01.10.2021 - 13:39 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

50 Jahre Heimaterzähler und Naherholungszentrum Mehlmeisel: Von lustigen Inseraten und kuriosen Tauschvorschlägen

Vor 50 Jahren gab es in Mehlmeisel Folgendes zu lesen: „Tellerwäscher, Sonntagspredigt und eine dritte Feuerwehr“. Heimatforscher Josef Wiche beleuchtet die Entstehung von Heimaterzähler und Naherholungszentrum im Jahr 1971

Der Titelkopf des ersten Heimaterzählers 1971.
von Gisela KuhbandnerProfil

Beim Blättern in der Chronik von Mehlmeisel blickt Heimatforscher Josef Wiche aus Mehlmeisel auf die Zeit von vor einem halben Jahrhundert, als der damalige Bürgermeister Richard Fischer 1971 mutige Neuerungen einführte. Zwei Projekte von damals haben die Zeit bis heute überdauert: Der Mehlmeisler Heimaterzähler und das Naherholungszentrum können mittlerweile auf 50 Jahre zurückblicken. Dem rührigen Heimatforscher ist die spannende Reise in die Vergangenheit zu verdanken, die für viele mit unvergesslichen Erinnerungen an die damalige Zeit verbunden ist: der Mehlmeisler Heimaterzähler.

Fehlender Schnee

Die Nr. 1 des monatlich herausgegebenen Informationsblattes erschien am 29. Januar 1971 und umfasste acht Seiten im DIN-A5-Format. Probeweise wurden die ersten drei Monatsausgaben gratis ausgeliefert, danach kostete ein Jahresabonnement 4 D-Mark. Übergreifendes Thema der ersten Ausgaben war der ausbleibende Schnee der Wintersaison 1970/71. Erst im März 1971 hatte es offenbar für drei Wochen geschneit. Vorher stand der neue Skilift komplett still. Die Texte von damals zeigen, dass nach der Euphorie der ersten zwei Betriebsjahre am Skilift Ernüchterung eingekehrt war.

„Bürgermeister Richard Fischer schaffte mit seinen Aufsätzen im Heimaterzähler den Spagat zwischen sachlicher Gemeindeinformation und flott zu lesender Unterhaltung, wobei stets auch der Humor nicht zu kurz kam. Wer mit den Originalen des damaligen Gemeindelebens vertraut ist, entdeckt so manche 'derbleckende' Kleinanzeige“, sagt Josef Wiche und nennt einige Beispiele: „Suche Tellerwäscher, da mein Mann nicht mehr will. Anneliese - Großwirtin.“ Oder: „Warnung! Wer weiterhin das Gerücht verbreitet, daß meine Sonntagspredigten von meinem Onkel stammen, muß in die Kirchenkasse 20,- DM zahlen. Der Kaplan.“ In einer frühen Ausgabe „informierte“ Fischer mit viel Ironie über die Gründung einer dritten Feuerwehr in der Gemeinde „für die gewaltsam wachsenden Ortsteile Fischlohe und Klausenhaus“.

Auf den letzten Seiten jeder Ausgabe hielten die Verantwortlichen damals unter der Rubrik „Von Monat zu Monat“ alles Nennenswerte aus dem Gemeindeleben im Stil einer fortlaufenden Chronik fest. Mancher Gemeindebürger hat alle Heimaterzähler der vergangenen 50 Jahre gesammelt und teilweise auch zu Büchern binden lassen.

Sommer-Erholungsgebiet

Auch das Naherholungszentrum beim Bayreuther Haus hat seine zeitlichen Wurzeln im Jahr 1971. Bürgermeister Fischer verfolgte damals das Vorhaben, außerhalb des Dorfes im erhöht liegenden Gebiet des Ahornberger Forsts ein ansprechendes Sommer-Erholungsgebiet für Feriengäste zu schaffen. In einem ersten Schritt sollten ein Wildgehege und ein Wald-Kinderspielplatz entstehen. Die offizielle Grundsteinlegung für dieses Vorhaben erfolgte in einem kleinen Festakt am 17. Juni 1971 neben dem Bayreuther Haus. Festredner war der frühere Landrat Valentin Kuhbandner.

Josef Wiche verbindet persönliche Erinnerungen an diese Zeit: „Als die Baumfällarbeiten im Waldgebiet des künftigen Spielplatzes begannen, wurde uns Buben die Möglichkeit geboten, etwas Geld zu verdienen. Wir durften an gewissen Nachmittagen nach der Schule dort Äste und Streu zu Sammelflächen schleppen. Die Arbeit machte Spaß und wir verausgabten uns nicht zu sehr. Pro Nachmittag bekam man 5 D-Mark ausbezahlt, das war eine Menge Geld.“ Bürgermeister Fischer schrieb, wie in der Chronik nachzulesen ist: "Wie uns die Oberforstdirektion von Regensburg versichert, soll der Waldkinderspielplatz zu einem der schönsten der nördlichen Oberpfalz ausgebaut werden.“ Doch leider kam das geplante Vorhaben durch die Gebietsreform des Jahres 1972 ins Stocken, da von Oberpfälzer Seite kein großes Interesse mehr bestand, die geplanten Maßnahmen fortzuführen. Zu allem Überfluss hatte der schneefreie Winter der Saison 1971/72 den kompletten Stillstand des gemeindlichen Skiliftes verursacht, erklärt Wiche. Nicht viel besser sah es im Winter 1972/73 aus. Trotz zunehmender Kritik und steigender Schulden verfolgte Fischer sein Vorhaben.

"Schilift gegen Hallenbad"

Als auch in der Wintersaison 1973/74 der erhoffte Schnee weitgehend ausblieb, reagierte Fischer mit Selbstironie und setzte eine Kleinanzeige im Heimaterzähler auf: „Tausch! Tauschen Schilift gegen Hallenbad. Gemeinde Mehlmeisel. Rabatte an schnellentschlossene Kaufinteressenten“, ist in der Chronik nachzulesen.

Die offizielle Einweihung war Anfang August 1974 bei herrlichem Sommerwetter, „fast war es zu heiß“. Das Blockhaus „Verwaltungshütte mit Futterhaus“ am Rotwildgehege wurde seiner Bestimmung übergeben und Pfarrer Gebauer zelebrierte dort den Festgottesdienst, mit Blaskapelle Franzl Pscherer, Gesangverein Edelweiß und zahllosen Gästen.

„Einen mutigen Schritt der Gemeinde“ nannte der ehemalige Bürgermeister Richard Fischer damals die Investitionen in ein Naherholungszentrum, das heute sommers wie winters, mit Waldhaus, Wildpark, Liftanlagen, Loipen, Wanderwegen, Trimmpfad, Waldspielplatz und weiteren Freizeitanlagen und -angeboten ein ständig wachsender Besuchermagnet ist.

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Fichtelberg
Die symbolische Grundsteinlegung am geplanten Naherholungszentrum. Datum: „Tag der Deutschen Einheit“ 1971. Links Bürgermeister Fischer mit Schlägel, rechts mit Mikrofon der ehemalige Landrat Valentin Kuhbandner, nun Ehrenbürger der Gemeinde Mehlmeisel, im Hintergrund die Bergstation „Bayreuther Haus“.

„Suche Tellerwäscher, da mein Mann nicht mehr will. Anneliese - Großwirtin.“

Anzeige aus dem Heimaterzähler

„Warnung! Wer weiterhin das Gerücht verbreitet, daß meine Sonntagspredigten von meinem Onkel stammen, muß in die Kirchenkasse 20,- DM zahlen. Der Kaplan.“

Anzeige aus dem Heimaterzähler

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