28.06.2018 - 15:39 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Elektrifizierung weit, weit weg

Gespannt warten die Marktredwitzer Stadträte auf Neuigkeiten aus berufenem Munde in Sachen Bahn-Elektrifizierung. Was nach knapp einer Stunde bahntechnischen Einblicks übrig bleibt, sind lange und ungläubige Gesichter.

Die Abmessung für eine Elektrifizierung ist bei der Thomasbrücke (rechts im Bild) nicht ausreichend. Allerdings soll nach Mitteilung der Bahn hier nichts verändert werden. Vielmehr soll die Weiche vor der Brücke verschoben werden, teilen die Projektleiter mit. Nicht tangiert werde die Hofer Brücke (Rialtobrücke) links im Bild. „Da kommen wir durch.“
von Autor FPHProfil

(fph) „Sehr ernüchternd. Was anderes kann ich dazu nicht sagen“, fasst Oberbürgermeister Oliver Weigel auf Nachfrage die neuesten Erkenntnisse zusammen. Denn nach vagen Aussagen der beiden Gäste im Stadtrat, Michael Engelmann und Norbert Just von der DB Netz AG, scheint sich vor 2030 weder von Hof nach Regensburg über Marktredwitz noch von Nürnberg nach Marktredwitz etwas zu tun in Sachen Elektrifizierung, weil jetzt noch einmal völlig neu geplant werden müsse, um entsprechenden Schallschutz mit einzuplanen.

„Marktredwitz ist ein Verkehrsknotenpunkt der Bahn, weshalb für uns wichtig ist, zu wissen, auf welchem Stand sich die Planung befindet und welche Veränderungen wir am Bahnhof und durch Lärmschutzmaßnahmen zu erwarten haben“, meint Oberbürgermeister Weigel zu Beginn der Sitzung am Dienstagabend. Seine Erwartungen sollten sich nicht erfüllen. Die Projektleiter der sich in Marktredwitz kreuzenden Trassen, Michael Engelmann (Ost-West-Verbindung) und Norbert Just (Nord-Süd-Achse), versichern, dass die beiden Strecken „höhere Priorität im Ausbauprogramm des Bundes haben“. Der Bedarfsplan allerdings werde alle fünf Jahre neu überprüft. „Nach der durchgehenden Elektrifizierung soll es wieder einen Anschluss an den Fernverkehr geben“, stellt Just in Aussicht. Das stärke die Region und bedeute einen Qualitätsgewinn durch das elektrische Fahren.

Doch wann irgendjemand in den Genuss besagten elektrischen Fahrens kommt, lassen die beiden Herren offen. Vielmehr betonen sie die „Win-Win-Situation zwischen Bahn und Region“ und erzählen davon, „dass auch kleine Unternehmen von den Vorhaben der Bahn profitieren werden, weil wir die Vergabe-Pakete auch hier ausschreiben“.

In vier Bauabschnitten gliedere sich die Elektrifizierung der Verbindung Hof-Marktredwitz, wie Just und Engelmann mitteilen. Mit Ausnahme kleinerer Korrekturen bleibe der Marktredwitzer Bahnhof erhalten wie er ist. Probleme hingegen bereiteten einige Brücken, „denn wir brauchen eine lichte Höhe von 5,7 Metern“.

Michael Engelmann listet auf, wo es zwar keine Probleme mit dem Durchkommen geben werde, allerdings Schutzmaßnahmen geschaffen werden müssten, damit weder ein Berühren der Leitungen noch ein Übersteigen der Brückengeländer möglich sei. „Das betrifft die Brücke auf der B303 bei Marktredwitz, die Hofer Brücke, die in der Manzenberger Straße, in Wölsau, in Reutlas und in der Meußelsdorfer Straße.“ Nicht ausreichend hingegen ist die Abmessung für eine Elektrifizierung nach den Worten Justs und Engelmanns bei der Thölauer Brücke, in der Waldershofer Straße und bei der Thomasbrücke. Während bei den ersteren wohl Neubauten infrage kämen, plane die Bahn keine Umgestaltung der Thomasbrücke. „Hier werden wir die Weiche vor der Brücke verschieben“, so die Projektleiter der DB Netz AG. Dass sich in Sachen Elektrifizierung weiterhin alles verzögert, liegt laut Norbert Just am Schallschutz. Nach einer neuerlichen Vorschrift würden die bisherigen Anträge auf Planfeststellung ausgesetzt, „weil für die Neuplanung des Schallschutzes die Schallentwicklung an sämtlichen Gebäuden entlang der Strecke neu berechnet und bewertet werden muss“. Die Deutsche Bahn AG rechne damit, dass die Überarbeitung der Planung mehrere Jahre in Anspruch nehmen werde.

