23.12.2019 - 18:02 Uhr
Luhe/Luhe-WildenauOberpfalz

Teufel in Krippenschatz

Pfarrer Josef Schön erreichte am 18. Oktober 2001 ein Brief aus Regensburg: Hermann Reidel, Leiter des Diözesanmuseums, teilte ihm mit, dass viele farbig gefasste und kostbar gekleidete Krippenfiguren aus Luhe im Magazin lagerten.

Ein König im roten Mantel und blauem Gewand mit Silberborten und roter Schärpe aus dem Bestand der Barockkrippe Luhe.
von Autor SEFProfil

Vorgängerin Barbara Möckersdorf habe sie etwa 1970 aus dem Speicher des alten Pfarrhofs geborgen und ins Bischöfliche Zentralarchiv gebracht. Der Muttone-Bau war damals renoviert und zu einem Gemeindezentrum umfunktioniert worden. 1979 war der Fundus in das neu eröffnete Diözesanmuseum verlagert worden. Inzwischen haben Sebastian Westermeier und Monika Kager, Restauratoren aus den Fachgebieten Figuren, polychrome Fassungen und Textilien, den umfangreichen Bestand im wahrsten Sinne unter die Lupe genommen. Ihre Gutachten umfassen insgesamt 40 Seiten und dokumentieren bei jeder Figur den Ist- und Wunschzustand.

Begegnung mit dem Barockschatz

Am 4. Dezember 2001 machten sich Pfarrer Schön, Karl Weiß und Josef Eimer auf den Weg in die Bistumszentrale. Im Museum fühlten sich die „Forschungsreisenden“ an Heinrich Schliemann in Troja oder Howard Carter in Ägypten erinnert: Die um 1720 entstandene und verloren geglaubte Sammlung der Pfarrei St. Martin befand sich in 13 Kisten.

Aufgeschichtet und sorgsam in Seidenpapier eingewickelt lagerten darin 66 ganze Gelenkpuppen von etwa 30 Zentimetern Größe. Ihre Köpfe und Gliedmaßen waren aus Holz geschnitzt und farbig bemalt. Durchwegs trugen sie die originale Kleidung, die bei den Königen und Pagen aus Klosterarbeiten bestand. Außerdem fanden sich 19 Köpfe, 7 Beine, 1 Hand, 10 Kopfbedeckungen, 1 Tornister, 3 Holzsockel und 1 Schwert. Sechs Exemplare hatte der Museumsdirektor ans Tageslicht geholt, nämlich zwei Könige, einen Pagen, einen Hirten, einen Knecht und eine Magd. Wegen der beschränkten Zeit konnten weitere Könige, vielleicht die Königin von Saba, Bauern, Bürgerinnen, Frauen, Männer, Pagen, Ministranten, Soldaten, Mägde, Lakaien, Gefolgsleute, Engel, der Teufel, Kamele, Pferde und Kopfbedeckungen nicht vorgeführt werden.

Bedauernswerter Zustand

Erschreckend war allerdings der Anblick der ausgepackten Figuren: Abgesehen von der Oberflächenverschmutzung mangelte es an Körperteilen und die farbige Fassung wies Fehlstellen auf. Mit Gold- und Silberborten verzierte prachtvolle Gewänder aus Seide, Damast, Wolle, Baumwolle und Leder zeigten sich brüchig, vergilbt und oxidiert. Schuld war vermutlich die seit der Säkularisation andauernde Lagerung bei Hitze, Kälte, Trocken- und Feuchtigkeit auf dem Speicher des Pfarrhofs. Auch Motten und Nagetiere hatten ihre Fraßspuren hinterlassen.

Dennoch faszinierte gerade der Originalzustand, weil fast 300 Jahre lang niemand an den Figuren herumgepfuscht oder sie durch Übermalung entstellt hatte. Eine Restaurierung wäre eine kostspielige, aber lohnenswerte Angelegenheit. Dann müsste auch entschieden werden, wo das herausragende Ensemble mit einer Vielfalt an biblischen Szenen ausgestellt werden könnte. Einigen Figuren war es übrigens gestattet, anlässlich der Krippenausstellung am ersten Adventsonntag 2008 in den angestammten Pfarrhof zurückzukehren.

Säkularisation

Warum landete die wertvolle Barockkrippe auf dem Speicher des Pfarrhofs? Die Säkularisation 1802/03 traf die katholische Kirche mit brachialer Härte: Im klosterreichen Bayern löste die rigoros vorgehende Obrigkeit zahlreiche Klöster auf und übereignete ihren Besitz dem Staat. Viele Kirchen und Kapellen wurden entweiht, unersetzliche Kunstschätze und wertvolle Buchbestände verschleudert, wobei der Erlös letztlich enttäuschte.

Was das gläubige Volk besonders in Aufruhr versetzte, war das Verbot uralter religiöser Bräuche, von Prozessionen über Passionsspiele bis zu Christmetten. Auch die Krippen waren in der Epoche der Aufklärung nicht mehr zeitgemäß, wurden verscherbelt, verbrannt und landeten bestenfalls auf Dachböden wie in Luhe. Man kann davon ausgehen, dass einzelne Figuren später verkauft wurden. Der Erlös diente wohl zur Finanzierung der Kirchenausstattung von St. Martin.

Krippentradition:

Die „Urkrippe“ geht auf Franz von Assisi zurück. 1223 hatte er in einer Höhle eine Futterkrippe errichtet und Tiere dazugesellt, damit sich die Besucher das Weihnachtsgeschehen besser vorstellen konnten. 1478 statteten Pietro und Giovanni Alamonno eine Kirche in Neapel mit beweglichen Holzfiguren aus und 13 Jahre später gab Herzog Albrecht IV. die erste bayerische Krippe in Auftrag. 1579 vermachte Herzog Albrecht V. der Gnadenmutter in Altötting eine Krippe aus 14 silbernen Figuren, die 1799 eingeschmolzen wurden. Weltberühmt ist die Krippenabteilung des Bayerischen Nationalmuseums, die aus der Liebe des Brauereierben Max Schmederer zu italienischen Barockkrippen hervorging. (sef)

Ein gelb-blaues Gewand mit Goldborten, braune knielange Leinenhose, Metallborten- und Gespinste am Hut kleiden den Pagen.
Dem Knecht fehlen das linke Bein und der linke Unterarm. Er trägt eine braune Wolljacke und Hosenträger aus braunem Leder sowie ein weißes Hemd mit Blumenmusterung.
Die Königskrone aus dem Bestand der Barockkrippe besteht aus einem Metallgespinst mit Perlen und Goldborten auf rotem Samt.
Im blaugrünen Gewand mit einem violetten Umhang kommt eine Magd aus der Barockkrippe Luhe zum Voirschein.
Dem Knecht fehlen das linke Bein und der linke Unterarm. Er trägt eine braune Wolljacke und Hosenträger aus braunem Leder sowie ein weißes Hemd mit Blumenmusterung.
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