08.11.2019 - 14:56 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Fleckvieh-Sperma als Hightech-Produkt

Was vor Jahrzehnten frisch abgesamt und per Fahrrad zu den Bauern gebracht wurde, ist heute ein hochtechnisiertes Produkt. Der Wölsauer Bullen- Samen ist weltweit gefragt.

von DTRProfil

Besucher bei den Besamungsprofis in Wölsau erleben eine Überraschung: Überall hängen Schilder mit Zutrittsverboten, und mehrere Schleusen trennen die verschiedenen Bereiche der Anlage. Die „Besamungsgenossenschaft Marktredwitz – Wölsau“ ist komplett abgeriegelt. Der Grund wird nach einem Gespräch mit dem Geschäftsführer Henning Wendt schnell klar.

„Seit der Gründung im Jahre 1951 stehen bei der Wölsauer Besamungsstation die bestmögliche Genetik und ein guter Service im Vordergrund“, erklärt Wendt. Nur in einem absolut sterilen Umfeld und unter fortlaufenden Kontrollen könne ein derart hochwertiges Produkt garantiert werden.

In den Anfangszeiten waren einige Bullen bei den Landwirten der Region untergebracht. Damals wurden die Tiere nach Bedarf abgesamt und das frisch gewonnene Sperma wurde mit dem Fahrrad, später auch mit dem Motorrad zu den Landwirten gebracht.

Heutzutage sind 25 Mitarbeiter in der Besamungsstation im Einsatz. Neben den Bürokräften und Labormitarbeitern sind 15 Besamungstechniker im Dauereinsatz. „Nur an sechs besamungsfreien Tagen im Jahr müssen die gut 1000 Landwirte auf unsere Leistungen verzichten“, erklärt der Doktor der Tierheilkunde. So decken die Spezialisten mit reichlich Erfahrung und modernster Technik ein Betreuungsgebiet mit den Landkreisen Hof, Wunsiedel, Tirschenreuth und Teile der Landkreise Kulmbach, Bayreuth und Neustadt/WN ab.

Nicht nur die Mitglieder der Genossenschaft, Landwirte aus aller Welt schwören auf die Produkte aus Wölsau. Das Kernprodukt – die Rasse Fleckvieh – biete eine perfekte Balance aus Milch- und Fleischproduktion. Im Gegensatz zu Milchrassen wie „Deutsche Holstein“ oder Fleischrassen wie „Angus“ sei „Fleckvieh“ für seine optimale Doppelnutzung berühmt. „Der Qualitätsunterschied zwischen dem argentinischen Rindfleisch und den deutschen Produkten ist aus meiner Sicht sowieso nur durch die lange Reifung während der Überfahrt zu begründen“, meint Wendt. Je mehr südamerikanisches Rindfleisch konsumiert werde, umso mehr Regenwald würde Acker- oder Weideland zum Opfer fallen, ist der Tierarzt sicher.

Die Wölsauer haben einige Top-Züchter unter ihren Mitgliedern. Mit dem neuen Anpaarungsprogramm soll die Qualität aus dem Zuchtgebiet weiter optimiert werden. Zusätzlich erwerben die Besamungsprofis erfolgversprechende Bullen wie den Neuzugang „Hotshoot“ auf Zuchtmärkten. „Der Preis für diese Prachtexemplare variiert dann zwischen 3500 und 150 000 Euro“, verrät der Geschäftsführer.

Abgesamt werden die rund 80 Bullen, die auf einer Fläche von 65 Hektar autark versorgt werden, maximal zweimal pro Woche. Das Sperma wird direkt nach der Gewinnung mit einer Puffersubstanz mit wichtigen Nährstoffen verdünnt und im Labor mit einer speziellen Software analysiert. So können die Mitarbeiter der Besamungsstation 20 Millionen Spermien in einer 0,25-Milliliter-Dosis sicherstellen. Der Samen ausgesuchter Bullen kann seit Neuestem sogar geschlechtsbestimmt bestellt werden. Das Spermium wird hier mittels UV-Laser und einem elektrischen Feld nach X- und Y-Chromosom getrennt. Nicht verwunderlich, dass das bei -196 Grad Celsius nahezu unbegrenzt haltbare Sperma aus Wölsau weltweit gefragt ist. Die Hightech-Produkte werden bis in die Türkei, nach Asien, Neuseeland und Südamerika versendet.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.