Funkloch Meerbodenreuth: Firmen und Bürger reden Klartext

Wettbewerbsnachteile für Betriebe, katastrophale Zuständen für Privatleute, eine unzufriedene Dorfjugend: Meerbodenreuth ist ein weißer Fleck im Mobilfunknetz, der Empfang gleich null. Die Bürger wollen dies nicht mehr länger hinnehmen.

Selbst in der Ortsmitte: Internet gibt es gar keines. Telefonieren ist an manchen Stellen mit Einschränkungen möglich - jedoch nur im Freien. Viele Einwohner wollen dies nicht mehr länger hinnehmen.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Wer in Meerbodenreuth mit dem Handy telefonieren will, muss dafür Umstände auf sich nehmen, die aus der Zeit gefallen scheinen. "Wenn jemand aus unserer Familie einen Anruf bekommt, wandern wir auf der Straße vor dem Haus auf und ab. Und das sommers wie winters." So beschreibt Hans Reichl die Situation im Dorf.

"Viele Kunden aus dem Ausland rufen mich nur noch über Mobilfunk an. Oft kommen die tagelang nicht durch, weil ich im Funkloch sitze. Rufe ich nicht zurück, ist der Auftrag weg. Denn wer zuerst reagiert, kriegt den Zuschlag. So läuft das", ärgert sich Franz Kern in seiner Sägemaschinenfabrik. Und Verena Shiers von der mit 70 Mitarbeitern im Ort größten Firma Polytec klagt: "Wir erreichen unsere eigenen Angestellten nicht, wenn sie am Betriebsgelände unterwegs sind. Denn nicht jeder arbeitet im Büro mit Festnetzanschluss. Die müssen wir dann erst mal suchen, anrufen per Handy geht ja nicht."

Zum Verzweifeln: Hans Reichl selbst schaltet sein Handy gar nicht mehr ein. "Es bringt ja eh nichts, ich telefoniere nur noch über das Festnetz." Sorgen macht er sich um die Jugendlichen im Dorf, weil sie ohne Mobilfunk abwandern könnten.

Netz als Wirtschaftsfaktor

Hans Reichl, Franz Kern und Verena Shiers beschreiben den Alltag in Meerbodenreuth – im Jahr 2019 wohlgemerkt. Ihre Aussagen belegen: Es handelt sich hier nicht um ein Komfortproblem. Die Menschen beklagen sich vordergründig nicht darüber, dass sie nicht zu Hause auf der Couch sitzend per Handy im Internet surfen können. Dass es in dem rund 140 Einwohner zählenden Gemeindeteil von Altenstadt/WN keinen oder nur einen ausgesprochen schlechten Mobilfunkempfang gibt, ist ein veritabler Wirtschaftsfaktor.

Es geht um Standortattraktivität, Wettbewerbsfähigkeit und letztlich, um Arbeitsplätze und Wählerstimmen. Demnach sagt Firmeninhaber Kern: "Ich würde mir schon überlegen, noch mal hierher zu ziehen mit meinem Betrieb." Als Chef der international tätigen Sägemaschinenfabrik Bauer spricht er aus Erfahrung. "Heutzutage ist der Service für den Kunden entscheidend. Rufe ich nicht zurück, weil ich wegen dem Netz nicht kann, überlegt sich der Kunde gründlich, ob er wieder bei Bauer bestellt. Was wir hier in Meerbodenreuth haben, ist ein geschäftsschädigender Nachteil."

Dass sich die Verbindung im Gemeindeteil seit Jahren nicht bessert, stößt auch Gerhard Steger vom Bodenbelagsgroßhandel Joka sauer auf. "Es ist ja nicht so, dass bei uns nichts wäre. Wir sind ja kein Dorf mit fünf Einwohnern, sondern haben drei große Betriebe hier. Und direkt nebenan ist Weiden. Das ist lächerlich", moniert der kaufmännische Angestellte die empfundene Vernachlässigung durch die Lokalpolitik. "Bei uns im Betrieb hat sich bisher noch niemand von der Gemeinde blicken lassen. Wenn sie zufriedene Bürger haben wollen, müssen sie auch kommen und sich die Sorgen anhören."

Fehlendes Verständnis von Politikern beim Mobilfunk wird im Ort nicht zum ersten Mal beklagt. So löste eine Aussage von Stephan Oetzinger Kopfschütteln aus, als der Landtagsabgeordnete Anfang August einer "Feierabendseidl" genannten Veranstaltungsreihe der CSU Altenstadt in Meerbodenreuth beiwohnte.

Weil er wegen fehlendem Empfang in Meerbodenreuth nicht zurückrufen konnte, hat Franz Kern schon zahlreiche Aufträge verloren. "Wer zuerst reagiert, kriegt den Zuschlag. So läuft das im Geschäft", sagt der Firmeninhaber verärgert.

Oetzingers Aussage irritiert

Vor dem Großteil der Einwohner hielt Oetzinger laut Reichl eine Rede, in der er den von der Staatsregierung forcierten, landesweiten Ausbau der neuesten 5G-Mobilfunktechnik ankündigte. Der 63-Jährige teilte nach eigener Auskunft dem Abgeordneten daraufhin mit, dass man schon froh wäre, wenn es in Meerbodenreuth überhaupt Empfang gäbe.