„Klassische Schallschutzwände können wir den Menschen leider nicht ersparen“, schickt Norbert Just voraus. Bis zu vier Meter hoch könnten diese sein, die keine Zierde für Stadt und Landschaft darstellten. Manche Dämme müsse man gar anschütten, weil die Lärmschutzwände eben stehen müssten.

„Der Baubeginn 2020 ist illusorisch“, räumt Engelmann ein. „Aber irgendwann gibt es den Tag X, doch diese Rechnung überlasse ich Ihnen selbst“, wendet er sich an die Stadträte, die mittlerweile resigniert dreinblicken. Mit einer erneuten Einreichung der Planung könne man 2021 rechnen.

„Sagen Sie uns mal bitte, wann der erste Zug auf der elektrifizierten Strecke hier fahren könnte?“, erkundigt sich Norbert Biersack von den Freien Wählern. Und Oberbürgermeister Oliver Weigel legt nach: „Wir sind bescheiden, nur von Marktredwitz nach Hof!“ Dazu fällt Norbert Just auch nichts ein: „Es gibt zu viele Unbekannte, die im Spiel sind, als dass wir Genaueres sagen könnten. Es kommt auf die Dauer des Verfahrens an. Biersacks sehr unbefriedigende Prognose dahin, „dass wir vor 2030 keinen Zug fahren sehen“, quittiert Michael Engelmann zögerlich mit dem Hinweis, „dass es Bundesverkehrswegeplan 2030“ heiße.

„Wenn man die Zeitplanung hört, ist das mehr als ernüchternd“, meint Oberbürgermeister Oliver Weigel. „In zehn Jahren ist die Technologie womöglich längst überholt, die entwickelt sich ja weiter. Wer weiß, was dann ist?“ Seit er sich erinnern kann, diskutiere man in Marktredwitz das Thema Elektrifizierung. „Und wir dachten, es geht mal einen Schritt weiter. Aus meiner Sicht ist dieser Zeitraum bis 2030 ein Wahnsinn!“

„Im Marktredwitzer Bahnhof wird im Januar 2019 ein Info-Büro der Bahn eröffnet, das regelmäßig über den Bahnausbau in Nordost-Bayern informiert“, kündigt Projektleiter Norbert Just an. Hier gebe es jeden ersten und dritten Donnerstag im Monat von 15 bis 19 Uhr Sprechstunden im Empfangsgebäude. Nähere Infos gibt es unter www.bahnausbau-nordostbayern.de und unter www.ostkorridor.de.








Kommentar:

Realitätsfremd

Die Elektrifizierung der Bahn in der Region rund um den Verkehrsknotenpunkt Marktredwitz wächst sich zur Never-Ending-Story aus. Seit gut zwei Jahrzehnten ist das Thema akut, doch die Mühlen der Bahn mahlen langsam. Nein, sie stehen eigentlich still. Wie viele Herren in Schlips und Kragen an wie vielen grünen Tischen in der Republik da schon meinten, ein gewichtiges Wörtchen mitreden zu müssen, um endlich in die Spur, sprich an die Oberleitung zu kommen, passt schon lange auf keine Kuhhaut mehr. Tschechien ist der Bundesrepublik längst voraus. Das Nachbarland Schweiz macht es den Deutschen schon ewig vor, wie man elektrisch und umweltfreundlich – zudem pünktlich – auf der Schiene vorankommt. Marktredwitz ist ein Verkehrsknotenpunkt, an dem zwei für die Elektrifizierung vorgesehene Trassen aufeinanderstoßen. Viele Jahre schon warten die Kommunalpolitiker darauf, dass hier endlich etwas passiert. Doch Fehlanzeige. Immer wieder neue Gründe, die Elektrifizierung aufzuschieben und zu verzögern. Alte Köpfe rollen, neue kommen und müssen wieder von vorn entscheiden. Würde man in der freien Wirtschaft so hantieren, wären die Unternehmen schon reihenweise pleite. Bis die Deutsche Bahn endlich in die Spur kommt, haben die Saudis längst Flug-Taxis im Einsatz und die Chinesen vermutlich das Beamen erfunden, und wir kommen ganz einfach via Knopfdruck von A nach B. Dann brauchen wir die wohl überholte Elektrifizierung auch nicht mehr!

Peggy Biczysko

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