und blauen Schirmmütze mit einem silbernen Löwen bestand. Die Passage von Johann Wolfgang von Goethe durch den nächtliche Ort war damals schon fast 70 Jahre her.

Michael Reichenberger war Postexpeditor in Luhe von 1894 bis 1912.

Goethe war eine überragende und universelle Persönlichkeit, die ein gewaltiges literarisches Vermächtnis hinterließ. Zu seinen Hauptwerken zählen „Die Leiden des jungen Werthers“, „Iphigenie auf Tauris“, „Egmont“, „Torquato Tasso“, „Götz von Berlichingen“, „Faust I + II“, „Die Wahlverwandtschaften“ und „Dichtung und Wahrheit“. Wer sein Leben schildern will, findet in den persönlichen Aufzeichnungen nahezu unermessliche Quellen. Zu ihnen zählen die Tagebuchnotizen während der „Italienischen Reise“.

Heimlicher Aufbruch

Nach zehn Jahren im Dienst des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar machten sich beim Wirklichen Geheimen Rat Goethe nervöse Überreizungen immer deutlicher bemerkbar. Die innere Unruhe ging so weit, dass er im Spätsommer 1786 den Entschluss fasste, sich der höfischen Enge durch Flucht zu entziehen. Am 28. August feierte er in lustiger Gesellschaft 37. Geburtstag. Den Plan, an diesem Tag Karlsbad zu verlassen, konnte er noch nicht ausführen.

Erst am Sonntag, 3. September, bestieg er um 3 Uhr früh unter dem Pseudonym „Kaufmann Philipp Moeller aus Leipzig“ eine Postkutsche und traf um 12 Uhr in Eger ein, wo er eine zweistündige Mittagspause einlegte. Vor Hundsbach erreichte er Oberpfälzer Boden und kam um 17 Uhr in Tirschenreuth an.

Goethe freute sich über die Qualität der Magdeburger Straße, die ein schnelles Vorankommen ermöglichte: „Vortreffliche Chaussee von Granitsand, es lässt sich keine vollkommenere denken. Da nun das Land zugleich abfällt, so kommt man fort mit unglaublicher Schnelle, die gegen den böhmischen Schneckengang recht absticht.“

Zum Jubiläum „300 Jahre Postkurs Regensburg – Eger (1707 bis 2007)“ befuhr eine historische Postkutsche die ehemalige Route und erregte großes Aufsehen auch in Luhe.

Rast in Weiden

Um 21 Uhr erreichte das Gespann des 1707 eröffneten Thurn-und-Taxis-Postkurses den Gasthof Goldener Anker am Oberen Markt in Weiden. Hier wurden Pferde und Fuhrpersonal gewechselt. Mittlerweile war es dunkel geworden. Doch der Reisende verzichtete auf die Nachtruhe. Er wollte nach eigenem Bekunden „gleich weiter“, gönnte sich aber ein Abendessen für 6 Kreuzer.

Am 23. September 1786 passierte Goethe gegen Mitternacht das Webertor in Luhe.

Zwei verriegelte Tore

Noch vor Mitternacht war der Markt Luhe erreicht. Doch am Ende der Weidener Gasse, der heutigen Lilienstraße hemmte das verschlossene Bütten- oder Fleischertor die flotte Fahrt. Erst nach einem Hornsignal des Postillions, der bei Wind und Wetter auf dem Kutschbock ausharren musste, wurden die Flügel geöffnet.

Nach der Passage des Marktplatzes, auf dem vermutlich der Nachtwächter unterwegs war, stand als zweites Hindernis das gleichfalls verriegelte Weber- oder Tummeltor im Weg. Auch hier musste erst der Wächter in der Torstube verständigt werden, damit die Reisenden passieren konnten.

Das befestigte Luhe war damals noch durch einen dritten Einlass geschützt: Das Pfaltertor bewachte die Straße aus Richtung Amberg. Es wurde wie das Büttentor im 19. Jahrhundert abgerissen. Am längsten stand das Webertor, das erst 1937 dem wachsenden Autoverkehr zu weichen hatte.

Zum Jubiläum „300 Jahre Postkurs Regensburg – Eger (1707 bis 2007)“ befuhr eine historische Postkutsche die ehemalige Route und erregte großes Aufsehen auch in Luhe.

Stattliche Reisekosten

Über Wernberg, Schwarzenfeld, Schwandorf und Ponholz erreichte die Postkutsche um 10 Uhr Regensburg. Goethe staunte: „Regenspurg liegt gar schön, die Gegend mußte eine Stadt hierher locken.“ Er hatte die 24 ½ Meilen, das entspricht 184 Kilometern von Karlsbad bis Regensburg in 31 Stunden. Ab Tirschenreuth bezahlte er außer dem taxmäßigen Fahrpreis von 15 Gulden und 30 Kreuzern noch Nebenkosten für Schmier-, Chaussee- und Trinkgeld in Höhe von 6 Gulden und 26 Kreuzern.

Für diese Summe arbeitete ein Maurer damals etwa eineinhalb Monate. Folglich stammten die Reisenden in Postkutschen vorwiegend aus wohlhabenden Kreisen. Musste der Fahrgast ehedem an Landesgrenzen und Toren Zölle entrichten und sich gar einer Visitation unterziehen, war er auf der Route der Thurn-und-Taxis-Reichspost wegen des vorab eingelösten Entgelts davon befreit. Der Markt Luhe verzichtete erst 1910 auf den Pflasterzoll.

Als Goethe nach der Übernachtung in Regensburg in eine Buchhandlung ging, erkannte ihn ein Bediensteter. Deshalb suchte „Philipp Moeller“ schleunigst das Weite. Er erreichte München nach einer Tag- und Nachtfahrt am 6. September.

Heiterer Aufenthalt in Italien

Die Reise führte dann über Bozen, Trient, Verona, Padua, Venedig und endete in Rom. Dort traf Goethe am 29. Oktober 1786 ein. Fast volle zwei Jahre blieb er in Italien. Nur schwer trennte er sich von der Ewigen Stadt, um den „heiteren Himmel mit einem düsteren zu vertauschen“.

Quellen:

Sebastian Haffner, Große Deutsche, München 1982.

Goethes Werke, Bd. XI, Autobiographische Schriften, München 1998.

Staatsarchiv Amberg, Schenkung Höfler Nr. 597.

Die Oberpfalz, Kallmünz 1910, 1931 und 1978.

Oberpfälzer Heimat, Weiden 1958, 1991 und 1998.

Heimatkalender für die Oberpfalz Bd. 98, Pressath 1997.

Angelika Mundorff, Reisen mit der Postkutsche, Fürstenfeldbruck 2009.

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