Reichl setzt sich seit langem privat für eine Entwicklung des Gemeindeteils ein und sagt: "Mir geht es nicht darum, jemanden anzuklagen. Ich will kein böses Blut. Wir wollen hier einfach nur normal telefonieren mit 4G, so, wie jeder andere auch." Trotz Oetzingers ungeschickter Bemerkung übt der Rentner keine pauschale Kritik an den Christsozialen - im Gegenteil: Die Partei habe sich in der Vergangenheit mehrmals im Ort blicken lassen. "Das ist die einzige Möglichkeit von uns Bürgern, bei denen wir persönlich die Anliegen vorbringen können." Durch dieses Format sei es gelungen, die Renovierung des Kapellenplatzes zu erreichen, berichtet Reichl. "Das zeigt uns, es kann was vorangehen. Jetzt ist unsere Hoffnung, dass sich beim Thema Mobilfunk auch endlich was tut."

Wichtig sei dies auch für die "sehr starke Dorfjugend", so Reichl. Organisiert in der Feuerwehr und dem Schützenverein, seien diese "der Schatz" von Meerbodenreuth. Das Problem: "Wenn die zusammensitzen und feiern wollen, hat natürlich auch niemand Empfang. Wir wollen die Jungen aber im Dorf halten. Es wäre schade, wenn sie deswegen abwandern wie anderswo."

Angesprochen auf die Situation in Meerbodenreuth hat Dominik Baschnagel, CSU-Bürgermeisterkandidat für Altenstadt, eine klare Meinung: "Die Situation ist für 2019 absolut untragbar. Ich habe das Thema deshalb bereits im Januar im Gemeinderat vorgetragen, und dem Bürgermeister ins Hausaufgabenheft diktiert, dass wir handeln müssen." Der Vorsitzende der Altenstädter CSU-Gemeinderatsfraktion präferiert eine interkommunale Lösung. "Mein Vorschlag ist, die Nachbargemeinden Parkstein und Weiden ins Boot zu holen. Dann müssten nicht überall Funkmasten gebaut werden." Allerdings habe Bürgermeister Ernst Schicketanz (SPD) einen Fahrplan angekündigt, welchen er im September im Gemeinderat vorstellen will. Wichtig sei, die Lösung "nicht auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben", macht Baschnagel Druck.

Meerbodenreuth hat kein Netz

Kooperation mit Parkstein

Der Rathauschef selbst sagt, ihm sei die Situation im Gemeindeteil bewusst. Auch Schicketanz denkt bei einer Lösung an eine Kooperation mit der Nachbargemeinde: "Parkstein will demnächst einen Funkmasten beim Bauhof errichten." Weil dieser nah an der Ortsgrenze stehen soll, müsse zunächst geprüft werden, ob dadurch nicht Meerbodenreuth bereits mit abgedeckt wird. "Sobald wir das wissen, kann man entscheiden, ob wir noch einen zusätzlichen Masten aufstellen." In diesem Fall müsse jedoch erst "ein Grundstück gefunden werden, das von der Bevölkerung ohne Proteste akzeptiert wird", gibt Schicketanz zu bedenken.

Warum das Problem nicht schon in den vergangenen Jahren angegangen wurde, konnte der SPD-Mann nicht beantworten. Kritik, er sei im Dorf als Ansprechpartner für die Bürger nicht präsent, will er nicht auf sich sitzen lassen: "Ich persönlich war die ganzen sechs Jahre sehr oft in Meerbodenreuth bei vielen Veranstaltungen, auch die SPD-Fraktion war da."

Mit rund 70 Mitarbeitern ist die Firma Polytec Industrielackierung der größte Arbeitgeber in Meerbodenreuth. Kunden und Gäste des Betriebs würden sich regelmäßig beschweren über fehlenden Empfang am Gelände, sagt eine Angestellte.
Basaltkegel schirmt Meerbodenreuth ab:

Basaltkegel schirmt ab

Das circa 140 Einwohner zählende Dorf gehört zu Altenstadt/WN, liegt räumlich aber näher an der Nachbargemeinde Parkstein. Zwar gibt es dort Mobilfunkmasten, doch der Parksteiner Basaltkegel schirmt Meerbodenreuth aus westlicher Richtung vollständig ab. Im Osten steht der nächste Mast im Wald auf Weidener Grund beim Schätzlerbad. Weil Meerbodenreuth in einem Talkessel liegt, kommen aus Richtung Weiden kaum Signale durch. Je nach Anbieter schwankt der Mobilfunkempfang im Dorf. Während es in Gebäuden faktisch gar kein Netz gibt, ist Telefonieren im Freien mit Einschränkungen möglich. Zum Surfen im Internet reicht es nicht. "Wir haben im Freien nur 1G oder 2G, 3G haben wir nirgendwo", berichtet Hans Reichl.

Alltag in Meerbodenreuth: Wer per Handy telefonieren will, sucht verzweifelt im Freien nach einer Verbindung. In Gebäuden geht gar nichts.

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