15.06.2018 - 12:52 Uhr
Luhe/Luhe-WildenauOberpfalz

Spitzenköchin und Buchautorin

Seit kurzem schmückt das Haus am Marktplatz 25 eine Schrifttafel. Sie erinnert an Marie Schandri, die hier vor mehr als 200 Jahren auf die Welt kam. Im Geburtsort unbekannt, schaffte sie es in Regensburg an die Spitze der Gastronomie.

Gedenktafel am Haus Nummer 105 (heute Marktplatz 25).
von Externer BeitragProfil

Welcher Koch kann sich rühmen, Kaiser, Könige, Fürsten, Minister und Gesandte kulinarisch verwöhnt zu haben? Vermocht hätte es Margaretha Schandri, die unter anderem Kaiser Franz Joseph I. von Österreich, König Ludwig I. von Bayern, König Wilhelm I. von Preußen, König Johann I. von Sachsen und Reichskanzler Otto von Bismarck vollendete Speisen servierte.

Geburt in Luhe

Margaretha Schandri, genannt „Marie“, wurde – laut Matrikel der Pfarrei St. Martin - am 16. Juni 1800 in Luhe getauft. Vermutlich hatte sie am selbigen Tag im Anwesen Nr. 105 (heute Marktplatz 25) das Licht der Welt erblickt. Nach Kinder- und Jugendjahren bei den Eltern Michael und Kunigunde Schandri, geborene Herdegen, verschlug es sie 1820 nach Regensburg, wo sie 40 Jahre als Köchin im Gasthof „Goldenes Kreuz“ am Haidplatz Berühmtheit erlangte. Mutter Kunigunde stammte aus der Luher Tafernwirtschaft „Zur Krone“, die Georg Herdegen 1770 übernommen hatte. Vermutlich war auch sie eine versierte Köchin, die ihre Tochter Margaretha in die Anfangsgründe der Kochkunst einführte.

Gasthof „Goldenes Kreuz“

Überblickt man die Besucher mit klingendem Namen, die in den Räumen der angesehenen Nobelherberge aßen, tranken und wohnten, kann man ohne Übertreibung vom berühmtesten deutschen Gasthof sprechen. Erst 1862 erhielt er seine jetzige Gestalt, während er zuvor aus einem spätgotischen Turm mit westlichem Wohnanbau bestand. Als prominentester Gast quartierte sich 1546 Kaiser Karl V. anlässlich eines Religionsgesprächs im „Goldenen Kreuz“ ein.

Berühmtes Regensburger Kochbuch

Gegen Ende ihres ereignisreichen Berufslebens ließ sich Margaretha Schandri überreden, ihren Erfahrungsschatz im „Regensburger Kochbuch“ zu publizieren. Es erschien 1866 im Verlag Alfred Koppenrath und enthielt 934 Rezepte der bürgerlichen Küche. Leicht nachvollziehbare Anleitungen behandelten Suppen, Gemüse, Saucen, Vorspeisen, Braten, Salat, Kompotte, Fische, Eier- und Mehlspeisen, Sulzen, Kuchen, Cremes, Gefrorenes, Eingemachtes und Getränke. Bis 1889 kauften den Klassiker 75.000 begeisterte Epigonen. Mittlerweile erscheint er in der 97. Auflage. Unverzichtbar erschien der Meisterköchin die Qualität der Lebensmittel. Sie entscheide über Aussehen, Güte und Bekömmlichkeit. Ganz im Sinne moderner Verbraucherberatung legte sie größten Wert auf Hygiene und Sparsamkeit.

Archivar Günter Handel aus Regensburg resümiert: „Da Margaretha Schandri wirklich existierte und sie lange im Goldenen Kreuz als Köchin beschäftigt war, ist davon auszugehen, dass sie das Regensburger Kochbuch verfasste. Allerdings ist mit großer Wahrscheinlichkeit von der Hilfestellung einer oder mehrerer anderer Personen bei der Abfassung auszugehen.“

Überraschendes Testament

Kurz nach ihrem 65. Geburtstag erhielt Schandri amtlichen Besuch. Der königliche Notar Johann Michael Schmaus protokollierte: „Am 27. November 1865 habe ich mich auf mündlich gestelltes Ansuchen in die Wohnung der mir nach Namen, Stand und Wohnort bekannten vormaligen Köchin des Gasthofes zum goldenen Kreuze dahier, der ledigen großjährigen Ökonomenstochter Margaretha Schandri, gebürtig zu Luhe, über zwei Stiegen begeben.“ In der Wohnstube fand er eine körperlich leidende, aber geistig vollkommen gesunde Frau vor. Im Beisein von Karl Peters, dem damaligen Besitzer des „Goldenen Kreuzes“, und Schlossermeister Tobias Stadler übergab sie ihm ihr Testament. Sie hatte es am 21. November 1865 mit zittriger Schrift unterzeichnet. Verschlossen war das Dokument in einem Umschlag mit zwei Privatsiegeln. Im Staatsarchiv Amberg ist die letztwillige Verfügung: "In Anbetracht der Hinfälligkeit des menschlichen Lebens und um nach meinem Tode meine zeitlichen Angelegenheiten geregelt zu wissen, erkläre ich hiermit meinen letzten Willen wie folgt: Ich, Margaretha Schandri, ernenne als Universalerbin meine Schwester Anna aus Luhe, Landgericht Weiden, zur Zeit dahier, und vermache derselben sämtlichen Rückfluss (Ertrag) aus Mobilien, Geld, Pretiosen, Wertpapieren, Kleidungsstücken etc., insbesondere den mir am elterlichen Anwesen in Luhe zukommenden Miteigentumsanteil."

Die Köchin starb am 10. November 1868 an Altersschwäche in Regensburg und wurde auf dem Lazarusfriedhof beerdigt. Bei der Testamentseröffnung erwies sich, dass die Ökonomiebürgerstochter aus Luhe ein respektables Vermögen hinterlassen hatte: Während die übrigen Geschwister leer ausgingen, erbte Anna (Johanna) – abzüglich der Arzt-, Apotheker- und Bestattungskosten – 3.200 Gulden. Hinzu kam der Anteil am elterlichen Anwesen, das neben Haus und Hof vier Äcker, eine Wiese und ein halbes Marktlehen als Zubaugut umfasste.

Schwester Katharina, die bei der Erbschaft leer ausgegangen war, starb 93-jährig 1883 im Haus Nummer 105 und wurde im neuen Friedhof „Auf dem Plan“ bestattet. Aus dem Sterbeeintrag geht hervor, dass ihre Eltern – wie bei Margaretha - Michael und Kunigunde Schandri hießen. Vater Michael war seit 1791 Eigentümer des genannten Anwesens.

Geburtshaus von Margaretha Schandri in Luhe.
Das „Goldene Kreuz“ war 40 Jahre die Arbeitsstätte der Köchin Margaretha Schandri.
Titelseite des „Regensburger Kochbuchs“, 1. Auflage 1866.
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